Individuelle Therapien für individuelle Patienten – Erfolgsgeschichten aus der Substitutionstherapie

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Maria Klang* machte bereits mit 14 Jahren ihre ersten Erfahrungen mit Drogen. Jahrelange führte die pensionierte Beamtin ein Doppelleben – zwischen dem Leben einer berufstätigen Mutter und Ehefrau und jenem einer Suchtkranken. Nach mehreren Entgiftungen und etlichen Rückfällen hat die 50-jährige es nun mit Unterstützung von Prim. Dr. Olaf Rossiwall in einer substitutionsgestützten Therapie geschafft: Seit zwei Jahren ist Klang abstinent. Heute genießt sie ihr neu gewonnenes Leben und versucht, ihre Erfahrungen weiterzugeben.
*Name von der Redaktion geändert

Plattform Drogentherapien: Wie haben Sie Ihr Geheimnis – die Drogensucht – so lange geheim halten können?

Klang: Ich habe jahrelang ein Doppelleben geführt. Auf der einen Seite habe ich studiert, einen Job als Beamtin ausgeübt, geheiratet und mit 31 Jahren einen Sohn bekommen. Auf der anderen Seite bin ich sukzessive immer tiefer in den Drogensumpf gesunken, habe Unsummen an Geld für Opiate ausgegeben und bin mit den Jahren in ein psychisches und finanzielles Desaster geschlittert. Es hat Phasen gegeben, wo es mir gut ging und der Druck auszuhalten war. Schließlich hatte ich als Beamtin doch ein geregeltes, gutes Einkommen, das mir die Aufrechterhaltung meine Sucht lange Zeit gut ermöglicht hat. Aber mein Drogenkonsum ist mehr und mehr geworden, und immer wieder gab es dann auch den Moment: So geht es nicht mehr weiter, ich muss etwas ändern! Aber die Kraft und der Willen haben mir jahrelang gefehlt.

Welche Drogen haben Sie genommen?

Die gesamte Palette: Opiate, Kokain, Benzodiazepine, aber auch Cannabis, Alkohol und Zigaretten. Ich hatte immer Partner, die selbst suchtkrank waren. Drogen waren also täglich Thema, ich hatte ständig Zugang zu Drogen. Das hat es nicht einfacher gemacht, von der Sucht loszukommen.

Wie oft haben Sie probiert, aufzuhören?

Etliche Male. Ich habe immer wieder Entgiftungen gemacht, auch ambulante und stationäre Therapien, bin aber immer wieder rückfällig geworden. Im Jahr 1999 war ich sogar ein ganzes Jahr komplett clean. Ich bin dann aber bald wieder reingerutscht. Der Kopf wusste zwar um das Problem, aber das Herz nicht. Die Drogen haben diesen Zustand noch verstärkt und das Herz noch mehr verschlossen.

Wie sind sie zu Dr. Rossiwall gekommen?

Nach einem weiteren der vielen Versuche, clean zu werden, habe ich große Angst bekommen, wieder rein zu rutschen. Mir war klar, dass ich etwas unternehmen musste.  Das war im Jahr 2001. Ein Arzt aus der Nachbarschaft hat mich dann an Dr. Rossiwall weiterempfohlen. Und das war das Beste, was mir passieren konnte. Seine liebevolle und würdevolle Behandlung hat mir die Substitutionstherapie sehr erleichtert.

Hat es auch schwierige Momente während der Substitutionstherapie bei Dr. Rossiwall gegeben?

Ja. Besonders am Anfang. Diese tägliche Einnahme des Substitutionsmittels in der Apotheke vor fremden Menschen war für mich sehr unangenehm und diskriminierend. Außerdem musste ich mich erst daran gewöhnen, die komplette Dosis auf einmal einzunehmen, mir wurde am Anfang immer speiübel, ich war extrem müde und konnte kaum etwas unternehmen. Vorher hatte ich die Mengen ja über den Tag verteilt genommen. Das Medikament gibt zwar über den Tag verteilt kleine Dosen ab, aber diese Nebenwirkungen waren trotzdem sehr unangenehm. Schließlich bekam ich aber die Wochendosis mit nach Hause und konnte die Tagesdosis aufgeteilt in kleinere Mengen - meist 3x täglich - einnehmen, damit ging es mir dann viel besser.

Wie wichtig ist die Psychotherapie in der Substitutionsbehandlung?

Für mich persönlich ist die Psychotherapie ein wichtiger Schlüssel zur Heilung. Das habe ich auch sehr früh erkannt, ich war schon immer auf der Suche nach mir selbst. Substitution in Kombination mit Psychotherapie ist eine gute Möglichkeit, um den Weg aus der Sucht zu finden. Aber um sich wirklich spüren zu können und seine emotionalen Themen zu erkennen, muss man völlig clean sein. Und das war ich eben lange Zeit meines Lebens nicht.

Was war der Wendepunkt zum Weg raus aus den Drogen?

Im Jahr 2004 bin ich im Urlaub sehr krank geworden, da hat es mir endgültig gereicht. Ich habe die Entscheidung getroffen, aufzuhören – und zwar mit allem. Geblieben ist nur das Drogenersatzmittel. Da hatte ich bei Dr. Rossiwall ein Schlüsselerlebnis. Er hatte mir meine Frage gestellt: Wenn ich eine Droge behalten könnte, welche würde es sein? Und ich habe mich spontan für das Medikament entschieden. Da ist mir klar geworden, dass ich eigentlich nur mehr das brauche.

Wann haben Sie sich für die Abstinenz entschieden?

Da gab es keinen direkten Zeitpunkt. Den Wunsch hatte ich eigentlich immer. Aber wirklich durchgezogen habe ich es eben nach dieser Erkrankung. Die Krankheit hat mich wachgerüttelt, endlich Eigenverantwortung für mein Leben zu übernehmen. Ich habe nach meiner Frühpensionierung mit Unterstützung von Dr. Rossiwall eine Ausbildung zur Lebensberaterin erfolgreich absolviert  –  das hat mir viel Freude bereitet und Lebensmut gegeben. Das Substitutionsmittel wurde während dieser Zeit dann langsam runterreduziert.

Können Sie sich noch erinnern, wann Sie wirklich clean geworden sind?

Den letzten Anstoß hat ein Erlebnis am 16. März 2006 gegeben: Die Polizei führte bei mir eine Hausdurchsuchung durch – mit dem Verdacht, dass mein damaliger Freund Drogen besitzt. Gefunden haben sie nur die Substitutionsrationen von ihm und von mir, die sie uns gleich weggenommen und auch nicht mehr zurückgegeben haben. Meine komplette Wochenration! Ich war total fertig. Ich hatte große Panik! Wie sollte ich ohne diese Mittel sein können! Da war klar: Es reicht. Diese Angst will ich nicht mehr haben. Da war die Wille groß und stark. Zwei Monate später war ich komplett clean.

Wie geht es Ihnen heute?

Wunderbar. Ich habe ein neues Leben mit neuer Qualität, neuen und auch alten Freundinnen und Freunden. Ich fühle eine neue Begeisterung fürs Leben. Ich lebe im Moment und liebe mich selbst. Das sind zwei essentielle Dinge im Leben. Meinem Sohn geht es wunderbar, er meistert die Schule mit Bravour. Ich bin sehr stolz auf ihn, und glücklich und dankbar, dass es ihm so gut geht. Wichtig für den Heilungsprozess war dann noch die räumliche Trennung von meinem ehemaligen Freund, der nach wie vor süchtig ist. Es wurde für mich unerträglich,  weiter dabei zuzusehen, wie er sich selbst zerstört.

Welche Ziele haben Sie für die Zukunft?

Immer präsent und achtsam zu sein und das Leben zu genießen. Und im Rahmen meiner neuen Fähigkeiten möchte ich Menschen an sich selbst erinnern und an die Tatsache, dass sie selbst Schöpfer ihres Lebens sind.

Welche Botschaft haben Sie für Suchtkranke?

Glaubt daran, dass ihr es schaffen könnt. Übernehmt Verantwortung für Euer Leben. Es lohnt sich, alles dafür zu tun, clean zu werden, um dem Leben wieder zu begegnen. Denn das Leben ist ein wunderbares Geschenk.