Biologische Grundlagen der Sucht

Bedingungen für eine Suchterkrankung

Für das Zustandekommen einer Substanzabhängigkeit sind neben der Substanz selbst, Eigenschaften der Persönlichkeit und soziale Faktoren verantwortlich. Diese Wechselbeziehung zwischen Substanz, Persönlichkeit und Umwelt wird häufig als »Suchtdreieck« dargestellt. Jeder dieser Faktoren besteht wiederum aus einem Gefüge an Bedingungen. So spielt z.B. bei der Substanz die Dauer und Häufigkeit des Konsums eine Rolle. Zu Persönlichkeitsmerkmalen, die eine Substanzabhängigkeit begünstigen, zählen beispielsweise eine erhöhte Impulsivität, das starke Bedürfnis nach Spannungsreduktion oder ein ständiges Gefühl der Unzulänglichkeit. Soziale Faktoren können besonders belastende Lebenssituationen sein. Durch die Aufschlüsselung dieser Faktoren muss die Abhängigkeitserkrankung einzelner Menschen sehr differenziert betrachtet werden.

Das Belohnungssystem im Körper

Substanzen, die zu Missbrauch und Abhängigkeit führen, greifen auf unterschiedlichen Ebenen in körperliche Vorgänge (Gesamtorganismus und Stoffwechselvorgänge in Zellen) und in das Sozialverhalten des betroffenen Menschen ein. Diese Substanzen bemächtigen sich des Belohnungssystems und schalten es maximal an. Zuerst erzeugt dieser Prozess ein gutes Gefühl, aber es führt dazu, dass man auf alle anderen Belohnungen nicht mehr anspricht, also für alles andere nur noch Desinteresse hat. Der "Suchtstoff" ist das Einzige, das einen noch antreibt. Die Ausschüttung von Dopamin (Botenstoff) durch das Suchtmittel ist mindestens 5 bis 10 Mal stärker als die Stimulation durch normale Reize im Alltag und aus dem Umfeld. Subjektiv wird der Einfluss des Suchtmittels stärker als jeder natürliche Reiz als belebend, stimulierend, anregend oder euphorisierend wahrgenommen. Es wird angenommen, dass das Ausmaß der Euphorie von der Anflutungsgeschwindigkeit der Substanz im Gehirn abhängt: wird die Substanz beispielsweise gespritzt oder über die Lunge aufgenommen, ist die Anflutungsgeschwindigkeit sehr hoch.

Eine Verstärkung des Belohnungssystems erfolgt zunehmend durch neuerliche Substanzzufuhr und immer weniger durch andere, »natürliche« Reize. Das Belohnungssystem reguliert sich mit der Zeit nach unten. Es werden immer stärkere Reize benötigt, um das Belohnungssystem in Fahrt zu bringen. Es entsteht ein »Teufelskreis« von Intoxikation (= Vergiftung des Körpers durch Einnahme der Substanz), Substanzverlangen, unkontrolliertem Substanzkonsum, Entzugserscheinungen und neuerlicher Intoxikation. (Abb. 1) Mit der Zeit stimuliert nur noch der Substanzkonsum das Belohnungssystem.

Abb. 1: Das Syndrom der beeinträchtigten Hemmung und Bedeutungszuschreibung bei Abhängigkeitserkrankungen (nach Goldstein und Volkow)

Während einer Drogentherapie muss dem Belohnungssystem über lange Zeit gelernt werden, wieder auf leichtere, alltägliche Reize zu reagieren. Einem Substanzabhängigen fällt es beispielsweise sehr schwer, sich über alltägliche Dinge zu freuen, weil das Belohnungssystem »abgestumpft« ist.

Abhängigkeit, Belohnung und Kontrolle

Das Suchtverhalten wird vom Zusammenspiel zwischen dem limbischen System (Triebverhalten) und der Handlungsplanung im Stirnlappen im Großhirn beeinflusst. Dieses Zusammenspiel reguliert, in wie fern man seine Handlungen mit emotionalen Bedürfnissen und realen Erfordernissen in Einklang bringt. Diese Kontrollfunktion gerät bei Abhängigkeitserkrankungen aus dem Gleichgewicht, die Kontrolle nimmt ab. Die Bedeutung des Suchtmittels und der Drang zur Beschaffung sind gesteigert (Abb. 2). Sind der Suchtdruck bzw. die Entzugserscheinungen besonders stark, setzt sich der Betroffene auf Grund der verringerten Kontrollfunktion über soziale Erfordernisse hinweg (z.B. Beschaffungskriminalität).

Sowohl bedeutsame angenehme, als auch unangenehme Ereignisse können das Substanzverlangen verstärken.

Abb. 2: Bei Substanzabhängigkeit verändern sich die Regelkreise von (erwarteter) Belohnung, Motivation/Antrieb, Gedächtnis und Kontrolle. Das Belohnungssystem wird durch die (erwartete) Wirkung des Suchtmittels stimuliert, die Kontrollfunktionen sind abgeschwächt (nach Volkow et al.)

OA Dr. Walter Wagner

»Nicht nur die Substanz selbst, sondern auch die Persönlichkeit und das soziale Umfeld können zu einer Substanz-abhängigkeit beitragen.«

OA Dr. Walter Wagner, Zentrum für seelische Gesundheit, LKH Klagenfurt