Komorbidität

Neben der Sucht, körperlichen und sozialen Problemstellungen befinden sich unter den Drogenpatienten viele Menschen mit einer ausgeprägten psychischen Störung. Hier spricht man von Komorbidität, Dualdiagnosen oder Doppeldiagnosen (Diagnose von zwei oder mehreren gleichzeitig, nebeneinander oder nacheinander auftretenden Erkrankungen). Der Begriff der Komorbidiät ist im Verlauf der letzten 20 Jahre durch die Veränderung der Klassifikation psychischer Erkrankungen häufiger geworden. In der Suchtmedizin liegt neben einer Störung durch den Gebrauch psychotroper Substanzen eine weitere Diagnose aus dem Gebiet der psychiatrischen Erkrankungen vor.

Damit ein Patient adäquat behandelt werden kann, müssen komorbide Störungen erkannt und diagnostiziert werden und die Prinzipien der Behandlung müssen bekannt sein.

Prävalenzraten (= Zahl der Erkrankten im Verhältnis zu den untersuchten Personen) von Komorbidität bei Substanzabhängigen (n. ICD-10)
Organische Störungen 1–6%
Schizophrenien 7–25%
Affektive Störungen 7–74%
Angststörungen 5–46%
Essstörungen 3–10%
Persönlichkeitsstörungen 25–90%

Quelle: Berthel, Toni: Psychiatrische Komorbidität. In Beubler/ Haltmayer/ Springer (Hrsg.): Opiatabhängigkeit. Interdisziplinäre Aspekte für die Praxis. 2003.

Komorbidität - ein unterschätztes Phänomen

Komorbidität wird häufig unterschätzt und zu selten diagnostiziert. Bei den komorbiden Drogenkonsumenten unterscheidet man zwei Hauptgruppen: In der einen Gruppe dominiert die psychiatrische Erkrankung, während in der zweiten Gruppe die Drogenabhängigkeit das vorherrschende Merkmal ist. In Europa leiden heute rund 30 bis 50 Prozent aller in psychiatrischer Behandlung befindlichen Patienten neben der psychischen Erkrankung unter einer Substanzstörung – meist eine Abhängigkeit von Alkohol, Sedativa und Cannabis. Bei Klienten von Drogentherapiezentren, die unter Komorbidität leiden, zeigt sich überwiegend ein anderes Profil: Hier beherrschen Heroin-, Amphetamin- oder Kokainabhängigkeit und eine oder mehrere Persönlichkeitsstörungen das Bild der Diagnose, gefolgt von Depressionen und Angstzuständen und - wenn auch in geringerem Maße - psychotische Störungen. Diese Unterscheidung beeinflusst die Wahl der optimalen Behandlungsmethode. Beide Patientengruppen sind häufig über einen längeren Zeitraum auf eine kombinierte, allerdings unterschiedliche pharmakologische und psychosoziale Behandlung angewiesen. Komorbide Patienten haben also vielfältige psychische, physische und soziale Probleme, die identifiziert und diagnostiziert werden müssen.

Unter problematischen Drogenkonsumenten treten psychische Störungen also besonders häufig auf. Komorbidität wird in vielen Fällen weder von den psychiatrischen Teams noch von den Mitarbeitern der Drogeneinrichtungen erkannt. Patienten mit einer Doppeldiagnose werden nicht selten zwischen psychiatrischen Diensten und Suchtbehandlungsdiensten hin- und hergeschickt, eine sachgerechte Diagnose oder Behandlung ist unter diesen Umständen nicht möglich.

Es gibt keine psychosoziale Einzelmaßnahme der Drogentherapie, die sich in der Behandlung von Komorbidität als allen anderen überlegen erwiesen hätte. Die Behandlung von komorbiden Patienten erfordert eine langfristige integrierte Betreuung durch verschiedene Dienste.

Dr. Ekkehard Madlung

»Die Opiate an sich verursachen keine körperlichen Schäden, sondern die Umstände, unter denen die Patienten leben und mit den Drogen umgehen.«

Dr. Ekkehard Madlung-Kratzer, Ärztlicher Leiter Fachstation für Drogenentzug, Psychiatrisches Krankenhaus Hall/Tirol