
„Drogenreport Österreich“ attestiert dramatische Drogensituation
In seinem neuen Buch „Drogenreport Österreich“ (Egoth Verlag) thematisiert Autor Günther Zäuner Fragen und Probleme rund um die österreichische, speziell die Wiener, Drogenpolitik, den harten Kampf gegen die Drogenkriminalität, Vorurteile gegenüber Schwarzafrikanern, die Mängel in der Substitutionstherapie sowie die Kriminalisierung und die potenziellen Gesundheitsrisiken von Substitol.
Was sind die wesentlichen Aussagen des „Drogenreport Österreich“?
Zäuner: Dass sich im Grunde die Drogensituation verschlechtert hat. Es ist zu einer Zunahme von Drogen am Markt gekommen. Die Zahl der Drogenabhängigen und Drogendelikte ist gestiegen.
Was ist das Hauptproblem in der heimischen Drogensituation?
Zäuner: Das Thema wurde verpolitisiert. Jeder versucht, am Rücken der Drogenkranken sein politisches Kleingeld zu machen. Man reitet zwar Kampagnen gegen das Rauchen und den Alkohol, aber über illegale Drogen hört man nichts. Das ist ein Zeichen dafür, wie sehr die Problematik verharmlost wird.
Die Drogenpolitik in der Stadt Wien wird im Buch stark angegriffen. Gab es nur Versäumnisse?
Zäuner: Sicherlich nicht. Die Stadt Wien hat genügend Projekte initiiert, vor allem im Bereich der Prävention – aber eben mit dem falschen Ansatz.
Was wäre Ihrer Meinung nach der richtige Ansatz?
Zäuner: So früh wie möglich vor Drogen warnen. Das kann mitunter sogar im Kindergarten passieren.
Im Buch ist ein Teil der Situation der Schwarzafrikaner in Österreich gewidmet. Sie wollen vor allem mit dem Vorurteil aufräumen, jeder Schwarze sei auch automatisch ein Dealer.
Zäuner: Ja. Das ist ein dummes Vorurteil: Schwarze Hautfarbe ist nicht gleich Dealer. Allerdings haben Schwarzafrikaner nun mal tatsächlich den Straßendrogenhandel in ihrer Hand.
Die Drogenkriminalität ist laut Ihrem Report stetig im Steigen.
Zäuner: Es ist seit einiger Zeit speziell ein schwunghafter Medikamentenhandel im Gange – vor allem mit Substitol.
Substitol ist ein gängiges Mittel aus der Substitutionstherapie. Wo kommt es auf den Schwarzmarkt?
Zäuner: Es gehört zu den oralen Substitutionsmitteln und wird vom Substitutionsarzt verschrieben. Der Patient muss es in der Apotheke holen. Die Tablette wird dann eben nicht runtergeschluckt, sondern am Schwarzmarkt verkauft.
Warum wird das gedealte Substitol intravenös eingenommen?
Zäuner: Das versteht im Endeffekt nur ein Junkie: Er braucht den Flash. Substitol ist ein retardiertes Morphin. In Tablettenform eingenommen, gibt es den Wirkstoff verzögert frei. Wird die Tablette aber aufgekocht und injiziert, wird mit einem Schlag die komplette Wirkdosis freigesetzt. Der Flash ist dann ähnlich wie bei Heroin.
In Ihrem Buch kritisieren Sie vor allem die gesundheitsschädigende Wirkung eines wesentlichen Bestandteils dieses oralen Substitutionsmittels – des Talkums.
Zäuner: Talkum wird als Bindesubstanz in Tabletten eingesetzt. Es kommt also auch in Kopfschmerzmitteln vor. Oral eingenommen ist das Substitol – bzw. das Talkum - also kein Problem. Sonst wäre ja die Einnahme jeder Kopfwehtablette ein potenzielles Risiko. Wird die Tablette aber aufgekocht und der Sud injiziert, dann verlegt das Talkum einem Arterien und Venen. Das geht zehn Mal gut und ohne gesundheitlichen Schaden und beim elften Mal liegt man dann am Friedhof. Ein Beispiel dafür ist der im Buch erwähnte Fall des 16-jährigen Michael Pretterebner, dem dies genau so widerfahren ist.
Gibt es irgendwelche Beweise dafür, dass Talkum derartige gesundheitliche Schäden bis hin zum Tod verursacht?
Zäuner: Es gibt eine Studie des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen (ÖBIG), die ich auch im Buch erwähne. Diese Studie wird aber von der Mundipharma, der Vertriebsfirma von Substitol, nicht berücksichtigt.
Zur Stellungnahme von Mundipharma
Gibt es sonst irgendwelche Studien zu den Auswirkungen von Talkum auf den Körper?
Zäuner: Nein, überhaupt nicht.
Woher stammen die Zahlen, dass angeblich bis zu 200 Personen nachweislich an Substitol gestorben sind?
Zäuner: Teilweise von der Polizei, teilweise von der Gerichtsmedizin. Vom ÖBIG natürlich auch.
Zur Stellungnahme von Mundipharma
Laut Ihren Recherchen wurde das Medikament ohne klinische Studien zugelassen.
Zäuner: Ja, was völlig unerklärlich ist. Das Medikament ist in Österreich seit 1999 am Markt. Weltweit ist es nur in drei Staaten zugelassen – einer davon sind wir. Die Mundipharma gibt in ihren eigenen Papieren sogar zu, dass bis dato keine klinischen Studien vorliegen. Und: Die Einführung dieses Substitutionsmittels in Österreich wurde von Dr. Gabriele Fischer von der Drogenambulanz im AKH Wien forciert.
Zur Stellungnahme von Mundipharma
Was sind Ihre Hauptkritikpunkte gegenüber Substitol?
Zäuner: Warum hat man das ohne klinische Studien eingeführt? Warum untersucht man nicht die Ursachen, die zum Tod der Substitol-Opfer geführt haben? Ich rede vor allem von der schädlichen Wirkung von Talkum. Es wird ja einen Grund haben, warum das nur in drei Staaten zugelassen ist.
Sie kritisieren auch die geringe Unterstützung der betroffenen Angehörigen von Drogenabhängigen durch die öffentlichen Einrichtungen.
Zäuner: Die Eltern werden einfach im Stich gelassen, wenn ihr Kind bereits zu Drogen gegriffen hat beziehungsweise Drogen regelmäßig nimmt. Der im Buch beschriebene Fall Pretterebner dokumentiert das. Die Eltern als Erziehungsberechtigte des 16-jährigen Buben hatten überhaupt kein Recht, bei irgendeinem Therapiegespräch dabei zu sein. Das ist zwar nicht die Regel, dass Eltern aus der Behandlung ausgeschlossen werden, es passiert aber immer häufiger. Dagegen muss schleunigst etwas gemacht werden.
Sie schreiben, dass die Obduktionen von Drogentoten sehr schlampig – wenn überhaupt – durchgeführt werden. Warum ist das so?
Zäuner: Die Gerichtsmedizin ist ein Kapitel für sich mit vielen internen Problemen. Das vorrangige Thema ist: Es gibt ein spezielles Analysegerät am AKH namens „Liquid Chromatographic Mass Spectrometer“. Es ist ideal für die exakte Analyse eines Drogentoten. Leider kann dieses komplizierte Gerät offensichtlich niemand bedienen. Und Personal dafür gibt es auch nicht. Zudem ist diese Untersuchung eine teure Angelegenheit.
Was passiert nun üblicherweise?
Zäuner: Die Leichen werden oberflächlich obduziert, und das war es dann auch schon. Abgesehen davon wartet man oft Monate auf einen Befund.
In Ihrem Buch kommt die Substitutionstherapie nicht besonders gut weg. Was kritisieren Sie?
Zäuner: Es wird wieder verpolitisiert. Dann sind die Ärzte untereinander zerstritten, die eben auch politisch eingefärbt sind. Jedes Bundesland versucht auch noch, sein eigenes Süppchen zu kochen. Und das alles wird auf dem Rücken der Drogenkranken ausgetragen.
Generell stehen Sie der Substitutionstherapie also nicht ablehnend gegenüber?
Zäuner: Nein, überhaupt nicht. Substitutionstherapie funktioniert. Aber es gibt einfach zu wenige Therapieplätze. Da muss mehr gemacht werden. Aber das ist natürlich eine Geldfrage.
Welche Alternativen gibt es zu Substitol in der Substitutionstherapie?
Zäuner: Andere Medikamente. Subutex beispielsweise, auch ein retardiertes Morphin in Tablettenform. Das wird sehr wohl von Drogenabhängigen dem Substitol vorgezogen. Dr. Margarete Gross, eine streitbare Ärztin, die ich auch im Buch anführe, forciert Subutex. Sie hat nicht umsonst die größte Substitutionspraxis in Österreich mit mehr als 500 Patienten. Das funktioniert. Im Gegensatz zu Substitol, wo man ein Leben lang abhängig bleibt.
Anmerkung der Redaktion: Originalzitat des Autors. Buprenorphin (Handelsname Subutex®) ist ein halbsynthetischer gemischter Opioid-Agonist/Antagonist und zählt nicht zu den retardierten Morphinen. Mehr über Buprenorphin lesen Sie im Kapitel Substitutionsmittel.
Aber Substitol wird von vielen Ärzten sehr befürwortet, weil so viele Patienten darauf ansprechen, oft weniger Nebenwirkungen als bei anderen Medikamenten haben und damit therapietreu bleiben. Der Lebensalltag ist damit leichter zu bewältigen.
Zäuner: Das stimmt schon. Aber wovon ich rede, versteht nur ein Junkie. Der braucht den Flash. Und den bekommt er nur beim intravenös verabreichten Substitol.
Letztlich liegt das Problem beziehungsweise die Gefahr mit Substitol nicht in der Substitutionstherapie an sich, sondern eigentlich im kriminellen Vertrieb dieser Substanz.
Zäuner: Genau. Das heißt, man müsste das Substitol eigentlich so herstellen, dass es gefahrlos injiziert werden kann. Beispielsweise in flüssiger Form.
Zur Stellungnahme von Mundipharma
Abschließend – wie sollte man der steigenden Drogenproblematik begegnen?
Zäuner: Wichtig wäre es, gemeinsam – parteienübergreifend – eine Lösung für die Drogensituation zu finden. Und wenn man Drogen verteufelt, dann nicht nur die legalen, sondern auch die illegalen.
Drogenreport Österreich. H, Koks, Ecstasy, Gras – Falsche Träume. Von Günther Zäuner. Egoth Verlag, 455 Seiten, € 19,90.