
Frischer Wind in Österreichs Drogenkoordination
Dr. Johanna Schopper kennt die Drogensituation in Österreich: Die neue Bundesdrogenkoordinatorin im Bundesministerium für Gesundheit ist nicht nur seit 12 Jahren Leiterin der für Drogen und Suchtmittel zuständigen Abteilung, sondern war auch maßgeblich mit der Vorbereitung des Suchtmittelgesetzes befasst. Die Juristin gilt als Expertin für rechtliche und fachliche Angelegenheiten in der nationalen, europäischen und internationalen Drogen- und Suchtmittelpolitik. Im Gespräch mit der Plattform Drogentherapie gibt die gebürtige Tirolerin einen Einblick in ihre Aufgaben und Zielsetzungen, spricht über Österreichs federführende Rolle in der Substitutionsbehandlung in Europa und nimmt Stellung zur derzeitigen Vorsorgungsnot im Bereich der Substitutionsbehandlung.
Sie haben im Juli 2010 Dr. Franz Pietsch in der Bundesdrogenkoordination abgelöst. Wie haben sich die ersten Monate in Ihrer neuen Funktion gestaltet?
Schopper: In der inhaltlichen Arbeit hat sich nicht viel verändert. Ich leite die für Drogen und Suchtmittel zuständige Abteilung schon seit etlichen Jahren. In dieser Tätigkeit geht es stark um die Koordination und um die gegenseitige Abstimmung mit den Experten der verschiedenen, in die Drogenproblematik involvierten Stellen und Behörden – auf Bundes- und Landesebene. Mit der neuen Funktion als Bundesdrogenkoordinatorin kommt nun der Vorsitz in jenen Gremien dazu, die im Rahmen der Bundesdrogenkoordination vom Gesundheitsministerium präsidiert werden. Außerdem stehe ich jetzt mehr in der Öffentlichkeit, unter anderem als Ansprechpartnerin beispielsweise im Rahmen der Veröffentlichung des Drogenberichts.
Sind Sie zufrieden mit der derzeitigen Drogensituation in Österreich?
Schopper: Wenn man die österreichischen Drogenberichte der letzten Jahre verfolgt, kann man sagen, dass Österreich eine einigermaßen stabile Drogensituation hat. Wir bieten weitgehend flächendeckend ein sehr diversifiziertes Angebot an Beratungs-, Behandlungs- und Betreuungseinrichtunegn und Interventionsmöglichkeiten an – sowohl was abstinenzorientierte Ansätze, als auch die Substitutionstherapie betrifft, und haben mit den Fachstellen für Suchtprävention auch diesbezüglich ein Netz von hochspezialisierten Kompetenzzentren.
Der Drogenbericht 2010 zeigt allerdings, dass es derzeit einen alarmierenden Mangel an Substitutionsbetreuungsplätzen gibt. Ein Grund dafür ist der starke Rückgang an substituierenden Allgemeinmedizinern. Wie kann man dem entgegenwirken?
Schopper: Im Ballungsraum Wien gibt es diesbezüglich praktisch keine Probleme. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es in verschiedenen, vor allem ländlichen Regionen Schwierigkeiten mit der Versorgung gibt. Diese unbefriedigende Situation müssen wir rasch in den Griff bekommen.
Wesentlicher Grund für die Situation ist laut Experten die Einführung der Weiterbildungsverordnung orale Substitution beziehungsweise die damit verbundenen Auflagen. Wie kommt man nun den Problemen bei?
Schopper: Ich glaube, dass derzeit vieles in Bewegung und im Wandel ist. Die Situation hat sich im Zuge der Einführung der Weiterbildungsverordnung zugespitzt. Mit der Novelle 2009 haben wir versucht, diesen Problemen auf legislativer Ebene wieder gegenzusteuern. Jetzt muss man beobachten, wie es mit den Neuerungen funktioniert und ob sich die Situation durch nachkommende Ärzte wieder normalisiert. Sollten sich diese Probleme auf diese Weise nicht lösen lassen, muss man noch andere Möglichkeiten suchen.
Wie groß ist der Schaden dieses Versorgungsmangels für die Substitutionstherapie?
Schopper: Es tut der Substitutionsbehandlung auf jeden Fall nicht gut, wenn die Patienten bei der Suche nach Behandlungsplätzen lange Wartezeiten oder auch lange Anfahrtszeiten zu den Therapien auf sich nehmen müssen. Daher ist es wirklich wichtig, dass das Bundesministerium für Gesundheit gemeinsam mit allen verantwortlichen Stellen in den Ländern Lösungen findet. Dazu muss künftig die Kommunikation zwischen der Landes- und Bundesebene wieder stärker und besser werden. Geplant sind regelmäßige Treffen, wo man schaut, wo es welche Probleme gibt, wie allfällige Schwierigkeiten in den verschiedenen Ländern begegnet wird, oder ob es Maßnahmen auf Bundesebene braucht etc.
Welchen Stellenwert räumen Sie grundsätzlich der Substitutionstherapie ein?
Schopper: Das ist eine sehr wichtige Therapieform in der Suchterkrankung. Man erreicht damit bei ganz vielen Suchtpatienten eine wirklich gute Verbesserung ihrer gesundheitlichen und sozialen Situation sowie ihrer Lebensqualität. Daher muss die Substitutionstherapie möglichst vielen Patienten, die für diese Behandlung in Frage kommen, eröffnet werden – und zwar individuell abgestimmt auf die Bedürfnisse der Patienten. Eine abstinenzorientierte Therapie hat nicht von vorne herein bei jedem Suchtkranken und vor allem auch nicht zu jedem Zeitpunkt Aussicht auf Erfolg.
Wo steht Österreich mit seiner Drogen- und Suchtmittelpolitik innerhalb der EU?
Schopper: Im europäischen Vergleich bewähren wir uns ganz gut. Das Gesundheitswesen und damit die Drogen- und Suchtmittelpolitik sind ja primär eine nationale und keine EU-politische Angelegenheit. Daher gehen die Länder je nach Notwendigkeiten auch unterschiedlich mit dem Thema um. Aber natürlich gibt es Foren, wo man sich abspricht. Es gibt auf allen Ebenen Austausch, wo man sich andere Modelle anschauen und vergleichen kann. Da kann sich Österreich sehr gut sehen lassen.
In Fragen der Substitutionsbehandlung gilt Österreich durchaus als Pionier…
Schopper: Österreich hat sehr früh eine positive und konstruktive Rolle in der Substitutionstherapie gespielt – sowohl in der Forschung, als auch in der Umsetzung in der Praxis. Wir haben hier sicherlich eine sehr gute, federführende Position. Natürlich muss man, wo es notwendig ist, immer versuchen zu verbessern und weiter zu entwickeln.
Zur alltäglichen Praxis der Substitutionstherapie in Österreich: Die Experten und die substituierenden Ärzte klagen über eine Kluft zwischen den ordnungspolitischen Richtlinien und der praktischen Arbeit. Wie sehen Sie diese
Schopper: Die Substitutionsbehandlung ist eine Gratwanderung zwischen bestmöglichem Therapieangebot für die Patienten und der Einhaltung von Regulativen, um Missbrauch und Schwarzhandel zu vermeiden. Es geht letztlich um zwei Dinge: Zum einen braucht es einen individualisierten Behandlungsansatz. Jedem Patienten sollte eine auf Grund der persönlichen Situation und des Krankheitsbildes bestmögliche Therapie möglich sein. Man darf nicht vergessen: Bei der Drogensucht handelt es sich um eine schwere Krankheit, die häufig chronisch verläuft und vielfach Co-Morbiditäten aufweist. Auf der anderen Seite kann man nicht von der Hand weisen, dass die Behandlungsform der Substitution immer wieder mit Problemen in Verbindung gebracht wird, die nun mal bis ins Strafrecht hineinreichen. Beispielsweise, wenn es zur nicht verschreibungskonformen Anwendung des Substitutionsmittels kommt, und Teile des Arzneimittels in den Schwarzmarkt gelangen. Das hat mit Sicherheit mit dem Krankheitsbild des jeweiligen Patienten zu tun. Dennoch gilt es, das zu unterbinden.
Bei vielen der gesetzlichen Vorgaben fühlen sich die Ärzte in ihrer täglichen Arbeit beschnitten…
Schopper: Die Ärzteschaft sieht es natürlich nicht gern, wenn man in ihre Behandlungskompetenz eingreift. Aber es gibt nun mal diesen Sicherheitsaspekt bei der An- und Verwendung der Substitutionsmedikamente, und dem muss Rechnung getragen werden, beispielsweise in dem die Mitgabebedingungen definiert werden, um dem Missbrauch entgegen zu wirken. Aber wir haben nach der Evaluierung der Novelle der Suchtmittelverordnung 2007 durchaus die Schwierigkeiten erkannt und mit den Novellen 2009 die Vorgaben für die Ärzte, wo sie zu Problemen führten, wieder etwas gelockert, die Weiterbildung adaptiert und therapeutischen Überlegungen bei der Abgaberegelung mehr Platz eingeräumt. Ein Arzt hat jetzt die Möglichkeit, von den sehr strikten und detaillierten Regelungen abzuweichen, wenn er es medizinisch-therapeutisch gut begründen und rechtfertigen kann.
Im Dickicht des Paragraphendschungels ist es oftmals nicht einfach, den richtigen und vor allem gesetzlich einwandfreien Behandlungsweg zu finden…
Schopper: Gerade auch deshalb ist die Weiterbildung ein wichtiges Instrument, um solche Unklarheiten zu beseitigen, Fragen zu beantworten und die betreffenden Ärzte und Ärztinnen schlichtweg in diesen Dingen zu schulen. Es bietet auch die Möglichkeit, sich mit Kollegen über schwierige Fälle auszutauschen, Erfahrungen einzuholen, etc. Gerade bei einem Feld, wo der Missbrauch zum Krankheitsbild gehört, muss man sich ganz einfach mit den Rahmenbedingungen, auch den rechtlichen, auseinandersetzen.
Welche Ziele haben Sie sich für die nächste Zeit gesteckt?
Schopper: Die weitere Beobachtung der Entwicklungen in der Substitutionsbehandlung und Verbesserungen, wo sich Bedarf zeigt. An der Verbesserung der epidemiologischen Datenbasis arbeiten wir seit einiger Zeit intensiv. Es ist mir auch ein Anliegen, dass alle Fälle, in denen ein Verdacht auf Tod durch Drogenkonsum besteht, durch Obduktion abgeklärt werden. Das ist nicht nur für eine klare und korrekte Statistik wichtig, sondern daraus lassen sich auch ganz wichtige Maßnahmen für die Prävention ableiten. Wir wissen, dass 99 Prozent der Suchtkranken einen Mischkonsum betreiben. Und dieser ist besonders gefährlich, weil die Interaktionen von diesen verschiedenen Substanzen und damit verbundenen Gesundheitsrisiken für den Betreffenden einfach nicht abschätzbar sind. Gemeinsam mit dem schlechten Allgemeinzustand vieler Suchtpatienten kann ein Mischkonsum oder eine Überdosierung schnell zum Tod führen. Auch wenn es heißt: „Schon wieder ein Substitol-Toter“, stellt sich bei der Obduktion meist heraus, dass verschiedene Suchtgifte, Alkohol bzw. auch Medikamente involviert waren. Das zu wissen, ist wichtig. Da die Beauftragung von Obduktionen Angelegenheit der Strafverfolgung oder der Länder ist, hat das Bundesministerium für Gesundheit allerdings nur wenig Möglichkeit, steuernd einzugreifen. Daher kann ich nur an die zuständigen Stellen und Kostenträger appellieren, trotz restriktiver Finanzsituation für eine ausreichende Aufklärung solcher Fälle zu sorgen.
Herzlichen Dank für das Gespräch.