Aktuelle Entwicklungen und Projekte in der Burgenländischen Drogentherapie

Interview mit Chefarzt Univ. Prof. Dr. Karl Dantendorfer
2008

Der Psychosoziale Dienst Burgenland – ein Gesamtanbieter bei psychischen und Suchterkrankungen

Mit der Erstellung des „Psychiatrieplans Burgenland“ hat Chefarzt Univ. Prof. Dr. Karl Dantendorfer, Geschäftsführer des Psychosozialen Dienstes (PSD) Burgenland, im Jahr 2000 die Basis für ein landesweit flächendeckendes Betreuungs-, Behandlungs- und Präventionssystem für psychische und Suchterkrankungen gelegt. Heute gilt die Tochtergesellschaft der Burgenländischen Krankenanstalten GmbH als eines der erfolgreichsten nachhaltigen Gesundheitsversorgungsnetzwerke Österreichs.

Die Suchtkoordination des Landes Burgenland wurde 2005 aus dem Amt der Burgenländischen Landesregierung ausgegliedert und ist seitdem, wie auch die Suchtprävention, ein eigenständiger Fachbereich des Psychosozialen Dienstes (PSD) Burgenland.

Acht Ambulanzen im ganzen Land – sieben PSD Beratungsstellen in allen Bezirkshauptstädten und eine Psychiatrieambulanz im Krankenhaus Oberwart – stehen sowohl Drogenkranken, als auch psychisch Kranken als Anlaufstelle für Therapie und Beratung zur Verfügung. Ein heilpädagogisches Zentrum in Rust und zwei Ambulanzen für Kinder- und Jugendpsychiatrie ergänzen das breite therapeutische Angebot. Der PSD Burgenland bietet damit flächendeckend ein Spektrum an, das fachärztlich psychiatrische, psychologische, psychotherapeutische, sozialarbeiterische und im weitesten Sinne unterstützende Leistungen umfasst – für Menschen, die psychische Probleme haben, eine psychiatrische Erkrankungen aufweisen, suchtkrank sind oder sich in einer akuten Krisensituation befinden.

Die moderne Psychiatrie ist eine ambulante Psychiatrie

Seit kurzem sind alle acht Ambulanzen nach Paragraph 15 des Suchtmittelgesetzes anerkannte Trägerorganisationen für die Behandlung, Beratung und Betreuung von Patienten in Hinblick auf Suchtgiftmissbrauch. Das PSD Burgenland bietet damit ein beispielhaft flächendeckendes  Versorgungsprogramm für suchtkranke Patienten.

Im Interview mit der Plattform Drogentherapien stellt Prof. Dr. Karl Dantendorfer unter anderem erfolgreiche Modelle wie das „Betreute Einzelwohnen“, die burgenländische  „psychosoziale Krisenintervention“ oder Suchtpräventionsprojekte wie „Bleib du“ oder „feelok“ vor.

Plattform Drogentherapien: Was ist die Aufgabe des Psychosozialen Dienstes (PSD) Burgenland?

Dantendorfer: Im Gegensatz zu vielen anderen Einrichtungen in Österreich sind wir ein Globalanbieter. Das heißt, wir haben einen Versorgungsauftrag, der alle psychiatrischen Bereiche umfasst – von den illegalen und legalen Drogen bis zu allen psychischen Erkrankungen. Im Vergleich zu anderen Bundesländern vereinen wir also alles, was andere psychosoziale Dienste machen mit Angeboten die in anderen Bundesländern von Vereinen und NGO´s erbracht werden.

Sind sie diesbezüglich in Österreich einzigartig?

Das kann man so nicht sagen. Eine Besonderheit ist aber sicherlich, dass wir auf der einen Seite ganz klar eine medizinische Einrichtung sind – jede Beratungsstelle steht unter der Leitung eines Facharztes oder einer Fachärztin. Auf der anderen Seite haben wir wahrscheinlich die am besten ausgebauten multiprofessionellen Teams, die sehr gut interdisziplinär arbeiten. Wir legen auch einen großen Schwerpunkt auf die nachgehende Betreuung – ein Schlüssel zur nachhaltigen Therapie. Ein besonderes Modell nennt sich „Betreutes Einzelwohnen“: Dabei hat jeder, der eine Betreuung zu Hause benötigt, die Möglichkeit, dort von einem multiprofessionellen Team in einem Umfang von bis zu zehn Wochenstunden betreut zu werden. Dieser Leistungsanspruch ist seit drei Jahren in der burgenländischen Gesetzgebung festgesetzt und kann von jedem in Anspruch genommen werden. Derzeit betreuen wir laufend zirka 80 Patienten über dieses Modell.

Welche Patienten nehmen das Angebot in Anspruch?

Das sind Patienten mit schweren Psychosen wie Schizophrenie, aber auch multi-morbide Patienten – zu dieser Gruppe zählen nicht wenige Suchtkranke. Wir haben zunehmend Patienten mit Doppeldiagnosen - also beispielsweise eine Psychose plus einer Substanzabhängigkeit. Gerade diese Menschen sind besonders betreuungsintensiv. Und genau für sie ist das „Betreute Einzelwohnen“ sehr wichtig.

Machen Sie auch Krisenintervention?

Ja. Der PSD Burgenland bietet Krisenintervention an - aber nur am Tag. Für die Nacht haben wir aber ein eigenes Modell entwickelt, das es in dieser Form wohl in keinem anderen Bundesland gibt. Es handelt sich dabei um ein Nachtdienstsystem der niedergelassenen Ärzte. Pro Nacht sind im gesamten Land  jeweils 29 praktische Ärzte im Einsatz. Diese Ärzte verfügen durch laufende Fortbildungen, die gemeinsam mit der Ärztekammer organisiert werden, über spezielles Know-how für die Krisenintervention: Was mache ich mit einem Suizid-Patienten? Wie gehe ich mit einem Drogennotfall um?

Macht sich die Arbeit des Kriseninterventionsteams auch bereits in Zahlen bemerkbar?

Die Zahlen aus unserem letzten Jahresbericht zeigen deutlich, dass man durch eine derart gute ambulante Versorgung stationäre Aufenthalte reduzieren kann. Im Vergleich zu Gesamtösterreich haben sich unsere stationären Aufenthalte drastisch verringert. Unser Leitspruch lautet: Eine moderne Psychiatrie ist eine ambulante Psychiatrie – und dieses Motto geht sichtlich auf.

Wie sieht der Drogenplan des PSD Burgenland aus?

Es gibt einen im Jahr 2000 detailliert erstellten Suchtplan, der die großen Leitlinien festlegt. Prinzipiell trennen wir unsere Ressourcen nicht zwischen Suchtkranken und schweren psychischen Erkrankungen. Wir haben zwar in jedem Team gewisse Gewichtungen und Mitarbeiter, die sich auf einen der beiden Bereiche stärker konzentrieren. Aber prinzipiell macht jeder Mitarbeiter bei uns alles. In anderen Bundesländern sind die Angebote häufig getrennt. Einige PSDs in den Bundesländern bieten Drogenbehandlungen gar nicht an.

Wie sieht dieser Suchtplan konkret aus?

Der Drogenplan selbst ist ein Papier, das die Leitlinien festlegt, aber nicht die detaillierte Umsetzung. Der praktische Teil ist der „Psychiatrieplan Burgenland 2000“. Grundsätzlich wollen wir eine flächendeckende Versorgung sicherstellen – mit Angeboten, die eine Behandlung und Betreuung im individuellen Lebensumfeld der Patienten möglich machen und nahe des Wohnorts stattfinden, sodass die Menschen nicht aus ihrem sozialen Umfeld und ihrem Alltag gerissen werden.

Was ist das Ziel des burgenländischen Suchtplans?

Oberste Ziele sind die „Harm Reduction“, also die Schadensbegrenzung, und die Prävention. Langfristig geht es darum, dass Patienten nicht aus ihrem sozialen Umfeld herausfallen beziehungsweise wieder re-integriert werden. Ein wesentliches Stichwort ist „Therapie statt Strafe“. Alle Jugendlichen und Erwachsenen, die erwischt und angezeigt werden, haben die Möglichkeit, durch die Teilnahme an einer Therapie eine Anzeigenzurücklegung zu erwirken. Diese Menschen kommen dann zu uns und werden von uns betreut und behandelt.

Wird in allen acht Beratungsstellen Drogenberatung beziehungsweise Substitutionstherapie angeboten?

Die Drogenberatung findet selbstverständlich überall statt. Die Substitutionstherapie machen wir seit zirka einem halben Jahr an allen Standorten. Das war bisher nicht möglich, weil wir nicht die Facharztkapazitäten hatten. Mittlerweile bieten wir den niedergelassenen Ärzten an, die Indikation und Ersteinstellung zu machen und mit einer Therapieempfehlung zu überweisen. Oder der Patient bleibt bei uns – das ist die zweite Möglichkeit. Derzeit werden bei uns um die 200 Patienten in der Substitution betreut, zirka 50 Patienten sind bei niedergelassenen Ärzten. Wir organisieren auch regional im Norden und im Süden die laufenden Drogenstammtische, also die gesetzlich geforderten Fortbildungsveranstaltungen. Wir haben auch gemeinsam mit der Ärztekammer und dem Landessanitätsdienst im Sommer 2007 die komplette Ausbildung wieder angeboten. Das versuchen wir nun, alle zwei Jahre anzubieten.

Wie ist der Zugang zur Substitutionstherapie?

Sehr niederschwellig. Wir haben generell immer eine offene Tür. Derzeit gibt es Wartezeiten von nur wenigen Tagen. Im Bedarfsfall besteht auch die Möglichkeit, die Therapie anfänglich zu Hause zu machen. Unsere Angebote sind prinzipiell alle kostenfrei. Es gibt keine Form des Selbstbehalts. Es ist auch nicht an den Versicherungsstatus gebunden. Wir haben zwar jetzt diesen Kassenvertrag, aber wir nehmen natürlich auch Patienten, die nicht versichert sind.

Wie läuft die Substitutionstherapie im PSD Burgenland konkret ab?

Gesetzeskonform. Wir haben auch eine große Patientengruppe, die in Ausbildung oder im Berufsleben sind. Da gibt es die gesetzlich vorgegebenen Mitgaberegelungen. Alle anderen bekommen ihre Dosis täglich. Auch bei der Verteilungshäufigkeit der Medikamenten – Methadon, Buprenorphin und Morphin retard – liegen wir im Bundesländervergleich. Seit der Novellierung der Drogenverordnung haben wir etwas mehr Methadon-Patienten. Aber wir haben nach wie vor natürlich auch Substitol-Patienten. Und: Wir haben vor allem jene, die auf Substitol eingestellt waren, nicht umgestellt. Das wäre medizinisch gesehen nicht vertretbar.

Wie viele Suchtkranke schätzen Sie gibt es im Burgenland?

Das sind Hausnummern. Wir haben die Schwierigkeit, dass wir eine hohe Dunkelziffer haben, die nach Wien auspendelt. Als ich 2001 im Burgenland angefangen habe, gab es offiziell keinen einzigen Substitutionspatienten. Jetzt haben wir 150-200 Patienten die eine Ersatztherapie machen, mit den Patienten, die von niedergelassenen Ärzten betreut werden, kommen wir auf circa 250 Therapiepatienten. Dieser rapide Zuwachs ist sicherlich darauf zurückzuführen, dass jetzt die Angebote vorhanden sind, bei denen man auch zu Hause bleiben beziehungsweise weiterhin zur Arbeit oder in die Schule gehen kann.

Bietet der PSD Burgenland auch Suchtprävention an?

Auch da sind wir in Österreich einzigartig. Die Fachstelle für Suchtprävention ist Teil unserer Organisation. Das ist eine Besonderheit. Da hat es anfangs große Widerstände in den anderen Bundesländern gegeben, weil es viele Präventiv-Einrichtungen gibt, die mit den versorgenden Einrichtungen nichts zu tun haben wollen. Unsere Betreuer sind aber auch in der Prävention tätig. Sie kennen den Suchtalltag und bringen deshalb eine hohe Kompetenz für diese Aufgabe mit.

Was tun diese Mitarbeiter?

Neben unseren eigenen Projekten sind wir vor allem bemüht, die verschiedenen Organisationen und Interessensgruppen, die Präventionsarbeit leisten, unter ein Dach zu bringen und zu vernetzen, damit die Aktionen akkordiert ablaufen. Wichtig ist dabei auch die Nachhaltigkeit. Daher gehen wir auch nicht nur einmal an eine Schule, sondern bieten ein laufendes Programm an.

Welche Programme gibt es konkret?

Wir haben ein Projekt, das ganz unten, im Kindergarten, ansetzt. Das ist der „Spielzeugfreie Kindergarten“.  Es geht darum, Kindern Stresstoleranz beizubringen, mit wenigen Mitteln das Auslangen zu finden, nicht auf eine externe Befriedigung zurückzugreifen. Und der Hintergrund ist, dass das bereits suchtpräventiv wirken soll. Es stärkt die eigene Kompetenz und Persönlichkeit. Das Projekt „Bleib du“ gibt Jugendlichen und Schülern die Möglichkeit, mit Experten der Fachstelle über altersbedingtes Probier- und Konsumverhalten, Verhalten in Problemsituationen oder Unterstützungsmöglichkeiten in Krisenfällen zu sprechen. Ein sehr gutes Instrument ist auch „feelok“, ein internetbasiertes Interventionsprogramm zum Thema Jugendgesundheit und Suchtprävention. Es richtet sich an Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren und vermittelt allgemeine Informationen und Interventionsmöglichkeiten zu typischen Pubertätsthemen wie erste Liebe, schulischer Stress oder Gruppenzwänge ebenso wie zu Suchtbereichen wie Rauchen, Alkohol und illegaler Drogenkonsum.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Weiterführende Informationen:
PSD Burgenland: www.psd-bgld.at

verfasst am 31.03.2008