Auch Drogenabhängige werden älter – Zur Lebenssituation einer Randgruppe

„Auch Drogenabhängige werden älter“… so titeln Irmgard Eisenbach-Stangl und Harald Spirig ihren jüngsten Policy Brief über die Lebenssituation einer bislang unerforschten und unbeachteten Randgruppe im Bereich der Suchterkrankungen: den Drogensenioren. Die Sozialwissenschaftlerin vom Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik & Sozialforschung in Wien und der Soziologe und Geschäftsführer des „Schweizer Haus Hadersdorf“ widmen sich in der im Rahmen eines EU-Projekts* den Problemkonsumenten im Alter von 35+, die immer stärker ins Blickfeld der Suchtforschung und der Suchtbetreuung rücken. Im Gespräch mit der Plattform Drogensubstitution.at erklären die Experten, warum diese „hidden population“ erst jetzt sichtbar und auffällig wird, mit welchen Problemen Drogensenioren kämpfen und wie die Rahmenbedingungen für eine gute Versorgung aussehen könnten.

*Das europäische Forschungsprojekt „Senior Drug Dependents and Care Structures – SDDCare“, das aus Mitteln der Europäischen Union gefördert wurde, hat sich zum Ziel gesetzt, das Wissen über die Lebenssituation und die Gesundheit von älteren drogenabhängigen Frauen und Männern zu verbessern und Grundlagen für ihre Versorgung zu erarbeiten. Es wurde zwischen 2008 und 2010 in Deutschland, Österreich, Polen und Schottland durchgeführt. Die Projektleitung lag bei der Fachhochschule Frankfurt, die Projektpartner gehörten teils dem wissenschaftlichen, teils dem Betreuungsbereich an. In Österreich kooperierten das „Europäische Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung“ mit dem „Schweizer Haus Hadersdorf“, beide in Wien.

Wie definieren Sie „Drogensenioren“?

Eisenbach-Stangl: Wir reden dabei von der Zielgruppe 35+, also von Problemkonsumenten, die 35 Jahre und älter sind. Als Problemkonsum verstehen wir den nicht medizinisch verordneten Gebrauch von Opiaten, unabhängig davon, ob er im Zusammenhang mit einer Substitutionsbehandlung steht oder ob auch weitere legale und illegale Substanzen konsumiert werden.

Spirig: Es hat sich gezeigt, dass das Alter nicht nur am Geburtstag festzumachen ist, sondern, dass der körperliche Alterungsprozess bei Drogenabhängigen wesentlich schneller verläuft. Ein 40jähriger, der über lange Zeit Drogen konsumierte, hat vielleicht den Körper eines 60jährigen.

Eisenbach-Stangl: Das hängt natürlich auch von den Lebensumständen ab. Ein Drogenabhängiger in einer privilegierteren Lebenssituation, mit größeren Ressourcen und gesichertem Zugang zu Drogen von akzeptabler Qualität kann durchaus ganz gut mit seinem Drogenkonsum leben und alt werden.

Ist Drogenabhängigkeit im Alter ein Tabuthema?

Eisenbach-Stangl: Alter und Drogenabhängigkeit sind sicherlich Reizthemen, wo sich die Stigmata addieren.

Spirig: Das ist eine Frage des Blickwinkels. Für Ärzte, Betreuer von Drogensenioren, beziehungsweise Sozialarbeiter ist das Thema Alter und Drogenabhängigkeit weder ein Tabu noch eine Randerscheinung. Für den Durchschnittsbürger in Österreich lautet das Klischee, Drogenkonsum führe zum frühen Tod. Natürlich erstaunt es diese Menschen, wenn Drogenabhängige 50 Jahre und älter werden. Auch für Seniorenheime sind Drogensenioren ein Tabu, und kann für viele Heimleitungen etwas sehr Überraschendes und Neues sein. Je weiter entfernt man von dieser Randgruppe ist, desto mehr wird es zu einem Tabuthema.

Hat man sich dem Thema „Drogensenior“ bislang nicht gewidmet?

Eisenbach-Stangl: Nicht wirklich. Selbst in Drogeneinrichtungen und der Forschung ist das Thema „Alter und Drogenabhängigkeit“ ein neues, bislang unbearbeitetes Feld. Die internationale Drogenwelle ist vor 40 Jahren als Jugendphänomen aufgetreten. Von diesen Konsumenten aus den 70iger Jahren werden jetzt die ersten Betroffenen älter und tauchen als neue Zielgruppe auf.

Warum wird man erst jetzt auf die Gruppe der Drogensenioren aufmerksam?

Spirig: Sehr viele Konsumenten, die in den 60iger und 70iger Jahren mit den Drogen begonnen haben, sind bislang nicht auffällig geworden, nicht in Kontakt mit Betreuungseinrichtungen und auch nie in Konflikt mit dem Gesetz gekommen. Aber diese Gruppe wird jetzt älter und wird auf Grund von zunehmender Gebrechlichkeit und Pflegebedürftigkeit auffällig. Diese „hidden population“ gehört zu den überraschenden Ergebnissen der Studie.

Wie viele von den 35+ sind in Substitution?

Eisenbach-Stangl: Das Substitutionsregister zeigt eine kräftige Zunahme von Substituierten seit der Jahrtausendwende. Unter den Substituierten war der Anteil der älteren Drogenkonsumenten bereits im Jahre 2000 hoch und er blieb dies auch in den folgenden Jahren: Im Jahr 2007 waren etwa 4.000 ältere Drogenkonsumenten substituiert, das war fast die Hälfte aller Substituierten.

Spirig: Absolut und relativ besehen, ist die Zahl der Ältesten – der über 50-Jährigen – am deutlichsten gewachsen. Zu berücksichtigen ist allerdings das niedrige Ausgangsniveau: Im Jahr 2000 waren nur 59 „Über 50-Jährige“ im Substitutionsprogramm.

Gehen Drogenjunioren eher in Substitution als Drogensenioren?

Eisenbach-Stangl: Substitution ist Ende der 80iger Jahre etabliert worden – speziell für Heroinabhängige und in Zusammenhang mit dem Thema HIV. Wenn die Beobachtung stimmt, dass es bei den Konsummustern Generationsunterschiede gibt, dann haben die Drogenabhängigen der 70iger vor allem Psychopharmaka, sowie Opium und Morphium, das selten gespritzt worden ist, genommen. Für die älteste Generation scheint die Substitution daher nicht in diesem Ausmaß attraktiv zu sein.

Spirig: Substitution ist eine Krücke, sie hat eine stabilisierende Wirkung. Es kann hilfreich sein, diese in bestimmten Situationen zu benutzen. Gleichzeitig ist Substitution eben eine Verzichtsleistung und unangenehm. Man ist ständig unter Kontrolle, muss ständig zum Arzt und in die Apotheke. Man ist nicht frei. Das könnte ein wesentlicher Faktor für ältere Betroffene sein, das Substitutionsprogramm nicht zu nutzen.

Wann ist eine Substitution für einen älteren Drogenabhängigen interessant?

Eisenbach-Stangl: Substitutionsbehandlung erfordert eine Verzichtleistung - die Haltung ihr gegenüber ist dementsprechend ambivalent. Substitution wird interessant, wenn man von den Drogen und der Drogenszene weg will. Drogensenioren berichten, dass sie sich in der Szene wie beispielsweise am Karlsplatz nicht mehr wohl fühlen – mit den jungen Leuten, die anders konsumieren, nach dem Motto „die fressen so komische Drogen“ und  mit einem Drogenmarkt der amoralisch und gewalttätig geworden ist. Auch wollen sie dem Anschaffungsstress entkommen und etwas für ihre Gesundheit tun. Die wenigsten können sich allerdings vorstellen, sich bis an das Lebensende mit Substitutionsmitteln zu begnügen. Das erwünschte Konsumziel ist der kontrollierte und risikoärmere Gebrauch illegaler Drogen. Die meisten sind dafür bereit, auf Heroin, aber vor allem auf den intravenösen Konsum zu verzichten, viele wollen auch von den Substitutionsmitteln wegkommen. Ohne Cannabis  - meinen so gut wie alle - wird es  „ganz sicher nicht“ gehen. Die angebotenen Substitutionsmittel werden allerdings unterschiedlich bewertet, Methadon kommt deutlich am schlechtesten weg.

Was sind die größten Probleme der Drogensenioren?

Spirig: Wann wird Alter zum Problem? Immer dann, wenn es mit Einschränkungen einhergeht Je mehr jemand eingeschränkt ist, desto mehr Unterstützung wird benötigt. Das gilt auch für Drogenabhängige. Und wenn der gesamte Lebensstil in Verbindung mit dem Drogenkonsum eher ungesund war, dann treten diese Einschränkungen eben früher ein – vielleicht schon mit 40, 50 Jahren, statt erst mit 60, 70 Jahren. Auf Unterstützung angewiesen zu sein, hat immer auch mit Kontrolle zu tun, und Kontrolle verträgt sich schlecht mit der Illegalität von Drogenkonsum. Hier liegt ein Teil der Konflikte und Probleme, die künftig auf unsere Gesellschaft zukommen und es gibt einen großen Handlungsbedarf, mit diesem Thema umzugehen.

Wo und wie werden Drogensenioren versorgt?

Spirig: Grundsätzlich sind Drogenkonsumenten, Bürger wie alle anderen auch, mit denselben Rechten und Ansprüchen an Sozialleistungen. Sie können ebenso um Heimplätze, Heimhilfe, soziale Unterstützung ansuchen. Ob sie diese Angebote in Anspruch nehmen können, beziehungsweise auch bewilligt bekommen, ist eine andere Frage. Wir haben von institutioneller Seite her, Diskriminierungstendenzen festgestellt. Von Seite der Drogensenioren zeigt sich, dass diese oft nicht in der Lage sind, diese Angebote aktiv zu holen. Es bräuchte also für Drogensenioren eine spezielle Unterstützung und Beratung. Experten aus den Drogeneinrichtungen plädieren beispielsweise für eine Art „Buddy-System“, - Personen, die das ganze Rundherum organisieren. Aber wie sieht es in einer Einrichtung aus, in der die Leitung eine bestimmte Verantwortung hat? Da gibt es Konflikte, die mit der derzeitigen Gesetzeslage nicht zu lösen sind. Das heißt, wenn Drogen weiterhin in dieser Form illegalisiert sind, ist es nicht lösbar.

Eisenbach-Stangl: In Deutschland gibt es beispielsweise eine Gruppe von ehemaligen Drogenabhängigen, die Wohnheime für schwerbehinderte Drogensenioren geschaffen haben. Hier scheinen die Drogenabhängigen gut mit dieser Kontrolle umgehen zu können, weil die Kontrolle von Leuten aus der Szene, die dieselben Erfahrungen haben, durchgeführt werden. Das wäre eine gangbare Lösung zumindest für eine Subgruppe.

Wie könnte die Betreuung von Drogensenioren aussehen?

Eisenbach-Stangl: Indem, wie für alle anderen Senioren auch, vielfältige Angebote geschaffen werden, etwa durch die Öffnung und Anpassung bestehender mobiler und stationärer Dienste für Ältere und Alte und in Spezialeinrichtungen, die unter anderem im Rahmen bestehenden stationärer und ambulanter Drogeneinrichtungen etabliert werden könnten.

Spirig: Für Drogensenioren soll einfach das gleiche gelten wie für normale Senioren: Sie sollten die Möglichkeit haben, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben zu können, oder eben betreut zu werden. Die Wahlmöglichkeit muss bestehen bleiben. Beratungsstellen, ambulante Einrichtungen in Krankenhäusern und Drogenbetreuungseinrichtungen sollten auf die Bedürfnisse von Drogensenioren eingerichtet sein. Im Frühjahr hat die SDW (Sucht- und Drogenkoordination Wien) eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe gegründet, die genau diese Fragen diskutieren wird. Wichtig ist, dass man Versorgung und Betreuung entkoppelt von Psychotherapie und Abstinenz. Wenn ein 60jähriger abstinent werden will, dann soll er selbstverständlich die Möglichkeit dazu haben. Aber Versorgung soll nicht mit Auflagen wie Psychotherapie oder Abstinenzforderung verbunden sein.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

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verfasst am 13.09.2011