Die Suchtbehandlung braucht dringend eine Imagekorrektur

Die Suchtmedizin leidet an einem massiven Nachwuchsmangel. Immer weniger angehende Allgemeinmediziner widmen sich der Behandlung von Suchtkranken. Auch die Fachausbildung Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin wird stetig unpopulärer. Im Gespräch mit der Psychiaterin und Psychotherapeutin Prof. Dr. Henriette Löffler-Stastka erörtert die Plattform www.drogensubstitution.at die Hintergründe für diese Entwicklung. Die Koordinatorin des Ausbildungsblocks zu „Psychischen Funktionen in Gesundheit und Krankheit“ an der Medizinischen Universität Wien und Curriculum-Beauftragte im NÖ-Projekt „Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften“ erzählt über die Stigmatisierung psychiatrischer Erkrankungen, die verbesserungswürdige Empathie- und Reflexionsfähigkeit unter Studierenden, den Wert einer fundierten praktischen Schulung in Kommunikation und Motivation sowie die Förderung von Diversität und Qualität als Schlüssel zur Enttabuisierung von Suchtbehandlung.

Bundesdrogenkoordinatorin Johanna Schopper wünscht sich, dass angehende Ärzte bereits mit dem Jus Practicandi, also mit der Berechtigung zur selbständigen Berufsausübung als Arzt für Allgemeinmedizin, über die grundsätzliche Befähigung verfügen, Suchtkranke kompetent zu behandeln. Wie weit ist die Realität der medizinischen Ausbildung von dieser Vision entfernt?

Ich kann nur für die Basisausbildung Humanmedizin sprechen. Da ist es nicht Ziel, diese Kompetenzen zu vermitteln, weil das ein spezielles Wissen und spezifische Fertigkeiten voraussetzt. Es wäre auch zu viel des Guten und überfordernd, dies in das Allgemeinstudium hineinzupacken. Im Medizinstudium werden die Grundlagen für die Suchtbehandlung gelehrt: epidemiologisch wichtige, psychiatrische Erkrankungen, Grundlagen von Suchterkrankung im Allgemeinen, etc. Neben dem kognitiven Wissen wird aber auch viel Praxis vermittelt, wodurch die Studierenden den Umgang mit Patienten üben.

 

PD: Ohne Facharztausbildung oder Weiterbildung ist der junge Mediziner mit Jus Practicandi also nicht in der Lage, Suchtbehandlungen durchzuführen…

Richtig. Die spezifischen Fertigkeiten erlernt man als Allgemeinmediziner oder als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin – im Rahmen einer kostenpflichtigen Weiterbildung. Gerade in der Suchtbehandlung ist eine fundierte fachliche Kompetenz wichtig, weil Suchterkrankungen wie jede psychische Erkrankung sehr komplex sind, aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren entstehen und auch verschiedene körperliche und emotionale Ebenen gleichzeitig betroffen sind. Die Suchtbehandlung benötigt eigentlich die Zusammenarbeit verschiedener Experten. Darum ist es auch wichtig, den Allgemeinmediziner an Bord zu haben, weil er eine Schlüsselfunktion hat. Er ist sehr häufig die Kommunikationsstelle zum Psychiater oder Stationsarzt oder zur Spezialeinrichtung für die Substitution oder Suchtentwöhnung.

PD: In der Praxis sieht es aber anders aus. Es gibt immer weniger praktische Ärzte, die Suchtbehandlung anbieten. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Bei allen psychiatrischen Erkrankungen gibt es nach wie vor die Tendenz zur Stigmatisierung und Tabuisierung. Forschungsstudien der Medizinischen Universität Wien und der Universität Düsseldorf mit Medizinstudenten zeigen deutlich: Die Einstellung zu psychischen Erkrankungen allgemein wird bei medizinischen Studierenden gegen Ende des Studiums immer negativer. Die Behandlung von psychiatrischen Erkrankungen und von Sucht braucht also dringend eine Imagekorrektur.

PD: Warum ist das so?

Psychiatrische Erkrankungen werden offensichtlich ungern behandelt. Man traut sich an tabuisierte Themen nicht heran. Möglicherweise liegt der Grund darin, dass man sich mit eigenen Grenzen konfrontiert sieht beziehungsweise dass man sich mit den persönlichen Stärken und Schwächen auseinandersetzen muss. Selbsterfahrung und eigene Therapie sind aber Pflicht in diesen Fachausbildungen. Erst diese Selbstreflexion setzt den Psychiater oder Psychotherapeuten in die Lage, sich selbst und andere professionell reflektieren zu können.

PD: Auch in Ihrem Fach, der Psychiatrie und psychotherapeutischen Medizin, gibt es Nachwuchsprobleme, oder?

Ja, leider. Das ist weltweit ein Problem – in Deutschland und Österreich auf jeden Fall.

 

PD: Wie kann man dieser Entwicklung entgegensteuern?

Wir müssen eine Änderung in der Einstellung gegenüber Suchterkrankungen und psychisch Kranken erreichen. Man muss aus meiner Sicht die Haltung und Reflexionsfähigkeit der Studierenden verbessern. Es gilt, ihnen Empathie zu lehren beziehungsweise ein Verständnis für die Verhaltensweisen, Intentionen und Aussagen von Patienten zu wecken. Der Umgang mit dem schwierigen Patienten ist beispielsweise schon ein Pflichtseminar, das wir bei uns an der Medizinischen Universität etabliert haben. Wenn man dieses Verständnis schärft, nimmt man auch die Angst vor psychischen und psychiatrischen Erkrankungen.

PD: Wie könnten diese Kompetenzen gestärkt werden?

Eine Möglichkeit ist aus meiner Sicht, frühzeitig ein gutes Kommunikations- und Motivationstraining in das Studium und praktische Schulungen einzubauen. Dieses Training sollte in Kleingruppen passieren, wo man auch das Verhalten, die Gemüts- und Gefühlsebene ansprechen kann und wo man den Studierenden nicht nur kognitiv – über das Abrufen von Wissen – erreicht, sondern auch mit seinen Emotionen und Erfahrungen.

PD: Es gilt also, das Thema, Fach interessanter zu machen?

Ja. Es gilt, das Interesse für das Fach Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin zu wecken beziehungsweise den angehenden Allgemeinmediziner für eine adäquate Weiterbildung in diesem Bereich zu begeistern. Mediziner machen so viele andere Fortbildungen aus Interesse – warum nicht auch die Fortbildung in der Betreuung von Suchterkrankungen? Sucht ist eine ebenso relevante Zivilisationserkrankung wie viele andere auch. Es muss uns gelingen, die Diversität der Disziplinen während des Studiums zu fördern und den Blick für die Vielfalt zu weiten.

PD: Wie könnte man das Interesse zusätzlich fördern?

Man könnte ja beispielsweise Leistungsstipendien für die Weiterbildung in der Suchtmedizin als Anreizsystem überlegen. Auch Forschung kann ein wesentlicher Anreiz für Mediziner sein. Beispielsweise könnte man über Förderungen spezifische Forschungsprojekte in der Suchtmedizin fördern und damit das Interesse fördern. Das wird noch sehr wenig gemacht. Hier würde sich beispielsweise die geplante Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften als eine mögliche Forschungsplattform anbieten.

PD: Viele Ärzte, die Suchtpatienten in ihren Praxen behandeln, erfahren selbst eine starke Stigmatisierung innerhalb der eigenen Berufsgruppe. Ist das tatsächlich so?

Ja. Daher ist auch ein Diversitätsmanagement an den medizinischen Universitäten so wichtig, wo Wertschätzung und Akzeptanz sich durchsetzen können und eine Chancengleichheit für alle Fächer der Medizin möglich wird. Das betrifft nicht nur das Fach Psychiatrie, sondern auch andere Fächer, die nicht so beliebt sind.

PD: Was passiert denn an den österreichischen Universitäten diesbezüglich?

Im Moment ist schon eine Reformbewegung im Gange, ein Umdenkprozess eingeleitet. Beispielsweise gibt es jetzt einen österreichischen Kompetenzlevel-Katalog. Dieser definiert die Fertigkeiten, die ein Medizinstudent am Ende des Studiums beherrschen muss. Ein Punkt ist da beispielsweise die Suchtanamnese. Das ist damit ein verpflichtender Teil im Grundstudium. Damit wird der Umgang mit Suchtkranken „normalisiert“, weil die Fertigkeiten selbstverständlich werden. Dieser Kompetenzlevel-Katalog wird übrigens den Qualitätsstandard an der geplanten „Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften“ in Krems darstellen. Damit ist sichergestellt, dass wir von Anfang an nach den höchsten Qualitätskriterien lehren und forschen. Und auf das Thema Suchtmedizin soll in Krems künftig wesentliches Augemerk gelegt werden.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

verfasst am 26.03.2012