„Tropfen auf den heißen Stein“

In Tirol kommt Bewegung in die Behandlung suchtkranker Menschen. Mit dem Mitte 2012 verabschiedeten neuen Suchtkonzept und einer weiteren, kürzlich in Hall in Tirol eröffneten Drogenambulanz versucht man im Westen der verheerenden Versorgungssituation entgegenzusteuern. Karl Nemec, seit über 30 Jahren in der Sucht- und Substitutionsbehandlung tätig, ist ein Kenner der Tiroler Szene und vehementer Kämpfer für die Verbesserung der Betreuungs- und Behandlungssituation von Drogenkranken. Der Allgemeinmediziner beschreibt im Gespräch mit der Plattform www.drogensubstitution.at die aktuelle Situation in Tirol: Er freut sich über die Etablierung der neuen Anlaufstelle in Hall, sieht Hoffnung für die Substitutionstherapie im ärztlichen Nachwuchs und ärgert sich über unqualifizierte Querschläge aus der Politik.

„Weg von der Substitutionsbehandlung und hin zu einer viel früher greifenden Therapie, wie zum Beispiel begleitende psychosoziale Maßnahmen“ lautet eine der fünf Maßnahmen, die Innenministerin Johanna Mikl-Leitner Mitte November 2012 im Rahmen ihrer neuen „Anti-Drogenstrategie“ vorschlägt. Ist das für Sie als langjähriger Substitutionsarzt und Experte ein Schlag in die Magengrube?

Nemec: Das kann man wohl sagen. Die Aussagen sind ein Spiegelbild der österreichischen Politik in Hinblick auf dieses Thema. Ich schließe mich der Meinung von Mario Zenhäusern, Chefredakteur der Tiroler Tageszeitung, an, der in seinem Leitartikel vom 17.November 2012 schreibt: „Das wäre ein Schritt zurück in die Steinzeit der Drogenpolitik.“ Ich finde es bedenklich, dass eine Innenministerin eine gesundheitspolitische Angelegenheit überhaupt kommentieren beziehungsweise beurteilen darf. Die Suchtbehandlung fällt weder in ihr Ressort, noch in ihre Kompetenz. Eine international anerkannte, erfolgreiche und in Österreich gut etablierte Therapieform wie die Substitution in Frage zu stellen oder gar abschaffen zu wollen, zeugt von Ahnungslosigkeit und ist noch dazu fahrlässig – in Hinblick auf die Suchtpolitik ebenso wie in Hinblick auf die Erfolge, die wir in Zusammenhang mit der österreichischen Drogensituation bereits erreichen konnten.

Für Innenministerin Mikl-Leiter zählt die Präventionsarbeit neben effizienteren Kontrolluntersuchungen und dem weiteren Ausbau der nationalen und internationalen Drogenbekämpfung zu den wichtigsten Maßnahmen. Wie sehen Sie das?

Nemec: Prävention ist sehr wichtig. Über die Schulen und die Polizei ist Aufklärung und Prävention natürlich eine gute Geschichte. Das dokumentieren wir auch im Drogenbericht 2012 mit zahlreichen guten Maßnahmen, die österreichweit laufen. Aber das hilft den bereits Erkrankten nichts. Und wir MedizinerInnen haben eben größtenteils mit den Suchtkranken zu tun. Die Prävention ist eine Frage des Bildungssystems. Die Suchtbehandlung und Substitution ist eine Sache der Medizin und Therapie. Wenn die Politik von Prävention spricht, dann heißt das eigentlich: Wir wollen kein Geld ausgeben. Meiner Meinung rechnet sich jeder Cent zehnfach, den man in die Substitutionstherapie steckt. Wir haben ja auch die Zahlen, was ein Tag Gefängnis, ein Tag Intenivstation etc. kostet.

Ein großes Problem ist laut Drogenbericht 2012 nach wie vor die Versorgungssituation in Hinblick auf die Substitutionstherapie in Österreich. Wie sieht die Situation in Tirol aus?

Nemec: Sehr schlecht. Angefangen hat die Katastrophe mit dem Bundeserlass der Vorordnung zur Weiterbildung Drogensubstitution aus dem Jahr 2007. Davor hat es eigentlich einen stetig wachsenden Aufwärtstrend in der Versorgung von Suchtkranken gegeben. Dieser wurde mit der Verordnung jäh unterbrochen. Die Zahlen sprechen für sich: Wir haben österreichweit die Hälfte der niedergelassenen ÄrztInnen verloren, die vormals Substitution angeboten haben – vor allem die mir am wichtigsten erscheinende Gruppe, jene der klein Substituierenden, die lediglich eine Handvoll Leute betreut hatten.

Sie arbeiten gemeinsam mit Ihrer Frau bereits seit 30 Jahren im Bereich der Suchtbehandlung. Welche Auswirkungen hatte die Situation auf Ihre Arbeit?

Nemec: Wir mussten im letzten halben Jahr einen Aufnahmestopp machen, weil wir den Ansturm der Leute nicht mehr gerecht wurden. Wir waren am Limit. Wir mussten täglich ein bis zwei Leute wegeschicken – Menschen, die nicht nur von Innsbruck, sondern von ganz Tirol zu uns hergekommen waren. Die Situation wurde zusätzlich dadurch verschlimmert, dass KollegInnen in Pension gegangen waren und sich teilweise nicht um die Nachfolge gekümmert hatten. Damit standen dann plötzlich auch diese PatientInnen ohne Versorgung da und hatten bei uns angeklopft.

Was ärgert Sie besonders an dieser Situation?

Nemec: In welche Bedrängnis meine schutzbefohlenen PatientInnen gekommen sind. Es ist eine Zumutung, welchen Schikanen man diese Menschen aussetzt. Es ist eine Schande, dass therapiewillige beziehungsweise bereits in Therapie befindliche PatientInnen keinen Betreuungsplatz finden und dann hausieren und um einen Platz betteln gehen müssen. Natürlich haben wir verbliebenen ÄrztInnen versucht, dieses Loch irgendwie zu schließen. Aber da gibt es auch Grenzen.

In Tirol wurde im Jahr 2012 – ebenso wie in der Steiermark – ein neues Suchtkonzept verabschiedet. Was sind die zentralen Aussagen?

Nemec: Dieses Suchtkonzept war längst überfällig. Ich war sehr lange im Suchtbeirat, das beratende Gremium der Tiroler Landesregierung. Wir haben im Rahmen dessen fast 15 Jahre lang für die Fortschreibung dieses Suchtkonzeptes gekämpft. Das wurde jahrelang durch ahnungslose Beamte blockiert. Das war wohl die billigste Variante, hatte uns aber sehr viel Zeit und Geduld gekostet. Jetzt haben wir seit knapp einem Jahr einen neuen Suchtkoordinator, Christof Gstrein. Das ist ein alter Fuchs, kennt die Situation aus Sicht der Sozialarbeit und versucht jetzt, dieses Drogenkonzept umzusetzen. Das ist letztlich ein Papier, auf dem viele tolle Ideen und Vorschläge draufstehen. In diesem Konzept kommen jetzt alle Süchte zusammen, man versucht Querverbindungen zu schaffen. Die grobe Aussage lautet: Eine Infrastruktur ist in Tirol vorhanden und diese gehört ausgebaut. Und ich kann nur mit Alfred Springer sagen: „Lotta continua“ – „Der Kampf geht weiter“.

Einen Schritt weiter ist man ja schon: Ende Jänner soll in Tirol eine neue Drogenambulanz eröffnet werden. Ist das schon spruchreif?

Nemec: Auf jeden Fall. Es ist uns gelungen, gemeinsam mit unseren Partnerinstitutionen gegen den Widerstand der Landesregierung und speziell gegen den Widerstand der Universitätspsychiatrie in Innsbruck im Psychiatrischen Krankenhaus Hall in Tirol eine derartige Einrichtung zu etablieren. Die TILAK - Tiroler Landeskrankenanstalten GmbH hatte letztlich erkannt, dass die angespannte Betreuungssituation nach dieser Einrichtung verlangt. Dort gibt es bereits eine hohe Man- und Woman-Power im Bereich der Suchtbehandlung. Diese Leute sind hochkompetent und initiativ, sie mögen ihre Arbeit und vor allem auch das Klientel, mit dem sie es zu tun haben.

Inoffiziell gibt es die Anlaufstelle ja schon seit längerem, oder?

Nemec: Das stimmt. Das war eine wichtige Stütze für die ohnehin schlechte Versorgungslage in Tirol. Die betroffenen Suchtkranken fühlen sich dort an- und aufgenommen. Eigentlich ist die Abteilung als Entzugsstation konzipiert worden. Aber die Praxis und auch die wissenschaftliche Expertise haben gezeigt, dass dieses alte Programm nicht bei jedem greift. Die Rückfallquoten sind sehr hoch. Das allein kann es also nicht sein. Der Chef der Drogenambulanz und Oberarzt der Station B3, Drogenentzug in Hall, Ekkehard Madlung-Kratzer, plädiert daher schon seit langem für die Aufgabe des reinen „Abstinenz-Paradigma“.

Wird die Haller Drogenambulanz die Situation entspannen?

Nemec: Es ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Hall wird diese Notsituation etwas abmildern und einen Teil wieder auffangen. Unser Problem ist, dass wir nicht mal wirklich den Bedarf wissen. Hätten wir genügend niederschwellige Anlaufstellen, würden möglicherweise viel mehr Betroffene sichtbar werden, als wir jetzt schätzen können. Wir haben beispielsweise in unserer Praxis PatientInnen, die sich jahrelang nicht getraut haben, ihre Drogensucht zuzugeben. Das sind nicht nur – wie man gerne glaubt – Menschen aus sozialen Randschichten, sondern auch nach außen gut integrierte Mitmenschen, die voll im Berufsleben stehen, ihre Sucht unter größten Anstrengungen irgendwie durchbringen beziehungsweise verheimlichen können und bangen, dass sie mit einem Outing auch ihren Job und ihren gesellschaftlichen Stand verlieren. Für diese und alle anderen benötigen wir ein halbwegs gutes Versorgungsnetzwerk, wo sich die Betroffenen durchaus mit ihren Familien hintrauen und sich dem Thema stellen.

Wie könnte man denn angehende ÄrztInnen für die Substitutionsbehandlung begeistern?

Nemec: Wir hatten beispielsweise einen jungen Kollegen, der in der Turnusausbildung einige Zeit bei uns war und der sich sehr für die Substitutionsarbeit engagiert hatte. Auf diesen jungen Mann warten wir jetzt und hoffen, dass er unsere Praxis samt SubstitutionspatientInnen übernimmt. Das war ein Glücksfall. Aber grundsätzlich könnte so ein „Reinschnuppern“ im Rahmen des Turnus beziehungsweise eines Praxisjahres ein erster Anreiz für angehende ÄrztInnen sein. Sie erleben im Alltag, um was es in dieser Arbeit eigentlich geht, erfahren im „learning bei doing“, was wichtig ist, und erkennen darin vielleicht die medizinische und auch ganz persönliche Relevanz dieser Arbeit. Drogensubstitution ist nichts Schmutziges und Mühsames, sondern ein Teil der ärztlichen Pflicht und darüber hinaus nichts anderes, als die Arbeit mit einem Diabetes- oder Herzkranken.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

verfasst am 23.01.2013