Individuelle Therapien für individuelle Patienten – Erfolgsgeschichten aus der Substitutionstherapie

Prim. Dr. Olaf Rossiwall, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie sowie für Psychotherapie setzt in seiner Behandlung auf die individuelle Betreuung seiner Patienten. Mit großem Erfolg begleitet der ärztliche Leiter des Instituts für allgemeine Psychosomatik, Psychotherapie und Gesundheitsbildung der EMCO Privatklinik und Initiator der Praxisgemeinschaft Hallein seit mehr als 20 Jahren Drogenabhängige wie Roland Bauschenberger oder Maria Klang* durch die substitutionsgestützte Therapie. Im Gespräch mit der Plattform Drogentherapien erläutert Prim. Dr. Rossiwall anhand von zwei Patientenbeispielen mögliche Parameter einer erfolgreichen Behandlung und äußert seine Bedenken zur Novellierung der Suchtgiftverordnung sowie zur neuen „Weiterbildungsverordnung orale Substitution“.
* Name von der Redaktion geändert

Plattform Drogentherapien: Was ist Ihr persönlicher Schlüssel zu einer erfolgreichen substitutionsgestützten Therapie?

Rossiwall: Die individuelle Abstimmung. Drogenabhängige sind verschiedene Menschen wie wir alle, die sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben. Bei Drogen spielen vor allem auch die Co-Morbiditäten eine sehr große Rolle, auf die Rücksicht genommen werden muss. Ebenso sollte die Persönlichkeitsstruktur beachtet werden. Das alles braucht eine individuell abgestimmte Herangehensweise an die Substitutionstherapie – pharmakologisch ebenso, wie psycho- und soziotherapeutisch.

Für einige Kollegen steht die Abstinenz im Vordergrund der Behandlung von Suchtkranken. Warum ist für Sie die Substitutionstherapie die Therapie der ersten Wahl?

Natürlich empfehle ich vor allem jungen Patienten zuerst, sich für eine abstinenzorientierte Therapie zu entscheiden. Aber insgesamt ist die Substitutionstherapie heutzutage die Therapie der ersten Wahl – sehr häufig, um auch zu einer abstinenzorientierten Therapie zu kommen. Die Überbrückungen, die bis zu einer Abstinenzbehandlung notwendig sind, sind ja letztlich Substitutionstherapien. Ohne sie komme ich also nie aus. Sehr häufig entscheidet sich ja erst während dieser Überbrückung, welcher Weg für den Patienten der richtige ist.

Was ist entscheidend für eine erfolgreiche Substitutionstherapie?

Ein wesentliches Ziel einer Substitutionstherapie ist es, hohe Retentionsraten – also eine hohe Zahl an Leuten, die in der Substitutionstherapie gehalten werden können – zu erreichen. Der wesentliche Faktor dafür ist die Wahl der richtigen Betreuung und des richtigen Medikaments.

Sie haben eine sehr hohe Retentionsrate – was steckt hinter diesem Erfolg?

Meine Betreuung ist sehr individuell. Ich versuche, auf die Bedürfnisse des einzelnen einzugehen. Zu mir kommen aber auch nur Patienten, die sich schon sehr viel zu ihrer Sucht und ihren Zielen überlegt haben. Ich habe dadurch einen persönlich unbeabsichtigten, höherschwelligen Zugang. Zu mir finden nämlich nur Menschen, die in der Lage sind, Zeiten und Termin einzuhalten – eine unabdingliche Voraussetzung für eine Therapie bei mir.

Mit welchen Anliegen kommen Suchtkranke zu ihnen?

Über die Jahre hat es sich so entwickelt, dass Patienten genau wissen, was sie wollen – nämlich eine Substitutionstherapie. Früher war es noch so, dass die Menschen gesagt haben: Ich habe ein Drogenproblem. Können Sie mir helfen? Das ist heute sehr selten.

Wie läuft die Therapie genau ab?

Ich beginne die Therapie häufig ambulant, mit Abgaben von ein bis drei Tagen. Das heißt, ich muss die Patienten zum Beginn der Therapie zum Großteil täglich sehen. Später dann in zunehmend größeren Abständen bis zu einem Monat.

Bieten Sie dazu begleitend noch individuelle Therapieprogramme an?

Ja, ich versuche, an Therapeuten und Drogenberatungsstellen zu vermitteln. Mir ist es auch wichtig, Arbeitsrehabilitation zu vermitteln, soweit diese verfügbar ist. Der Zugang dazu ist für Drogenabhängige besonders schwierig, weil diese vom Arbeitsmarkt häufig ausgeschlossen werden. Es gibt auch sehr wenige spezifische Einrichtungen für diese Menschen.

Warum ist es so wichtig für Suchtkranke, wieder einer Arbeit nachgehen zu können?

Die soziale Wiedereingliederung ist für Suchtkranke wie ein Heilmittel und wirkt oft mehr als viele andere Maßnahmen. Wichtig ist für sie, dem Alltag und der Zeit eine Struktur geben zu können und einen anderen Sinn im Leben zu finden als die Drogenbeschaffung. Eines der größten Probleme für Drogenabhängige ist, dass sich in ihrem Alltag alles um die Drogenbeschaffung dreht. Mit der Substitution fällt dies von einem Tag auf den anderen weg. Diese Lücke gilt es, sinnvoll zu füllen.

In Fragen der sozialen Wiedereingliederung von Suchtkranken gibt es also noch Änderungsbedarf?

Das ist in den verschiedenen Bundesländern sehr unterschiedlich. In Salzburg haben wir in diesem Bereich sehr großen Nachholbedarf.

Warum ist die Psychotherapie so wichtig?

Sie ist nicht für alle wichtig. Für viele ist diese Tagesstrukturierung viel wichtiger. Für die anderen ist die Psychotherapie so essentiell, weil sie traumatisiert sind und weil sie nie gelernt haben, über Probleme zu sprechen. Sie lösen Spannungen und Probleme nur damit, dass sie Drogen konsumieren.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Was würde Ihre Arbeit erleichtern – beispielsweise in Hinblick auf die Novellierung der Suchtgiftverordnung und der neuen „Weiterbildungsverordnung“?

Es ist für mich sehr belastend in meinem überfrachteten Berufsalltag, diese so genannte Fortbildung, die seit der neuen Verordnung 2007 notwendig ist, zu machen. Ich habe meinen ersten Substitutionspatienten in der Drogenberatungsstelle St. Gallen in der Schweiz im Jahr 1992 behandelt. Ich habe seit 1984 Drogenentzugsbehandlungen durchgeführt. Ich habe Behandlungen in Langzeiteinrichtungen während meiner Assistentenzeit zum Facharzt gemacht. Es ist für mich eine Skurrilität, dass meine Kollegen und ich, die weiter mit diesen Patienten arbeiten wollen, solche Curricula durchlaufen sollen. Wir haben ein gültiges Ärztegesetz, das genau festlegt, dass ich als Arzt nur das tun darf, was ich gelernt habe. Warum dann ein zusätzliches Gesetz geschaffen wird, das Vorschriften macht, die sowieso für uns aus der Sicht des Ärztegesetzes selbstverständlich sind, verstehe ich nicht. Das erschwert die Arbeit massiv. Und wir wissen, wie viele Kollegen unter den neuen Richtlinien abgesprungen sind. Die Zahl der substituierenden Ärzte hat dramatisch abgenommen.

Welche Kritikpunkte haben Sie in Hinblick auf die Novellierung der Suchtgiftverordnung?

Die Verschärfung der Abgaberegelung war aus meiner Sicht überhaupt keine gute Lösung. Die Festlegung eines Mittels der ersten Wahl ist eine Absonderlichkeit, die in der Medizin einmalig ist. Das sind alles Punkte der Substitutionsverordnung, die für mich im Grunde indiskutabel sind. Die Verschärfung der Abgaberegelung hat vielleicht in Wien irgendwelche Vorteile. Das kann ich nicht beurteilen. Aber das ist hier in Salzburg völlig überflüssig gewesen und hat hier alles nur erschwert.

Was für Folgen haben diese neuen Rahmenbedingungen?

Ich glaube, dass sie sich auf die Qualität der Substitutionstherapie nachteilig ausgewirkt haben. Je mehr Patienten über einen Kamm geschoren werden und je weniger das ärztliche Wissen und die ärztlichen Fähigkeiten eingebracht werden können, desto weniger Qualität kann man erzeugen. Die so genannten qualitätssichernden Maßnahmen, die in diesem Entwurf eigentlich angedacht worden sind, gehen in die falsche Richtung.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Mehr Informationen zu EMCO Privatklinik und der Praxisgemeinschaft Hallein unter www.pgh.at und  www.emco-klinik.at.

verfasst am 29.09.2008