Individuelle Therapien für individuelle Patienten – Erfolgsgeschichten aus der Substitutionstherapie

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Roland Bauschenberger war mehr als 30 Jahre lang abhängig von Opiaten und Benzodiazepinen. Eine Substitutionstherapie bei Prim. Dr. Olaf Rossiwall half dem 49-jährigen Frühpensionisten raus aus Drogenmilieu zurück ins Leben. Nach einigen Rückfällen hat Bauschenberger vor einem Jahr endgültig Stabilität in einer Langzeitsubstitution gefunden. Heute freut sich der Halleiner über die kleinen Erfolge im Alltag: eine befriedigende Arbeit, neue Freundschaften und die intensive Begegnung mit der Natur.
* Name von der Redaktion geändert

Plattform Drogentherapien: Wie sind Sie auf Drogen gekommen?

Bauschenberger: Mit 15 – mitten in der Pubertät, wo man eben gerne unbekannte, verbotene Dinge ausprobiert. Das war Mitte der 70er Jahre, wo der Konsum von Drogen ohnehin gerade in war. Einige Jahre ist der Konsum auch problemlos neben dem Alltag und der Arbeit gegangen. Es ist niemandem aufgefallen. Ich habe das immer eher versteckt und eigentlich ein Doppelleben geführt. Ich habe immer versucht, ein normales Leben neben dem Drogenleben zu führen. Das hat nicht geklappt.

Was ist passiert?

Mit 25 bin ich wegen Drogendealerei in Haft gekommen – das legal verdiente Geld hat irgendwann einfach nicht mehr gereicht, um sich die notwendige Dosis an Drogen zu beschaffen. Da war dann jeder vor den Kopf gestoßen – meine Eltern, meine Verwandtschaft und meine Freunde. Damit sind meine Probleme eigentlich erst richtig losgegangen. Mir ist der Führerschein entzogen worden, ich habe die Arbeit verloren, meine Freunde haben sich abgewandt. Das ist dann alles Hand in Hand gegangen.

Welche Drogen haben sie genommen?

Anfangs waren es vor allem Opiate, aber später sind dann auch Benzodiazepine wie Valium oder Rohypnol dazugekommen. Speziell die haben sich langsam eingeschlichen. Irgendwann habe ich die Benzos mehr gebraucht als alles andere. Dadurch bin ich auch psychisch am meisten abgestürzt. Für die Opiate gibt es ja Ersatzmittel, mit denen man alles in ein paar Tagen ganz gut in den Griff bekommt. Aber die anderen Drogen wirken sich auf die Psyche aus. Und das ist dann der harte Kern, den es bei der Therapie zu knacken gilt.

 

Ab welchen Zeitpunkt haben Sie dann gewusst, dass es so nicht mehr geht?

Die Wahrheit habe ich lange Zeit verdrängt. Ich habe nicht wahrgenommen, wie sehr ich im Drogensumpf stecke. Außerdem habe ich mir eingeredet, dass ich jederzeit aufhören könnte, wenn ich wollte. Aber irgendwie weiß man natürlich, dass man eigentlich total fertig ist. Alles im Leben wird zu einem irrsinnigen Stress: Die Drogenbeschaffung, die Zeit zwischen den Drogen, der Alltag, die Menschen. Irgendwann war der Frust über diesen Teufelskreis so groß, dass mir klar wurde: Es muss sich was ändern.

Wie sind Sie dann zu Prim. Dr. Rossiwall gekommen?

Ursprünglich war ich in der Drogenambulanz in Salzburg. Da bin ich mehr oder weniger freiwillig hingegangen. Das war 1999. Da war ich schon ziemlich fertig. Ich wusste, es muss was passieren. Ich bin dann tagtäglich von Hallein nach Salzburg gefahren. Vom Arbeitsamt bin ich aber dann in einen Kurs geschickt worden und da ist sich das nicht ausgegangen, beides zu machen. Irgendwann ist es dann aufgefallen, dass ich beim Kurs Fehlzeiten hatte. Da  musste ich dann beim Arbeitsamt beichten, dass ich jeden Tag zur Medikamenteneinnahme nach Salzburg muss. Das Arbeitsamt hat mich dann 2001 zu Dr. Rossiwall vermittelt, der mit ihnen zusammenarbeitet.

Was war die größte Schwierigkeit zu Beginn der Therapie?

Ich habe am Anfang immer im Kopf gehabt: Das Substitutionsmittel ist zwar ein Medikament, aber es ist trotzdem ein Opiat. Warum soll ich dann nicht gleich die Droge nehmen, die mir dann auch noch mehr bringt? Es bleibt sich doch gleich. Aber so ist es eben nicht. Da bin ich dann langsam draufgekommen. Man muss eine Zeit lang keinen Beikonsum haben, um draufzukommen, dass es einen Unterschied macht. Und da rede ich nicht nur von ein paar Tagen, sondern wirklich mal einige Wochen.

Wann hat sich Ihre Einstellung zum Substitutionsmittel geändert?

Bis man die Sicherheit hat, dass das Medikament die passende Wirkung hat, braucht es einige Zeit. Am Anfang hat man doch am Tag Schwankungen drin – und das schiebt man natürlich alles auf das Medikament. Dann sagt man sich: Ich brauche mehr. Oder: Die geben mir zu wenig. Dann ist man oft so misstrauisch. Vor allem, wenn man runterdosiert wird. Weil die Ärzte sagen einem natürlich die Reduzierungen nicht – was ich prinzipiell gut finde.

Welche Schwierigkeiten gab es bei der Dosisreduzierung?

Bei mir war das in den letzten zwei Monaten der Therapie in der Drogenambulanz so. Da wurde ich langsam von Methadon runterdosiert. Ich wusste zwar nicht, wann sie die Dosis reduzieren, aber ich habe es mir ungefähr ausgerechnet. Umso schockierter war ich, als mir die Leute von der Drogenambulanz gesagt haben, dass ich eigentlich schon 14 Tage nur mehr Wasser trinke und gar kein Methadon mehr bekomme. Ich war also eigentlich schon ohne Medikament. Da erkennt man dann, wie stark sich der Kopf, die Psyche, eigentlich wirklich auswirkt. In dem Moment, wo ich es wusste, hatte es mir plötzlich Probleme bereitet, dass ich „clean“ war. Ich habe dann wieder angefangen.

Was treibt einen in so einer Situation dazu, wieder Drogen zu nehmen?

Die Situation, das ganze Umfeld. Schließlich hatte ich ja doch eine 20-jährige Drogenkarriere hinter mir. Ich hatte einen Kreis von einschlägigen Bekannten. Gleichzeitig hatte ich Schwierigkeiten, neue Leute kennenzulernen. Ich hatte jedes Selbstbewusstsein verloren. Ich bin dann komplett abgestürzt – in Depressionen und so. Der erste Versuch bei der Drogenambulanz war einfach halbherzig.

Was hat sich bei Dr. Rossiwall geändert?

Da hat sich auch nichts von heute auf morgen verändert. Eigentlich funktioniert es erst seit einem Jahr so richtig gut. Dazwischen hat es immer wieder Rückfälle gegeben. Drei oder vier Mal. Man hat ja doch immer wieder Kontakt mit der Szene und den alten Bekannten.

Was war jetzt für sie im letzten Jahr der Wendepunkt?

Das Alter. Vor 15 Jahren hätte ich es wahrscheinlich nicht geschafft. Heute rennt mir die Zeit davon. Jetzt habe ich schon die Hälfte des Lebens mit diesem Zeug verschissen. Und ich komme immer mehr und mehr drauf, dass ich es auch ohne Drogen schaffe.

Wie hat Ihnen Dr. Rossiwall geholfen?

Er hat mir Zeit gelassen. Es war kein Druck da. Ich hatte ja immer wieder einen Beikonsum. Vor zwei Jahren bin ich sogar innerhalb von wenigen Wochen nochmals richtig abgestürzt. Da habe ich gesehen, wie schnell es gehen kann. Das war ein ziemlicher Schock. Das war durchaus ein wichtiger Punkt. Dr. Rossiwall hat mich dabei aber nie gedrängt. Gut war auch, dass ich mit ihm darüber reden konnte – und nicht immer nur mit den Leuten, die selbst tief drin stecken. Da zieht man sich ja gegenseitig hinunter.

Welche Bedeutung hatte für Sie die psychotherapeutische Arbeit?

Eine große. Die Psyche macht doch einen sehr großen Faktor aus. Wenn man selbst immer nur Probleme hat und sich nicht genauer anschaut, funktioniert die Therapie auch nicht.

Wie hat sich die Arbeit bei Dr. Rossiwall im Alltag ausgewirkt?

Ich bin jetzt in Frühpension. Ich kann mir aber in einem Sozialprojekt geringfügig etwas dazuverdienen. Und das ist gut so. Denn es gibt meinem Leben Sinn, Struktur und Rhythmus. Früher war mein Tag damit ausgelastet, dass ich mir dauernd überlegt habe, wie und mit welchem Geld ich mir die nächsten Drogen beschaffen kann. Es muss auch gar nicht eine Arbeit sein. Aber man sollte für sich etwas finden, dass einen interessiert und was mehr wert ist als die Drogen.

Wie geht es Ihnen jetzt?

Ich fühle mich ganz gut. Ich bin gut auf Substitol eingestellt, mein Leben ist geregelt. Ich gehe wieder auf Leute zu, lerne neue Leute kennen. Früher habe ich mich minderwertig gefühlt auf Grund meiner Drogengeschichte. Heute bin ich stolz, dass ich das hinter mir habe und kann damit sehr offen umgehen. Das gibt Selbstsicherheit. Vor drei Jahren hätte ich mit Ihnen sicherlich nicht über meine Drogenvergangenheit gesprochen. Ich kann heute von mir sagen, dass ich in dieser Dauermedikation stabil bin und fühle mich sehr gut.

Was für Pläne haben Sie für die Zukunft?

Man muss realistisch sein, was ich bislang nicht war. Ich bin nicht mehr in einem Alter, wo man große Pläne schmiedet. Ich bin mit dem zufrieden, was ist. Psychisch ist immer noch nicht alles perfekt, das ist klar. Und ich habe auch noch Konzentrationsprobleme. Das möchte ich noch gerne hinbringen.

Was ist ihr größtes Vergnügen?

Dass ich nicht mehr ständig an Drogen denke. Und dass über das Thema reden kann, ohne dass ich nasse Hände bekomme – wie es früher immer der Fall war.