Internationale Anerkennung für therapieorientierte Suchtforschung in Österreich

Univ. - Prof. Dr. Gabriele Fischer, Präsidentin der EAAT-Konferenz und Leiterin der Drogenambulanz, Suchtforschung und -therapie an der Medizinischen Universität Wien, zieht Resümee über die aktuellen Ergebnisse der internationalen Suchtforschung, die Bedeutung der Tagung für Österreich und die Wahrnehmung der heimischen Suchttherapie im internationalen Expertenfeld.

Univ.-Prof. Dr. med. Gabriele Fischer

Plattform Drogentherapien: Drei Tage im Zeichen der Suchtforschung und -therapie – sind sie zufrieden mit der Ergebnis der EAAT-Konferenz 2007?

Fischer: Die Tagung hatte erfreulicherweise eine sehr gute Resonanz. Wir waren bis zum letzten Vortrag stets gut besucht. Ein Zeichen dafür, dass wir ein sehr rundes, inhaltliches dichtes Programm zusammenstellen konnten, das breites Interesse gefunden hatte – unter Verantwortlichen in der Österreichischen Suchtforschung und -therapie ebenso wie unter den teilnehmenden internationalen Wissenschaftlern und Ärzten. Besonders geschätzt wurde die Tatsache, dass wir auch die Substanz ungebundenen Erkrankungen wie Computerspiel- oder Kaufsucht in die Tagung integriert und breit thematisiert haben. Schließlich zeigen die aktuellen Zahlen, dass diese neuen Süchte stark zunehmen und deshalb noch weitaus mehr Aufmerksamkeit der Wissenschaft verlangen.

Welche Bedeutung hat die Konferenz beziehungsweise die behandelten Themen für Österreich?

Prinzipiell war es eine äußerst fruchtbare Basis für den Ausbau eines guten Netzwerks unter den Experten. Wir hatten jeden internationalen Topwissenschaftler aus dem Bereich der Suchtforschung und -therapie in Wien – außer dem britischen Suchtexperten David Nutt. Es war also die komplette Weltspitze vertreten. Das ist nicht nur ein einzigartiges Renommee, sondern auch eine große Chance für eine stärkere internationale Einbindung der heimischen Forschungsarbeit.

Was sind die wesentlichen Erkenntnisse?

Es hat vor allem einen großen Austausch der vielen neuen Behandlungsansätze gegeben, die für fast alle genannten Suchtvarianten in der letzten Zeit entwickelt worden sind. Dabei vereinen sich unterschiedlichste therapeutische Zugänge – nicht-medikamentöse, verhaltenstherapeutische ebenso wie medikamentöse. Zwar sind die pharmakologischen Behandlungsmöglichkeiten im Vergleich zu anderen medizinischen Fachgebieten immer noch beschränkt, die Fortschritte der letzten Jahre aber dennoch enorm. Eine große Zahl neuer Präparate, auch neue Substanzen für die Substitutionsbehandlung wurden erprobt oder bereits zugelassen. Es wurden auch  Studienergebnisse zur Wirksamkeit einer neuartigen Kokain-Impfung vorgestellt. Eine „Nikotin-Impfung“ ist bereits klinisch erprobt worden. Für die Opiat- und Heroinabhängigkeit steht auch ein neues Kombinationspräparat mit eingebautem „Missbrauchsschutz“ vor der Markteinführung, das die Substitutionstherapie ein großes Stück sicherer macht.

Im Spiegel der aktuellen Diskussion zur Substitutionstherapie, vor allem der kritischen Stimmen aus Oberösterreich – was war der allgemeine Tenor dazu auf der Tagung?

Die Themen Sucht und Suchttherapie wurden von allen Beteiligten auf eine sehr sachliche Ebene gehoben. Das ist in Hinblick auf die sehr emotionalisierte mediale Diskussion der letzten Wochen ein notwendiger Schritt gewesen, um wieder ernsthaft und vernünftig arbeiten zu können. Und das Positive an der dichten Berichterstattung war allerdings, dass Sucht und Suchttherapie im Themenfokus war und damit auch das allgemeine Interesse an der Tagung angekurbelt wurde. Schließlich sind ja auch „bad news“ letztlich „good news“.

Wie ist die internationale Meinung zu morphinhaltigen Medikamenten als Mittel der Substitutionstherapie?

Unsere Kollegen finden diesen Einsatz sehr spannend und sind auch sehr interessiert an unseren Erfahrungen mit retardierten Morphinen in der Substitutionstherapie. Die Weiterentwicklung dieses Ansatzes in Österreich wird vom Ausland genau beobachtet, weil einige Länder überlegen, diese Substitutionsmittel mit in ihre medizinischen Therapien aufzunehmen.

Speziell das Wiener Drogenkonzept hat in Europa eine beispielgebende Rolle. Hat sich das auf der Konferenz bestätigt?

Bei den Sidemeetings mit den Wissenschaftlern hat sich klar gezeigt: Die internationalen Experten sind davon beeindruckt, wie therapieorientiert die Forschungsarbeit in Österreich abläuft. Verbesserungswürdig ist allerdings die Patientenquote: Bislang sind einfach zu wenig Betroffene ausreichend versorgt und in entsprechenden Therapieprogrammen. Für Österreich ist daher entscheidend, Suchtbehandlungen in das allgemeine Gesundheitssystem zu integrieren und neben einem verbesserten Behandlungszugang auch eine Entstigmatisierung zu erreichen.

War die veränderte Situation in der Substitutionstherapie nach der Novellierung der Suchtmittelverordnung beziehungsweise der Verordnung zur Fortbildung substituierender Ärzte ebenfalls Thema auf der Tagung?

Einige heimische Kollegen haben dazu Stellung bezogen. Allerdings sehe ich derzeit keine wirklich gravierenden Probleme nach der Implementierung. Ganz im Gegenteil sind mehr Opiatabhängige in Behandlung als jemals zuvor. Die große Befürchtung, Patienten zu verlieren, hat sich nicht bewahrheitet. Schwachpunkte sehe ich persönlich eher bei Fragen der ärztlichen Behandlungshoheit. Letztlich ist vor dem Gesetz immer noch der behandelnde Arzt für Erfolg und Misserfolg einer Therapie verantwortlich. Dementsprechend sollten diese Kompetenzen auch bei ihm bleiben und ein gewisser Handlungsspielraum da sein – nicht zuletzt bei der Wahl der individuell entsprechenden Substitutionsmittel. Es bedarf auch definitiv einer Vereinfachung des administrativen Aufwands. Ein positives Signal war auf jeden Fall, dass alle politischen Verantwortlichen auf der Tagung anwesend waren und damit gezeigt haben, dass die Suchttherapie eine wichtige Angelegenheit ist.

Vielen Dank für das Interview.

verfasst am 01.09.2007