Legaler Weg zurück in den Alltag – Persönliche Erfahrungen mit Substitutionstherapie

Dr. Kurt Blaas, Arzt für Allgemeinmedizin mit Schwerpunkt Suchtberatung, Schmerzmedizin und Cannabisbehandlungen begleitete Otto Grausam während der Substitutionstherapie. Mehr Informationen unter www.blowdoc.at.

Erleben Sie Erfolgsgeschichten wie jene von Otto Grausam im Substitutionsprogramm häufig?

Dazu muss man Erfolg definieren. Ein Komplettentzug wie jener von Herrn Grausam gelingt selten. Es gibt aber bei mir einige Patienten, die mit Hilfe der Substitutionstherapie aus der Drogenszene aussteigen konnten und nun mit der Substitution leben. Sie sind auf eine bestimmte Dosis an Substitutionsmittel eingestellt, mit der sie ohne Nebenwirkungen und gesundheitliche Beeinträchtigung ein ausgeglichenes, normales und unauffälliges Leben führen und einem Beruf nachgehen können.

Welche Patienten wählen Sie für Ihr Substitutionsprogramm aus?

Ich wähle meine Patienten sorgfältig aus. Prinzipiell nehme ich nur Patienten, die schon mehrmals in Substitution waren, damit vielleicht Misserfolge gelandet haben oder aber auch längere Zeit rehabilitiert waren. Und sie müssen noch etwas anzubieten haben: Eine Motivation, ein Ziel – einen Beruf, eine Lebensveränderung, einen Ausbildungsabschluss. Nur wenn alle Faktoren passen, können wir gemeinsam etwas bewirken.

Warum haben Sie Otto Grausam aufgenommen?

Durch mein Engagement und meine Arbeit in vielen therapeutischen Einrichtungen kannte ich Herrn Grausam und seine Lebensgeschichte bereits. Ich habe ihn immer als sehr konstante Persönlichkeit mit einer gewissen Stabilität wahrgenommen. Ich habe gespürt, dass er es schaffen kann. Außerdem hat Otto Grausam eine meiner Voraussetzungen für eine Aufnahme ungebrochen erfüllt: Er war immer ehrlich zu mir. Gegenseitiges Vertrauen ist essenziell für den Erfolg einer Therapie.

Welche Relevanz haben Substitutionsprogramme?

Wenn das Substitutionsprogramm ernsthaft betrieben wird, ist es für Suchtkranke eine legale Alternative zur Drogenszene. Die meisten Betroffenen kommen direkt aus diesem Milieu, wo sie illegale Substanzen – häufig durch Beschaffungskriminalität und Prostitution finanziert – erwerben müssen. Das Substitutionsprogramm bietet eine gesicherte und legale Abgabe einer reinen Substanz – inklusive einer regelmäßigen Untersuchung beim Arzt. Das bedeutet soziale Stabilität und Sicherheit.

Welche Voraussetzungen und Rahmenbedingungen müssen für das Substitutionsprogramm erfüllt sein?

Wenn jemand zur Substitution kommt, regelt er mit dem Arzt in einem Vertrag einen regelmäßigen Gesundheitscheck. Ich lege vor allem großen Wert auf die ärztliche Betreuung und Gespräche. Im Erstgespräch rede ich mindestens zwei Stunden mit den Betroffenen. Zeit und Zuhören sind wesentliche Faktoren für den Erfolg einer Therapie.

Ebenso wichtig ist für den Patienten eine geregelte Tagesstruktur: Aufstehen, etwas tun, arbeiten, einer Beschäftigung oder Gelegenheitsarbeiten nachgehen. Eine geregelte Tagesstruktur ist essenziell, um wieder zu einem normalen Alltag zu finden. Stabilität im Substitutionsprogramm bedeutet: seinen eigenen Lebenswandel, seinen Alltag organisieren zu können. Das muss nicht heißen, dass dieser einer geregelten Arbeit nachgeht und Familie hat, wie dies bei Herrn Grausam der Fall ist. Es geht darum, sein Leben wieder im Griff zu haben.

Worauf muss man bei Dosisreduktion achten?

Die Reduktion darf nicht zu schnell vorgenommen werden, selbst wenn der Patient darauf drängt. Es gibt für jeden Patienten eine „Schwellendosis“, unter der es ihm an das Eingemachte geht. Diese individuell hohe Schwelle muss man unterschreiten, um den Entzug tatsächlich zu schaffen. Das ist für die meisten eine riesengroße Überwindung, die mit Angst, Hilflosigkeit und Schutzlosigkeit verbunden ist. Das ist eindeutig ein psychisches Problem.

Zum Interview mit dem Patienten Otto Grausam

verfasst am 10.01.2006