Niedrigschwellige Betreuung im Ganslwirt

Interview mit Dr. Hans Haltmayer
Wien, 6. September 2005

Dr. Haltmayer ist Arzt für Allgemeinmedizin, ärztlicher Leiter des Ambulatoriums Ganslwirt und Vizepräsident der Österreischischen Gesellschaft für arzneimittelgestütze Behandlung von Suchtkrankeit (ÖGABS). Er ist auch als Psychotherapeut tätig und betreibt als niedergelassener Allgemeinmediziner eine Wahlarztpraxis mit Schwerpunkt Suchterkrankungen im zweiten Wiener Gemeindebezirk.

Dr. Hans Haltmayer

Auf der Website des Ganslwirts ist zu lesen, dass Sie im niedrigschwelligen Bereich arbeiten. Was bedeutet »niedrigschwellig«?

Niedrigschwelligkeit bedeutet, dass der Zugang und der Anspruch auf unsere Angebote für unsere Klienten und Patienten nicht vom Erreichen bestimmter Ziele bzw. dem Verfolgen eines bestimmten Weges ( z.B. Abstinenz) abhängig gemacht werden. Weiters bedeutet das, dass die Angebote gut zugänglich und leicht erreichbar sein müssen. So sind wir z.B. die einzige Einrichtung in Österreich, die rund um die Uhr und jeden Tag geöffnet hat. Natürlich sind nicht alle Angebote rund um die Uhr verfügbar, aber es ist immer ein(e) diplomierte(r) Sozialarbeiter(in) anwesend. Das heißt, immer vor Ort für Krisen ansprechbar zu sein und die Möglichkeit für Betroffene, Angebote (auch ärztliche Behandlungen und Beratung) anonym und kostenlos in Anspruch zu nehmen, auch bei fehlender Krankenversicherung und ohne vorherige Terminvereinbarung. Das Wesentliche ist, dass die Angebote leicht und ohne Hürden (z.B. bürokratischer Natur) für Betroffene zur Verfügung stehen.

Das heißt, es gibt keine bestimmten Voraussetzungen, die ein Suchtkranker erfüllen muss, um im Ganslwirt Hilfe zu bekommen?

Voraussetzung ist, dass das Verhalten sozial verträglich ist und unsere drei Regeln befolgt werden: Erstens, in der Institution dürfen keine Drogen konsumiert werden. Zweitens, es darf nicht mit Drogen gehandelt werden und drittens, es darf keine verbale oder körperliche Gewalt geben.

Was bedeutet die Niedrigschwelligkeit für die Arbeitsweise im Ganslwirt und wie läuft es ab, wenn jemand zum ersten Mal zu Ihnen kommt?

Vorteil der Niedrigschwelligkeit ist, dass keine Termine vereinbart werden müssen. Das heißt, jeder kann während der Öffnungszeiten kommen. Am Nachmittag sind wir mit diplomierten Sozialarbeitern besetzt und betreiben in dieser Zeit auch eine offene Ambulanz. Dort holt man sich eine Wartenummer und ist nach einer gewissen Wartezeit an der Reihe. Die Patienten brauchen auch keine bestehende Krankenversicherung. Alle Angebote sind kostenfrei, z.B. auch eine Hepatitis A/B-Kombinationsimpfung und während der Grippe-Saison eine Grippeimpfung. Wir versuchen, unseren Klienten möglichst wenige Hürden in den Weg zu stellen.

Haben Sie »Stammklientel« oder wechseln die Klienten sehr häufig?

Im sozialarbeiterischen Bereich haben wir viele „Stammkunden“. Das sind chronisch suchtkranke Personen, die teilweise sozial schon sehr desintegriert sind: Obdachlos, zum Teil jahrelang arbeitslos und ohne Perspektive. Sie werden oft über Jahre hinweg betreut, nehmen regelmäßig unsere Angebote in Anspruch, essen und trinken im Ganslwirt, bekommen sozialarbeiterische Beratung und ärztliche Versorgung. Zu diesen Personen kommt noch ein beträchtlicher Anteil an Kurzbetreuungen und Personen, die 2 bis 3 Mal in die Ambulanz kommen. Das sind Patienten, die zum Beispiel unsere Impfangebote in Anspruch nehmen oder die konkrete Beschwerden, wie grippale Infekte, Harnwegsinfekte, Abszesse oder Phlegmonen etc. behandeln lassen oder auch nur eine punktuelle Beratung in Anspruch nehmen und eigentlich wo anders in Betreuung sind.

Welches Ziel steckt hinter diesem Betreuungsansatz?

Primär geht es darum, dass wir auch die erreichen wollen, die es auf Grund der Chronifizierung der Erkrankung schwer haben, andere Betreuungsangebote in Anspruch zu nehmen. Vielen fällt es schwer, Termine einzuhalten, am Vormittag zu erscheinen oder eine Krankenversicherung abzuschließen. Das sind Symptome ihrer Drogensucht. Manche schaffen es durch unkontrollierten Drogenkonsum oder auf Grund von Zugangshürden (Abstinenzorientierung, Terminvergabe) nicht, an anderen Einrichtungen anzudocken. Für diese Personen sind wir Anlaufstelle und versuchen, ihnen Hilfestellung, Betreuung und Behandlung zur Verfügung zu stellen.

Gibt es einen Therapieansatz, der hinter der niedrigschwelligen Betreuung im Ganslwirt steckt?

Es gibt verschiedene Prinzipien, die wir verfolgen. Ein Prinzip ist das der Freiwilligkeit des Kontakts. Wir behandeln und betreuen nur Personen, die freiwillig zu uns kommen. Wir haben keine Patienten, die von der Justiz eine Behandlungsauflage haben. Der Ganslwirt verfolgt den Ansatz einer akzeptierenden Haltung: wir versuchen, den Menschen wertschätzend in seiner Gesamtheit zu sehen und ihn nicht nur als die Summe seiner Suchtprobleme zu betrachten. Wir sehen die Patienten und Klienten, die Drogen konsumieren, als mündige, zur Selbstverantwortung fähige Personen und versuchen, den Drogenkonsum der betreffenden Person als ein aus seiner Lebensgeschichte heraus entstandenes Verhalten zu verstehen. Wenn eine Abhängigkeit und ein aktueller Drogenkonsum bestehen, dann versuchen wir, die Sekundärschäden, die Folgeschäden dieses Drogenkonsums (wie z.B. Infektionserkrankungen wie Hepatitis, HIV, bakterielle Infektionen usw.), möglichst zu reduzieren, indem wir unsere Patienten informieren und aufklären. Ein wichtiges Prinzip ist die Verschwiegenheit, d.h. wir geben keine Informationen über Betreuungsinhalte oder personenbezogene Daten weiter.

Welche Form der Betreuung bietet der Ganslwirt an?

Wir begleiten und betreuen bei Amtswegen, bei der Beschaffung von Dokumenten und längerfristigen Unterkünften, die Möglichkeit zu nächtigen - kurzfristig über eine Nacht oder längerfristig über mehrere Wochen, auf ein warmes Essen, Getränke, Kaffee oder Tee. Es ist auch möglich, zu uns zu kommen, um die Lebensgrundbedürfnisse teilweise abzudecken, wie Wäsche waschen, duschen oder Kleidung zu wechseln aber auch um soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen und sich mit Bekannten oder Freunden zu treffen.

Wir bieten allgemeinärztliche Beratung, Abklärung und Behandlung an, sowie drogenspezifische Betreuung und Behandlung. Das kann sein: Behandlung von Entzugsbeschwerden, Überbrückungsbehandlungen oder Substitutionsbehandlung.

Mit welchen Einrichtungen bzw. Personen arbeiten Sie zusammen?

Mit allen Institutionen des städtischen Gesundheitssystems (Spitäler, niedergelassene Ärzten, etc.), anderen Drogeneinrichtungen, Einrichtungen des Sozialen Hilfssystems (Unterbringung, Fürsorge, etc.) sowie Forschungseinrichtungen (AKH-Wien, Ludwig Boltzmann Institut für Suchtforschung) und vielen anderen mehr.

Über welchen Zeitraum werden Betroffene betreut?

Hier kommt das ganze Spektrum an Betreuungsmöglichkeiten zur Anwendung: Einmalkontakte im Rahmen von Kriseninterventionen oder reine Informationsweitergabe, drei bis fünf Kontakte im Rahmen einer Hepatitis-Abklärung mit nachfolgender Grundimmunisierung (Hepatitis A/B) bis hin zur Langzeitbetreuung (Substitutionsbehandlung, sozialarbeiterische Betreuung).

Können Sie Erfolge in der Betreuung von Suchtkranken nennen?

Natürlich gibt es Erfolge. Bei manchen Klienten ist es ein großer Erfolg, wenn es gelingt, sie in eine Krankenversicherung einzubinden oder eine "Minimallegitimation" durch Ausstellen eines Lichtbildausweises zu erreichen. Bei anderen ist die Unterbringung in einer Notschlafstelle, bei Dritten die Übernahme in Substitutionsbehandlung oder die Übermittlung auf eine stationäre Entzugsstation ein Erfolg. Erfolg ist immer individuell zu beurteilen.

Welche Erfahrungen machen Sie mit dem Problem des Missbrauchs?

Derzeit beobachten wir eine Zunahme beim Kokainkonsum. Daten deuteten darauf hin, dass Heroin- und der Opiatkonsum generell rückläufig sind. Das kann ich aus meiner Erfahrung nicht bestätigen. Es werden weiterhin Opiate wie Heroin, aber auch Morphin am Schwarzmarkt angeboten, gehandelt und missbräuchlich verwendet.

Können Sie die Zahl der Suchtkranken in Österreich einschätzen?

„Suchtkrank“ in Bezug auf welche Substanzen? Gute Daten gibt es für Alkohol und Nikotin. Bei illegalen Substanzen ist die Datenlage relativ schlecht. Das ÖBIG (Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheit) geht in seinem Drogenbericht 2004 von ungefähr 30.000 problematischen Opiatabhängigen in Österreich aus (Unschärfe von 5.000 bis 10.000 mehr oder weniger), für andere Substanzen gibt es kaum Zahlen. Diese Daten beruhen auf Schätzungen. Es wird an einem einheitlichen Dokumentationssystem gearbeitet, welches dann sicher bessere Zahlen liefern würde.

Wie viele der Suchtkranken befinden sich in einer Form der Therapie?

Wenn man von diesen 30.000 Opiatabhängigen ausgeht, ist österreichweit maximal ein Drittel davon in einer Substitutionsbehandlung.

Lässt sich das auf Grund der Meldepflicht einer Substitutionsbehandlung genau sagen?

Vielfach werden Patienten, die in Substitutionsbehandlung sind, nicht gemeldet bzw. bei Beendigung der Therapie nicht abgemeldet. Die Listen werden nicht gewartet und sind nicht aktuell. Das soll durch ein einheitliches Meldesystem verbessert werden. In Wien werden Daten über die Dauerverschreibungen durch die MA15 erhoben. Diese Zahlen sind relativ genau und verlässlich. In Wien sind zuletzt 5.551 Patienten (Mai 2005) in Substitutionsbehandlung gewesen. Man kann davon ausgehen, dass sich maximal 50 Prozent derer, die es brauchen würden, im Moment in Substitutionsbehandlung befinden. Hier gibt es noch großen Bedarf.

Gibt es Daten zu anderen Therapieformen wie z.B. Entzug?

Es gibt sicher Daten über Entzugsbehandlungen, hierzu kann ich ihnen aber keine verlässlichen Angaben machen. Aussagen über erfolgreiche Entzugsbehandlungen sind generell schwierig zu treffen, da kaum Katamnese-Untersuchungen (Untersuchungen nach Ablauf einer Erkrankung) gemacht werden. Die Frage, wie lange die Patienten dann abstinent bleiben ist wichtig, aber schwer zu beantworten.

Welche Trends zeichnen sich ihrer Meinung nach bezüglich der Zahl der Suchtkranken oder der Therapieformen ab?

Ein Trend, der sich abzeichnet, ist die Zunahme des Kokainkonsums. Das ist ein Problem, weil noch detaillierte Konzepte fehlen, wie mit diesem Problem umzugehen ist. Die therapeutischen Optionen sind nicht ausreichend und eine "Kokain/Amphetamin - Substitutionsbehandlung" ist nicht möglich, weil keine Substanz zur Verfügung steht, die gesundheitlich unbedenklich ist. Hier sind alle Verantwortlichen gefordert. Das wird eine Herausforderung für die nächsten Jahre. Ein weiterer Trend sind der Ausbau und die Differenzierung der Substitutionsbehandlung. Wir sind, gegenüber vielen anderen Ländern in Europa, in der glücklichen Lage mehrere Substanzen zur Behandlung zur Verfügung zu haben. Eine Einschränkung wäre hier ein massiver Rückschritt. Eine weitere, wichtige therapeutische Option in der Substitutionsbehandlung wäre neben der Auswahl der Substanzen eine Ausweitung der Applikationsformen, im Moment besteht ja nur die Möglichkeit Substitutionsmittel oral abzugeben. Hier sind uns andere Länder in Europa voraus. Alternative Anwendungsmöglichkeiten, wie die Möglichkeit zur intravenösen oder inhalativen Applikation, müssen dringend auf ihre Umsetzbarkeit hin diskutiert werden. Es sollten weitere Programme mit niedrigschwelliger Substitutionsbehandlung, wie wir sie im Ganslwirt anbieten, angeboten werden, damit wir mehr als ein Drittel der Betroffenen erreichen können.

verfasst am 06.09.2005