Meilensteine, Absurditäten und Eintagsfliegen – Fachtagung anlässlich der Schließung des Ludwig Boltzmann Instituts für Suchtforschung

Mit Ende des Jahres 2009 schließt das Ludwig Boltzmann Institut für Suchtforschung (LBI Sucht) nach 38 Jahren Bestehen seine Pforten. Aus diesem Anlass lädt Univ.Prof. Alfred Springer am 20. und 21. November nach 36-jähriger Tätigkeit als Institutsleiter zur Fachtagung „Methodenschau der Suchtforschung“. Im Interview mit www.drogensubstitution.at spricht der renommierte Psychiater und Suchtforscher gemeinsam mit Dr. Alfred Uhl, Koordinator der Forschungsbereiches „Epidemiologie / Sozialwissenschaften“ sowie des Bereiches „Suchtpräventionsdokumentation – Alkohol“ am Anton Proksch Institut (API), über Wahrheiten, Eintagsfliegen und Absurditäten des Faches sowie die lange Tradition und Meilensteine in der österreichischen Suchtforschung.

Univ.Prof. Alfred Springer
Dr. Alfred Uhl

Der Untertitel der Tagung lautet „Kontroversieller Blick auf Wahrheiten, Moden und Eintagsfliegen“. Gibt es überhaupt Wahrheit in der Suchtforschung?

Springer: Wie in jeder Forschung gibt es keine ultimative Wahrheit. In dem Moment, wo die Wahrheit gefunden wäre, wäre die Forschung überflüssig. Aber man nähert sich der Wahrheit in der Suchtforschung auf verschiedensten Wegen - unter anderem seit einigen Jahren über die modernen bildgebenden Verfahren aus den Neurowissenschaften.

Was sind die Eintagsfliegen?

Springer: Viele dieser neuen Annäherungen und Ansätze führen zu Ergebnissen, die mangels ausreichendem Wahrheitsgehalt immer wieder revidiert oder zurückgesetzt werden müssen. Das sind dann die klassischen Eintagsfliegen. In der Suchtforschung sind diese sehr deutlich zu sehen: Beispielsweise das neue Suchtmodell beziehungsweise die Konzentration auf die Hirnforschung  und bildgebenden Verfahren. Hier gibt es immer wieder Erkenntnisse, die wenig später relativiert werden.

Ein wesentlicher Teil der Tagung beschäftigt sich eben mit diesen Zusammenhängen zwischen Suchtforschung und Neurowissenschaften. Ist Sucht nun eine Sache der Psyche oder des Hirns?

Uhl: Sucht hat mit vielen Sachbereichen zu tun. Um etwas Sinnvolles über Sucht, ihre Hintergründe und Behandlung sagen zu können, muss man in verschiedensten Disziplinen zu Hause sein. Schließlich geht es darum, die einzelnen Befunde aus Psychologie, Soziologie, Neurologie, etc. zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Isolierte Resultate aus nicht zusammenhängenden Einzelprojekten erschweren die Herstellung eines konsistenten Gesamtbildes. Daher ist ein Aspekt der Tagung, zu sehen, in wie weit neue Ansätze, beispielsweise die bildgebenden Verfahren, sinnvoll zum Gesamtbild beitragen können. Letztlich ist es eine Frage der Interpretation der gewonnenen Daten: Diese muss methodologisch richtig und nachvollziehbar sein.  

Springer: Die Frage ist auch, was bei diesen modernen Methoden der Neurowissenschaften eigentlich beobachtet wird. Die Gefahr ist groß, das ganz normale Vorgänge im Gehirn pathologisiert werden und daraus eine Krankheit namens „Sucht“ konstruiert wird.

Das klingt ein wenig nach dem Henne-Ei-Prinzip. Was war vorher da: die neurologische oder die psychische Störung?

Springer: Nach dieser neuen Konzeption hätte Sucht nichts mehr mit der Psyche zu tun. Denn letztlich – so argumentiert man – sei die Psyche nur eine Ausprägung des Gehirns. Die Conclusio würde also lauten: Sucht ist eine Hirnkrankheit – und zwar von der Fettleibigkeit über den Alkoholismus bis zum Morphinismus. Das ist ein sehr gefährlicher Ansatz, weil er natürlich den Schluss nahe legt, dass sich Sucht im Hirn ablesen lässt und Abnormalitäten in bestimmten Hirnbereichen das Signal für ein drogenbezogenes Problem darstellen.

Uhl: Worauf diese „bunten Punkte“ im Hirn, die mit dieser und jener Sucht in Verbindung gebracht werden, tatsächlich beruhen, läst sich mit derzeitigen Versuchsanordnungen kaum stichhaltig nachweisen und belegen. Die notwendigen, großen klinischen Studien mit einer relevanten Zahl von Versuchspersonen und komplexen Designs sind nur sehr schwer finanzierbar. Die Ergebnisse aus klassischen Tiermodellen wiederum können nicht direkt auf den Menschen umgelegt werden. Hier braucht es also noch sehr viel Forschung und Diskussion, um hier wirklich stichhaltige Aussagen treffen zu können.

Bei der Tagung sprechen Sie auch über die Absurditäten in der Suchtforschung. Was ist den komplett absurd?

Uhl: Sehr viel. Eine große Absurdität zur Zeit ist die Idee von der enormen „Spontanheilungsrate von Sucht“. Tatsächlich gibt es zwar zahlreiche Fälle, wo sich beispielsweise Alkoholkranke ohne Therapie mit Selbsthilfegruppen oder alleine aus dem Sumpf ziehen können. Tatsache ist aber auch, dass die publizierten Ergebnisse, wonach 2/3 bis 3/4 der Alkoholskranken innerhalb eines Jahres ihre Sucht ohne Therapie überwinden konnten, das Ergebnis grober methodologischer Ahnungslosigkeit bei den betreffenden Forschern darstellt. Den dahinter liegenden Fehlschluss müsste ein geschulter Forscher sofort erkennen und das Ganze als Artefakt zurückweisen.

Wie kommen diese Statistikfehler zustande?

Uhl: Derzeit bauen viele Studien, zur Untersuchung der Spontanheilung auf Fragebogenerhebungen durch Meinungsforschungsinstitute auf, damit man größere und repräsentativere Stichproben zur Verfügung hat. Bei derartigen Fragenstellungen ist es allerdings den psychologisch / psychiatrisch wenig geschulten Interviewern, kaum möglich die Befragten bei der Beantwortung soweit zu unterstützen, dass die Ergebnisse anschließend inhaltlich sinnvolle Interpretationen zulassen. So kommen of absurde Werte heraus, die wenig mit der Realität zu tun haben. Das hat wenig mit verantwortungsbewusster wissenschaftlicher Arbeit zu tun, hinterlässt aber beim Rezipienten das Gefühl von Wissenschaftlichkeit: Schließlich kamen standardisierte Fragebögen, große Stichproben, und „geschulte“ Interviewer zum Einsatz.

Was ist Ihrer Meinung nach absurd in der Suchtforschung?

Springer: Die Projektaufträge gehen immer mehr in eine Richtung, die die aktuelle Ausrichtung der Politik beziehungsweise die Strategien im Umgang mit Prävention, Therapie usw. bestätigen sollen. Und diese deutet derzeit eher in Richtung abstinenzorientierter Forschung und Therapie. Dabei gehört der Substitutionsansatz zu einem der ältesten Prinzipien in der europäischen Suchtforschung.

Was sind denn die Meilensteine in der heimischen Suchtforschung?

Springer: Da gibt es einige. Beispielsweise war Wien von Anfang an – also seit den erstens schriftlichen Belegen der Auseinandersetzung mit Kokain als Arzneimittel Mitte des 19. Jahrhunderts – an der Forschung wesentlich beteiligt. Der Augenarzt Carl Koller beispielsweise entdeckte 1884 die Lokalanästhesie mittels Kokain. Inspiriert wurde er dabei von keinem geringeren als Sigmund Freud, der sich in seinen beruflichen Anfängen intensiv mit Kokain auseinander gesetzt und unter anderem den ersten deutschsprachigen und international relevanten Text „über Coca“ (1887) verfasst hatte – sicherlich ein erster Markstein in der drogenbezogenen Forschung in Wien.

Dieses Interessensgebiet von Sigmund Freud wird aber gerne ignoriert, oder?

Springer: Diese wesentliche Arbeit im Bereich der Suchtforschung ist letztlich in der Biografie Freuds neben Hypnose und Psychoanalyse untergegangen. Ganz im Gegenteil hat man ihn sogar dafür gegeißelt, dass er in seinen Schriften Kokain als mögliches Heilmittel bei Morphinismus angegeben hatte. Der Neurologe Heinrich Obersteiner – ein Zeitgenosse Freuds – hatte aber als erster Europäer Kokain als Arzneimittel empfohlen und auch angewandt. Auch in der Haschischforschung war Wien eine wichtige Zentrale. Und bei der Erforschung von LSD war es Österreich, das die ersten Experimente in der Schweiz auf wissenschaftlich fundierte Beine gestellt hatte. Heute sind diese Arbeiten wieder topaktuell, weil man LSD als Vergleichssubstanz bei der Entwicklung von Antidepressiva einsetzt – das psychopharmakologische Basiswissen aus Wien ist dabei sehr wertvoll.

Die Suchtforschung in Österreich hat also schon eine lange Tradition...

Uhl: Richtig. Umso wichtiger ist es, dass auch eine bestimmte Kontinuität gewahrt bleibt. Das ist eine wesentliche Voraussetzung. Derzeit läuft die Entwicklung in der Forschungsorganisation aber in eine andere, verkehrte Richtung, die mehr auf sehr kurzfristige Projektarbeit abzielt, wo schnell, kostengünstig und mit minimalem Aufwand Forschung betrieben wird, um möglichst rasch Daten zu haben. Das sollte sich ändern. Sinnvolle Lehre und Forschung kann nur auf fundiertes Wissen aufbauen – und das kann nur entstehen, wenn man sich über längere Zeit hinweg mit einem Thema beschäftigen kann und wenn man neben der unmittelbaren Projektarbeit auch noch Zeit zur Fortbildung sowie zum Nachdenken hat.

Welche Stellenwert hat die Substitution in der Suchtforschung?

Uhl: Die Substitution ist eine bei Opiatabhängigen zentrale Behandlungsmethode und alle Zugänge werden laufend beforscht und evaluiert. Immer wenn in Zusammenhang mit Substitution neue Substanzen bzw. Strategien implementiert werden, ist der Druck deren Eignung diese durch Evaluation zu belegen besonders groß.

Springer: Wie jede andere Form der Therapie bedarf sie der Begleitforschung. Substitution in ihrer modernen Form ist ein „Kind der Sucht-Endorphin-Forschung“. Ihre Ergebnisse können zur Evidenzgewinnung hinsichtlich der Beteiligung der Risken aus biologischem Grundlagen und Umwelteinflüssen und hinsichtlich der Wiederherstellung unter Erhaltungstherapie beitragen. Rein quantitativ deckt Forschung zur Substitution einen großen Anteil der Forschung zu drogenbezogenen Problemen ab.

Was leistet die Suchtforschung für die Suchttherapie?

Springer: Suchtforschung kann die Grundlage für adäquate Behandlungsmethoden erarbeiten. Ist sie interdisziplinär ausgerichtet, kann sie dazu beitragen, dass dem komplexen Charakter der Sucht entsprechend eine Behandlungsform entsteht, die in ausgewogener Weise somatischen, psychischen und sozialen Symptomen Rechnung trägt. Die biologische Sucht- respektive Hirnforschung wieder kann eventuell zur Entwicklung von Konzepten medikamentöser Behandlung beitragen.

Wie geht es mit der Suchtforschung in Österreich weiter, nachdem nun das Ludwig Boltzmann Institut für Suchtforschung auf Grund der Umstrukturierungen in der Gesellschaft geschlossen wird?

Uhl: Die Forschung wird nun unter Leitung von API-Chef Michael Musalek am Anton Proksch-Institut weiterlaufen, wo das Ludwig Boltzmann Institut für Suchtforschung bis zuletzt angesiedelt war.

 

Herr Prof. Springer, sie haben das Institut seit Anbeginn geleitet und dabei wesentlich zur österreichischen Suchtforschung beigetragen. Fällt Ihnen der Abschied schwer?

Springer: Meine Arbeit im Rahmen der Suchtprävention und –therapie an diversen Wiener Stellen führe ich ja noch weiter – ebenso wie meine Beratungstätigkeit für die österreichische Regierung. Aber natürlich möchte ich auch der Suchtforschung treu bleiben und freue mich diesbezüglich auf neue Aufgabenfelder.



Herzlichen Dank für das Gespräch.

Mehr zur Fachtagung unter http://www.api.or.at/lbi