Mit Lebensfreude gegen die Sucht

Interview mit Primar Prof. Dr. Michael Musalek, ärztlicher Direktor des API

Die Suchttherapie ist um ein Zusatzangebot reicher: Im Anton-Proksch-Institut (API) in Kalksburg zielt das neue Therapiekonzept  „Orpheus-Programm“  darauf ab, Suchtkranke so weit innerlich zu stärken, dass sie wieder Freude am und Sinn im Leben finden. Der Verzicht auf das Suchtmittel soll nicht als Verlust empfunden werden, sondern als Chance auf Veränderung, auf Wohlbefinden, auf so etwas wie Glück und Freiheit. Im Gespräch mit www.drogensubstitution.at  schildert Primar Prof.Dr. Michael Musalek, ärztlicher Direktor des API, Idee und Konzept des von ihm entwickelten Therapieprogramms. 

Warum haben Sie Ihr Programm nach Orpheus, dem Helden der griechischen Mythologie, benannt?

Musalek: Mit dem Namen Orpheus ist das Grundprinzip des Programms verbunden. In der griechischen Mythologie hat es zwei Helden – Odysseus und Orpheus – gegeben, die den betörenden Gesang der Sirenen, weiblicher Fabelwesen, überwunden und überlebt haben. Die Sirenen sind ein eindrucksvolles Symbol für Suchtmittel: Sie sind auf der einen Seite hochattraktiv und eben betörend. Auf der anderen Seite – wenn man ihnen zu nahe kommt – sind sie gefährlich bis tödlich.

Wie spiegeln sich Odysseus und Orpheus in den Suchtpatienten wider?

Musalek: Beide Helden haben sich den Sirenen auf unterschiedliche Weise widersetzt: Der eine – Odysseus – hat sich auf dem Schiffsmast angebunden und den Gesang der Sirenen mit viel Kraft und Gewalt überwunden. Das ist das typische Bild, das in der bisherigen Suchttherapie vorgeherrscht hat: mit viel Gewalt, mit viel Willenskraft durchzustehen und es zu schaffen. Auch der weniger bekannte Orpheus trotzt den Sirenen. Er hat aber eine ganz andere Strategie, diese zu überwinden: Er nimmt seine Leier und macht einfach die bessere und lautere Musik. Da haben die Sirenen keine Chance. Genau dieses Grundprinzip wollen wir umsetzen. Der Patient macht die bessere Musik, führt also ein so freudvolles Leben, dass er eine Umwertung seiner bisherigen Lebenswerte schafft. Das Suchtmittel verliert seinen Reiz, wird quasi wertlos.

Sie bezeichnen die Lebensfreude als Schlüssel zum Weg raus aus der Sucht. Warum wiegt diese mehr als die Willenskraft des Patienten?

Musalek: Zuerst ist schon mal der Terminus „Willenskraft“ ein problematischer, denn es gibt ja keinen starken und keinen schwachen Willen. Es gibt nur starke oder weniger starke Anreize beziehungsweise Motivationen. Es kommt immer darauf an, wie hoch etwas, das ich anstrebe, in meinem Wertesystem steht oder – anders gesagt –, wie hoch der Wert ist, auf den ich dann verzichten muss.

Was meinen Sie mit Wertesystem?

Musalek: Keiner könnte auf das drittwichtigste im Leben verzichten. Man kann aber problemlos auf das 15-wichtigste verzichten. Das heißt, wenn ich das Suchtmittel als zweit- oder drittwichtigsten Wert im Leben habe, gibt es fast keine Chance, darauf dauerhaft zu verzichten. Das kann man nicht durchhalten. Wenn das Suchtmittel aber an 15.ter Stelle gereiht ist, kann man darauf leicht verzichten. Daher muss das Suchtmittel sukzessive auf einen hinteren Platz im Wertesystem gebracht werden – das Leben wird also neu bewertet. Natürlich gibt es auch Patienten, die wie Odysseus durchhalten. Aber ich bin der Überzeugung, dass die Orpheus-Strategie, die Entwicklung von mehr Lebensfreude, die bessere ist. Das ist definitiv ein Paradigmenwechsel in der Suchttherapie.

Kann ein suchtkranker Mensch überhaupt selbst erkennen, was Lebensfreude ist?

Musalek: Darin liegt die große Herausforderung. Denn gerade die dafür notwendigen Ressourcen, sind bei vielen unserer Patienten verschüttet. Es gibt zwei Sätze, die ganz typisch sind für Suchtkranke: „Nichts macht mir mehr eine Freude“ oder nach einer ersten Eingewöhnung „Ich bin wunschlos glücklich“ – was das Furchtbarste ist, weil man damit in eine völlige Perspektivenlosigkeit fällt. Peter Handke nennt es völlig zu Recht „wunschloses Unglück“. Wenn wir keine Wünsche mehr haben, haben wir keine Triebfedern mehr. Es braucht also zuerst Schritte, die dem Betroffenen deutlich machen, welche Ressourcen er überhaupt zur Verfügung hat.

Wie kann man diese Ressourcen aktivieren?

Musalek: Viele unserer Patienten spüren beispielsweise ihren Körper nicht mehr und sehen diesen nur mehr als Gefäß für ihre Suchtmittel. Daher haben wir ein Körperwahrnehmungsmodul oder auch Qi Gong, wo die Patienten wieder erlernen, ihren Körper zu spüren und diesen auch bewusst zu bewegen. Es gibt Genussmodule, wo die Patienten wieder das Riechen und Schmecken erlernen. Für manche Menschen hingegen ist es das kreative Handwerk, das ihnen große Freude bereitet. Da haben wir eine große Werkstätte, wo sie dies unter Anleitung machen können.

Entscheidet der Patient selbst, welche Module er machen möchte?

Musalek: Ja, und zwar im Dialog mit dem Therapeuten. Gemeinsam wählen sie, was für den Patienten das Beste ist. Würde es der Therapeut auswählen, würde dem Patienten etwas übergestülpt, was er vielleicht gar nicht mag. Würde aber nur der Patient wählen, würde er nicht erkennen, wohin die Arbeit führt. Deshalb ist es wichtig, dass die Entscheidung im Dialog fällt.

Ein wesentlicher Teil des Programms ist das Training der Beziehungsfähigkeit. Wie trainiert man das?

Musalek: Es geht um banale erste Schritte der Kontaktaufnahme. Um Fähigkeiten, auf einen anderen Rücksicht zu nehmen, anderen zuzuhören, Blickkontakt herzustellen. Seit neuestem bieten wir beispielsweise ein Kinoprojekt. Da werden Filme angesehen, die verschiedene Themen der Lebensveränderung transportieren. Nach dem Film gibt es dann eine Diskussionsgruppe, wo man über das Erlebte spricht. Man lernt dabei, die Erfahrungen miteinander zu teilen und erkennt, wie unterschiedlich manche Dinge erlebt werden.

Sie bieten auch philosophische Diskussionsgruppen an. Wird dieses Angebot überhaupt angenommen?

Musalek: Ja, sogar mehr, als wir jemals für möglich gehalten haben. Gleich in der ersten philosophischen Runde haben sich 35 Patienten angemeldet. Nach zweieinhalb Stunden mussten wir die Runde abbrechen, weil die Patienten nicht zu diskutieren aufhören wollten. Es ist übrigens um das Höhlengleichnis von Platon gegangen – und die Patienten haben erkannt: Das ist eigentlich genau mein Problem.

Mit Philosophie verbindet man eigentlich schwer verständliche Themen. Warum kommt es dennoch so an bei den Patienten?

Musalek: Es geht darum, bestimmte Lebensfragen im Lichte bestimmter Philosophen zu ergründen. Das muss natürlich so aufbereitet sein, dass es für alle zu verstehen ist. Oftmals scheitert eine Auseinandersetzung ja  nicht an den philosophischen Gedanken, sondern an der philosophischen Sprache, die für den Normalverbraucher nicht wirklich verständlich ist. Wenn man diese Gedanken wieder in eine geläufige Sprache übersetzt, findet fast jeder Mensch einen Zugang. Es sind ja genau die Fragen, die uns beschäftigen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Da gibt es jetzt unterschiedliche Zugänge dazu. Die sind eine Hilfestellung, um das eigene Leben zu reflektieren. Und das Potenzial der Patienten ist dabei erstaunlich hoch.

Arbeiten Sie im Orpheusprogramm auch mit Substitutionsmitteln?

Musalek: Ja. Es ist auch nicht so, dass wir entweder Abstinenz- oder Substitutionsbehandlung machen. Sondern wir arbeiten mit und in den bestimmten Lebensperioden der Patienten. Dementsprechend kann zu einem bestimmten Zeitpunkt Abstinenz gerade das richtige sein, zu einem anderen Zeitpunkt braucht der Patient unbedingt ein Substitutionsmittel zur Unterstützung. Substitution oder Abstinenz sind erst die Voraussetzung, um eine Lebensveränderung zu schaffen. Daher ist auch die Diskussion, mit welchen Substitutionsmitteln man substituiert, eine untergeordnete. Das Entscheidende ist: Was mache ich überhaupt mit dem Menschen? Nur das Verabreichen eines Medikaments ist noch keine Therapie. Das ist erst die Eintrittskarte zur eigentlichen Behandlung.

Wer entscheidet über den Therapieweg?

Musalek: Patient und Therapeut im Dialog. Es bringt nichts, wenn man es einfach nur von außen verordnet. Aber es kann auf der anderen Seite auch nicht ausschließlich ein Wunschprogramm des Patienten sein. Da braucht es einen therapeutischen und diagnostischen Dialog. Auf diese Weise kommt man gemeinsam zu einem guten Weg, der adäquat und auch erreichbar ist für den Patienten. Schließlich muss man sich ja auch erreichbare Ziele setzen.

Wie erfolgreich sind Sie mit dem Orpheus-Programm. Gibt es bereits erste Zahlen und Daten über den Erfolg Ihres Projekts?

Musalek: Nachhaltige und langfristige Erfolge können wir noch nicht vorweisen, weil wir ja erst am Beginn sind und daher auch noch nicht wirklich Evaluationen haben. Unsere Patienten geben uns aber ein sehr gutes Feedback. In wie weit sich das auch auf den Umgang mit dem Suchtmittel längerfristig auswirkt, das müssen wir abwarten, Da bin ich aber sehr zuversichtlich. Alles, was man mit Freude macht, hält man einfach länger durch.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

verfasst am 09.06.2009