Das JEDMAYER – die größte niedrigschwellige sozialmedizinische Einrichtung Österreichs

Seit Anfang Juli hat Wien eine neue Therapieeinrichtung: Das JEDMAYER am Gumpendorfer Gürtel, Nr. 8 im 6. Bezirk. Damit löst die neue Einrichtung den Ganslwirt in der Gumpendorferstraße und das TaBeNo-Süd der Suchthilfe Wien am Wiedner Gürtel ab. In einem Interview mit der Plattform Drogensubstitution (PD) geben Geschäftsführer Mag. Robert Öllinger und der Ärztliche Leiter Dr. Hans Haltmayer Aufschluss darüber, was sich hinter dem Namen verbirgt und welche Angebote es in der neuen rund 2.800 Quadratmeter großen Drogenberatungsstelle gibt.

Wie genau sieht das Angebot im JEDMAYER aus?

Öllinger: Wir hatten bis Mitte Juli zwei Tageszentren mit zwei unterschiedlichen Schwerpunkten: der Ganslwirt  - mit dem Ambulatorium, das die medizinische Versorgung tagsüber gewährleistete und das TaBeNo-Süd mit dem Schwerpunkt auf Wohnversorgung mit einer angeschlossenen Notschlafstelle mit 26 Betten und einer Nachtambulanz. Seit dem 23. Juli läuft der Vollbetrieb mit allen Angeboten hier auf diesem Standort: Im klassischen Tageszentrum ist die personelle Basisversorgung angesiedelt - also Essen, Trinken, Notschlafplätze und Sanitärräume für Hygiene, Waschmöglichkeiten für Wäsche. Es gibt 26 Betten, diese sind unterteilt in kurz-, mittel- und längerfristige Aufenthalte; außerdem haben wir den Bereich betreutes Wohnen integriert, mit 15 Plätzen in 11 Wohnungen, die wir in einem Zeitraum von ca. 2 Jahren zur Verfügung stellen und durch eine(n) unserer SozialarbeiterInnen betreut werden. Ebenfalls übernommen wurde das klassische Postwesen – wer keinen Meldezettel hat, kann die Briefe hier her bekommen, Dokumenten- und Geldverwahrung gibt es ebenfalls. Und es gibt die Möglichkeit für Spritzentausch mit rund 400 Tauschvorgängen, mit ca. 7.800 Spritzen die pro Tag getauscht werden. Darüberhinaus gibt es die Sozialberatung mit der Erstinformation und der Krisenintervention sowie Bezugsbetreuung. Das hat es alles schon gegeben und wird an diesem Standort fortgesetzt.

Haltmayer:
Das Ambulatorium Ganslwirt, die tagesmedizinische Versorgung und das Ambulatorium TaBeNo, die nächtliche Notversorgung, wurden nun im Ambulatorium Suchthilfe Wien zusammengefasst. Was noch neu ist: das frühere Ambulatorium für Suchtkranke (ASK) im 3. Bezirk  wurde ebenfalls (zum größten Teil) in unser Angebot integriert. Das heißt, es sind quasi drei Ambulatorien zu einem zusammengeführt worden und dies ist das Ambulatorium Suchthilfe Wien.

Das alles ist jetzt das „Jedmayer“?

Haltmayer: Das Jedmayer besteht aus dem Tageszentrum, der Notschlafstelle, dem psychosozialen  Angebot sowie dem Spritzentausch. Das Ambulatorium Suchthilfe Wien ist eine eigene Organisationseinheit, inhaltlich aber natürlich eng mit dem Jedmayer verbunden.

Öllinger:
Eine Substitutionstherapie kann nur funktionieren, wenn die medizinische Seite auch mit der sozialarbeiterischen Seite zusammenarbeitet. Da gibt es eine teamübergreifende, enge Abstimmung der MedizinerInnen mit den SozialarbeiterInnen.

Welche Angebote sind dazugekommen?

Öllinger: Was neu dazu gekommen ist, ist die Verschränkung von Nachtschlafstelle zum betreuten Wohnen. Das heißt, dass hier im Rahmen einer Bezugsbetreuung einer unserer Sozialarbeiter für eine(n) Klienten/Klientin zuständig ist und möglichst bei allen Fragen weiterhelfen kann, der/die PatientIn muss so nicht mehr themenbezogen weitergeleitet werden. So ist jetzt alles bei einer Person fokussiert; dadurch kann man umfassender und rascher auf die Bedürfnisse der KlientInnen eingehen. Bei medizinischen Fragen wird natürlich ein(e) Arzt/Ärztin hinzugezogen.

Wir haben einen Garten, in dem sich die KlientInnen, im Freien aufhalten können. Durch das ausgeweitete Raumkonzept können wir mehr anbieten: Im Ruhe- und Fernsehraum kann man sich vom „Szenestress“ zurückziehen, in den Gruppenräumen finden diverse Angebote, von Kursmaßnahmen und gruppentherapeutischen Angeboten bis hin zu Freizeitaktionen, statt. Ein Frauen-Café sowie Sportmöglichkeiten - sowohl Indoor als auch Outdoor - ergänzen das Angebot.

Wir können nun besser die notwendigen räumlichen und personellen Ressourcen anbieten, die für eine Stabilisierung und Resozialisierung Voraussetzung sind. Durch die Zusammenlegung von zwei Standorten sind personelle Ressourcen freigeworden, die man jetzt in die KlientInnen investieren kann. Durch die größere Fläche haben wir nun auch die Möglichkeit, mehr Angebote zur individuellen Entfaltung anzubieten - eine wichtige Voraussetzung für die persönliche Weiterentwicklung der Menschen.

Haltmayer:
Im sozialarbeiterischen Team gibt es jetzt ein eigenes Betreuungsteam, das für die Versorgung und ein eigenes Team, das nur für die Beratung hinsichtlich sozialrechtlicher Fragen, wie z.B. Versicherung, Wohnung, Meldeangelegenheiten, usw. zuständig ist. Von Montag bis Freitag sind durchgehend ein bis zwei SozialarbeiterInnen im Ambulatorium und stehen für die Betreuung der PatientInnen zur Verfügung.

Gibt es auch vom medizinischen Angebot her eine Erweiterung?

Haltmayer: Durch die Zusammenlegung der Ambulatorien haben wir mehr personelle Ressourcen und können  3 - 5 Ambulanzen parallel betreiben. Dadurch können wir mehr PatientInnen betreuen und die Wartezeiten verkürzen. Die Angebotserweiterung ermöglicht es auch, PatientInnen zu substituieren, die nicht versichert sind, indem sie täglich in das Ambulatorium kommen, ihr Substitutionsmittel erhalten und hier einnehmen.

Ebenfalls neu ist die wöchentliche HIV/Aids Spezialambulanz, betreut durch Dr. Matthias Reisinger in enger Kooperation mit der Immunambulanz des Otto Wagner Spitals, eine Spezialambulanz für Hepatitis Behandlungen, die wir in Kooperation mit Primarius Univ.Prof. Dr. Michael Gschwantler, dem Vorstand der 4. Medizinischen Abteilung, Wilhelminenspital führen, eine Psychiaterin, eine Gynäkologin, eine Kardiologin – wir haben hier alles unter einem Dach. Denn die Erfahrung zeigt, dass gerade die PatientInnen aus dem niedrigschwelligen Bereich die Anforderungen, die an sie gestellt werden, um in unterschiedlichen Spezialambulanzen behandelt zu werden, nicht bewältigen können. Daher gehen wir einen anderen Weg und holen die Spezialambulanzen zu uns, unter das Dach der Suchthilfe Wien.

Wie schaut die Betreuung an Feiertagen und am Wochenende aus?

Öllinger: Wir haben 365 Tage im Jahr geöffnet. Wir haben täglich außer Dienstag vormittags das Tageszentrum von 09:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Das Ambulatorium ist Montag bis Freitag von 9:00 bis 18:00 und samstags, sonntags und feiertags von 12:00 bis 18:00h geöffnet. In der Nacht haben wir täglich neben der Notschlafstelle eine medizinische Versorgung für suchtmedizinische Notfälle von 19:00 bis 8:00h in der Früh.

Welche Form der Betreuung bietet das JEDMAYER an?

Haltmayer: Wir bieten ausschließlich niedrigschwellige Angebote an, es gibt keine Zugangsbarrieren. Jeder/jede kann zu den Öffnungszeiten kommen, benötigt weder einen Termin, noch muss er oder sie zugewiesen sein.

Kann ich als ApothekerIn / als niedergelassene(r) Arzt/Ärztin jemanden hinschicken? Besteht die Möglichkeit, dass man PatientInnen hier einstellen lässt und dann als niedergelassene(r) Arzt/Ärztin weiter behandelt?

Haltmayer: Wenn ein(e) niedergelassene(r) Arzt/Ärztin die Einstellung auf ein Substitutionsmedikament nicht machen kann, ist es selbstverständlich, dass wir als Spezialambulanz die notwendige Unterstützung bieten. Entweder indem wir den PatientInnen bei uns einstellen oder den/die Arzt/Ärztin bei der Einstellung durch telefonische Beratung unterstützen.

 

An wen wendet sich das Angebot, gibt es spezielle Zielgruppen?

Haltmayer: Primär sind wir für jene PatientInnen zuständig, die neben ihrer Suchtkrankheit noch eine Reihe anderer Probleme – sei es im sozialen oder im medizinischen Bereich (HIV, Hepatitits, Psychiatrische Erkrankung) haben. PatientInnen, die sehr stabil sind, sind im niedergelassenen Bereich gut aufgehoben und brauchen unsere Einrichtung nicht. Wenn stabile PatientInnen beispielsweise aus der Krankenversicherung herausfallen, bieten wir Ihnen eine Überbrückung an. Bei Nichtversicherten übernehmen wir die Kosten der medizinischen Versorgung und arbeiten mit unseren SozialarbeiterInnen an der Wiederherstellung des Versicherungsschutzes und der Rückübermittlung der Patienten an den/die vorbetreuende(n) Arzt/Ärztin. Für diese Versorgungslücke sind wir da.

Öllinger:
Unser Angebot richtet sich an Personen, die im Zusammenhang mit dem Konsum von Drogen psychische, körperliche und soziale Beeinträchtigungen erfahren. Schwerpunktmäßig handelt es sich dabei um Personen, die sich im öffentlichen Raum aufhalten oder von Wohnungslosigkeit betroffen bzw. bedroht sind, und auch um Patienten, die aufgrund ihrer psychischen Verfassung nicht in der Lage sind regelmäßig zu einem/einer niedergelassenen Arzt/Ärztin zu gehen.

Wie viele Leute können Sie betreuen? Wie viel Leute stehen für die Betreuung zur Verfügung? 

Öllinger: Wir haben in der Sozialarbeit 40 Personen und eine Kapazität für rund 250 Personen, die zeitgleich die Angebote nutzen können.

Haltmayer:
Im Ambulatorium sind 15 ÄrztInnen, 1 Krankenpfleger und 2 Ordinationshilfen tätig. Aktuell behandeln wir an die 100 PatientInnen pro Tag, rund 50 PatientenInnen in der täglichen Abgabe und rund 50 PatientInnen, die wegen anderer Probleme unser Ambulatorium aufsuchen. Das war vom ersten Tag an so; unser Ziel ist es natürlich, noch mehr PatientInnen in regelmäßige Betreuung zu bekommen. Alle die, die noch nicht in regelmäßiger medizinischer Betreuung sind und unserer Zielgruppe angehören, um die bemühen wir uns in Zukunft ganz besonders.

Welche Erwartungen hat man an den neuen Standort, bzw. an das Jedmayer?

Öllinger: Unsere Erwartungen wurden erfüllt – wir haben eine extrem hohe Inanspruchnahme. Jede Angebotserweiterung bewirkt auch eine stärkere Inanspruchnahme, die ja auch erwünscht ist. Wir haben zudem gute Erfahrung mit unserem Beschwerdemanagement, einer 24h-Hotline, die von einem unserer MitarbeiterInnen betreut wird, um Aufklärung bei den AnrainerInnen zu leisten und generell über Drogenerkrankung zu informieren. Unsere SozialarbeiterInnen sind im Grätzl unterwegs und gehen auf die Menschen zu, bieten Schulungen an und sprechen MitbürgerInnen und MitarbeiterInnen von Geschäften an, um hier im Umgang mit Drogenkranken behilflich zu sein.

Ist ein Drogen-Konsumraum ein Thema?

Öllinger: Nein, kein Thema, auch weil wir keine gesetzliche Grundlage dafür haben. Es gibt Argumente dafür und Argumente dagegen. In Wien würde es nur einen kleinen Teil betreffen - der überwiegende Teil ist in einem Substitutionsprogramm, von daher ist der Bedarf nicht so stark gegeben. In Wien sind etwa 70 % der Drogenkranken in einer Substitutionsbehandlung.

Haltmayer:
Konsumräume sind nur umsetzbar, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen und dies unbedingt wollen. Das ist nicht gegeben. In Wien gibt es bereits ein breites, abgestimmtes Angebot im niedrigschwelligen Bereich. Und ein Konsumraum ist letztlich doch kein medizinisches Angebot.

Welche Träger stehen hinter der neuen Einrichtung?

Öllinger: Das Jedmayer ist eine Einrichtung der Suchthilfe Wien GmbH und eine gemeinnützige Organisation der Stadt Wien. Die Suchthilfe Wien ist eine Tochter der Sucht- und Drogenkoordination Wien gGmbH, die wiederum eine Tochter der Psychosozialen Dienste ist. Die Sucht- und Drogenkoordination Wien gGmbH ist für die strategische Ausrichtung verantwortlich und wir – zum großen Teil - für die operative Umsetzung im niedrigschwelligen Bereich.

Warum der neue Name JEDMAYER?

Öllinger: Der neue Name deswegen, da wir hier etwas anderes und auch viel mehr anbieten als im Ganslwirt und TaBeNo-Süd. Damit zeigen wir, dass das Jedmayer etwas Neues ist! Wir haben uns überlegt, wie könnte der Name sein und dies auf eine sehr vielfältige Art und Weise: wir haben die MitarbeiterInnen und die KlientInnen befragt – auffällig war (v.a. bei den KlientInnen), dass die meisten Vorschläge Beschreibungen waren. Wie z.B. „ihr seid für jeden da“, „für Jedermann“, „Ihr akzeptiert jeden“, etc. Bei 80% der Rückmeldungen war das Wort „jeder“ dabei – somit lag es auf der Hand, dass das Wort im neuen Namen vorkommen soll. Wir haben uns dann gedacht, eigentlich betrifft Sucht jede(n), jede(r) ist betroffen oder jede(r) kann betroffen sein. Wir sind vor allem für jede(n) da und wir bieten für jedes Klientel Hilfe an – und daraus hat sich dann der Name „Jedmayer“ ergeben. Eine Mischung aus „jeder“ und dem Allerweltsnamen „Mayer“. Bewusst wurden Begriffe wie Sucht und Drogen vermieden, um nicht zu stigmatisieren. Man sollte den Namen nutzen können, wie als würde man eine(n) FreundIn oder ein Lokal besuchen. Das Wort „Jedmayer“ bietet das alles! Der Name wird auch sehr gut angenommen und der Name soll wiederspiegeln, dass hier mehr gemacht wird als medizinische Betreuung. Dadurch dass alles an einem Standort ist, ist es uns möglich, Angebote übergreifend zu machen. Das heißt vom Schlafen bis zur Medizinausgabe, von einer Nacht bis hin zur Wohnungsvermittlung, von akuten Schmerzen bis zur Substitutionsbehandlung.

Wie schaut eine erfolgreiche Betreuung von Suchtkranken Ihrer Meinung nach aus?

Haltmayer: Noch mehr PatientInnen in (niedrigschwellige) Behandlung zu bringen. PatientInnen ohne Hürden, wie etwa wochen- oder gar monatelange Wartezeiten, sofort betreuen - und sobald die Diagnose steht mit einer (Substitutions-) Behandlung beginnen. Das ist niedrigschwelliges Arbeiten in Reinkultur – sofort weg von der Straße/Szene hin zu sozialarbeiterischer und medizinischer Betreuung.

Öllinger:
Das Jedmayer mit seiner Angebotsvielfalt, mit dem Tageszentrum, dem Ambulatorium Suchthilfe Wien, der sozialarbeiterischen Betreuung, Streetwork, usw. und das interdisziplinäre Arbeiten, das kurze Informationswege und rasche Entscheidungen ermöglicht – das alles unter einem Dach ist international, europaweit beispiellos.

Vielen Dank für das Gespräch.
Informationsmaterial zur Einrichtung „Jedmayer“, zur „Suchthilfe Wien“ bzw. zum „Ambulatorium Suchthilfe Wien“ kann man hier bestellen: jedmayer@suchthilfe.at bzw. office@suchthilfe.at

verfasst am 05.09.2012