Interview

Die Drogenkarriere des Niederösterreichers Wolfgang Schmid* begann im Alter von 19 Jahren, als er aus Neugierde mit Marihuana und Haschisch angefangen, später auch Extacy und Acid konsumiert hat, bis er zum Schluss beim Heroin gelandet ist. Heute ist der gelernte Autolackierer 41 Jahre alt und nach einem Rückfall nun seit mehreren Jahren bei Dr. Wudy in Behandlung.

* Name von der Redaktion geändert.

Was hat Sie dazu bewogen, eine Substitutionstherapie zu machen?

Ich hab eigentlich 12 oder 13 mal mit Therapien begonnen – u.a. in LKH Mauer, beim Grünen Kreis, im Anton Proksch Institut und drei mal im Landeskrankenhaus in Baden.

Geschafft hab ich es dann schlussendlich alleine, daheim, weil der Wille da war. Ich wollte nicht mehr, ich wollte nicht mehr nach Wien fahren, das Geld ausgeben, um Drogen zu kaufen. Zwischendurch hab ich mich mit Hepatitis C angesteckt. Ich habe es dann auch geschafft, fünf bis sechs Jahre mit Codein stabil zu bleiben. Nach sechs Jahren bin ich rückfällig geworden. Durch eine Freundin, die ich lange nicht gesehen habe, bin dann wieder reingekippt. Bevor ich dann aber auf der Straße lande, bin ich dann lieber zum Arzt gegangen und hab mich auf eine Substitutionstherapie einstellen lassen. Aus Angst, dass ich wie schon einmal in die Kriminalität abrutsche und ins Gefängnis komme.

Wie lange waren Sie im Gefängnis?

Ich hab ein knappes Jahr Gefängnis bekommen. Nach vier Monaten – von einer Sekunde auf die andere – wurde mir bewusst, was ich die letzten zehn Jahre eigentlich gemacht habe. Was ich meinen Eltern angetan habe, ich hatte drei Herzstillstände und wurde dreimal reanimiert – das alles wurde mir in diesem Augenblick bewusst. Wenn ich aus dem Gefängnis komme, wollte ich neu anfangen.

So sind Sie zu Dr. Wudy gekommen?

Ich war zuerst bei einem anderen Arzt, aber der wollte mich im Zuge der Einstellung auf die Substitution zuerst auf die Bezirkshauptmannschaft schicken. Das Problem ist aber, es hilft einem nicht, wenn der Arzt sagt, geh zuerst da hin und dort hin – sondern man braucht sofort das Medikament. Durch meine Freundin bin ich dann zum Dr. Wudy gegangen. Zuerst wurde ich auf eine niedrigere Dosis eingestellt und ich musste meinen Harn zur Kontrolle abgeben. Dr. Wudy sagte mir, wenn das nicht reicht, dann soll ich am nächsten Tag wieder kommen und wir erhöhen. So hat er mir geholfen.

Wie bzw. auf was wurden Sie eingestellt?

90 mg Methadon, dann schrittweise runter auf 20 mg Methadon, dann bin ich auf Codein umgestiegen. Zuerst drei Stück in der Früh und drei Stück am Abend, dann weiter runterdosiert auf eine Tablette in der Früh, eine am Abend – mit dieser Einstellung habe ich auch arbeiten gehen können. Nachdem ich dann sechs Jahre stabil war, hatte ich den Rückfall.

Mittlerweile vertrag ich das Methadon nicht mehr gut. Vielleicht durch die Hepatitis C. Manchmal fühle ich mich wie ein 70-Jähriger. Ich muss mir in der Früh zehn Minuten einen Heizstrahler auf meine Nieren richten, weil ich mich davor nicht mal umdrehen kann. Ich hab schon einmal eine Hepatitis Therapie begonnen, die musste ich aber dann aufgrund des Rückfalls abbrechen.

Wie kommen Sie zu den Substitutionsmittel?

Ich hole sie mir täglich ab. Wenn man arbeiten geht, bekommt man die Ration für eine Woche. Ich bin derzeit arbeitslos. Täglich die Medikamente zu holen, find ich gar nicht so schlecht. Also, mir hat das geholfen. Gerade am Anfang ist es oft schwer damit klarzukommen, die wöchentliche Ration nicht in den ersten drei Tagen zu nehmen und dann erstrecht dazu zu konsumieren.

Gibt es Schwierigkeiten im Verlauf einer Therapie? Wenn ja welche?

Ja, eben die Disziplin zu haben, die Substitutionsmittel einzuteilen, wenn man die Medikamente für mehrere Tage bekommt und man nichts zusätzlich konsumiert. Ich kenne viele Leute, die in einer Therapie sind und dann zusätzlich noch konsumieren.

Wie könnte man das verhindern?

Schwierig, weil die meisten wollen nicht so klar im Kopf sein. Irgendwann wirken die Medikamente nicht mehr so – es gibt keinen Turn mehr – und ich glaube, das wollen aber viele weiterhin haben.

Ist das leicht einen Therapieplatz zu bekommen?

Nein, da gibt es schon lange Wartezeiten. Entweder über den Arzt oder selber suchen. Darum tun das viele auch nicht. Aber dadurch, dass bei mir das übers Gericht veranlasst worden ist – Therapie statt Strafe – ging es relativ rasch. Ich hab dann vorher den körperlichen Entzug gemacht in Baden im KH und dann in die Therapiestationen. Ich bin auch von den Therapiestationen weg, weil ich niemand anderen einen Therapieplatz wegnehmen wollte. Jemand der vielleicht wirklich den Antrieb und Willen dazu hat. Ich war damals noch nicht so weit.

Spielt Psychotherapie auch eine Rolle?

Natürlich.

Machen Sie eine?

Nein, ich wüsste auch gar nicht, wo ich das machen kann. In den Langzeittherapiestationen da gibt es so ein Angebot, aber wenn man nicht in so einem Programm ist, wüsste ich nicht wo und ob ich das selber zahlen müsste.

Bei mir war es glücklicher Weise so, dass meine Mutter immer hinter mir gestanden ist. Egal wie viel Blödsinn ich gemacht habe, sie hat für mich viele Dinge organisiert. Hat da telefoniert, ist dorthin gerannt, usw. Meine Mutter hat sich auch darum gekümmert, dass die Miete geregelt wird, während ich in Therapie bin. Wenn du alleine und abhängig bist, ist es sehr schwer, sich um all diese bürokratischen Dinge zu kümmern.

Und gab es Probleme bei der Medikamentenreduktion?

Das ging mir ehrlich gesagt in Mauer Öhling zu schnell. Die haben mich in zweieinhalb – drei Wochen runter dosiert, aber das war viel zu schnell. Da bleibt dann immer noch diese Lust im Kopf.

Hat man diese Lust nicht das ganze Leben lang?

Das ist auch verschieden. Ich hab das Methadon dann einfach nicht mehr vertragen, da ging es mir mit Methadon schlechter als ohne. Jetzt bin ich auf Morphin retard. Aber da ist es schwieriger das runter zu dosieren. Ich möchte aber wieder runter. Wie gesagt, ich möchte wieder arbeiten gehen, möchte auch körperlich wieder aktiver sein können.

Hat das mit dem Medikament zu tun oder mit der Dosis?

Das hat mit beidem zu tun. Und auch mit der Persönlichkeit.

Meine Freundin zum Beispiel kann sich selber anspornen, geht raus, Rad fahren. Ich sitz mehr Zuhause herum. Ich halte nicht soviel von Morphin retard, aber da ich das Methadon nicht vertrage, gibt es nicht so viele Alternativen.

Es gibt keine alternativen Medikamente?

Ja, die gibt’s schon, aber die sind nicht so stark und da besteht wieder eine höhere Gefahr, dass ich zusätzlich etwas nehme.

Jetzt konsumieren Sie nichts anderes?

Ab und zu rauch ich einen Joint. Alkohol schmeckt mir nicht.

Aber Sie möchten runter?

Ja, auf jeden Fall.

Wie geht es Ihnen jetzt?

Es passt. Aber ich merke schon, ich hab immer mehr gesundheitliche Probleme. Gliederschmerzen, Kopfschmerzen – mein Harn schaut zeitweise aus wie Kakao.

Das ist der nächste Schritt – eine Therapie gegen meinen Hepatitis Virus. Ich hatte schon mal mit einer Behandlung begonnen, aber damals war ich beschäftigt. Hab zwar versucht das Medikament immer dann zu nehmen, wenn ich am nächsten Tag nicht zur Arbeit musste – aber die Nebenwirkungen dauern mehrere Tage nach der Interferon Spritze. Jetzt gibt es eine Therapie mit einer kürzeren Behandlungszeit.

Haben Sie noch eine Botschaft für andere Betroffene?

Zu allen, die das Zeug noch nicht angegriffen haben, lasst die Finger davon!

Zu denen, die bereits Betroffen sind, da ist der Zug meistens abgefahren. Und wenn jemand wirklich weg davon und stabil bleiben will, ist es wichtig, sich einen neuen Freundeskreis zu suchen und die altbekannten Plätze zu meiden. Und sich ein Hobby, eine neue Leidenschaft zu suchen. Bei mir ist es das Pokern. Ich bin schwer pokersüchtig (lacht).

Danke für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft!