Podiumsdiskussion „Drogentherapie – Ein emotionales Thema?“ – Bregenz, 14. November 2007

Die öffentliche Diskussion über Opiatabhängigkeit und Therapiemöglichkeiten ist gekennzeichnet durch Mythen, Vorurteile und Informationsbedarf. Die Plattform www.drogensubstitution.at, in Zusammenarbeit mit österreichischen Experten erstellt, bietet umfassende Informationen zu Opiatabhängigkeit, Sucht, Entzug, Substitutionstherapie sowie Drogenpolitik und soll kontinuierlich wachsen.

Verstärkter Zugang zu Drogenersatzprogrammen als wirksamstes Mittel gegen Medikamentenmissbrauch


Wien, 19. November 2007 – Eine generelle Unzufriedenheit mit der bestehenden Substitutionsverordnung herrschte bei namhaften Ärzte und Sozialarbeitern anlässlich einer Diskussion zum Thema „Drogentherapie – Ein emotionales Thema?“ vergangene Woche in Bregenz. In welche Richtung die Verordnung verändert werden soll, darüber gingen die Meinungen jedoch stark auseinander. Konkret ging es um den Einsatz der Substanz Morphin retard zur Behandlung von opiatabhängigen Patienten. Während ein überwiegender Teil der Experten am Podium für eine möglichst breite Palette an Substanzen eintrat und die Entscheidung über das verwendete Medikament beim behandelnden Arzt lassen wollte, fordert der andere Teil ein generelles Verbot von Morphin retard. Die derzeit gültige Verordnung definiert Methadon und Buprenophin als „Mittel der ersten Wahl“. In begründeten und vom Amtsarzt überprüften Fällen darf auch Morphin retard zum Einsatz kommen.
Einig waren sich alle Diskussionsteilnehmer darüber, dass ein erleichterter Zugang zu Drogenersatzprogrammen das wirkungsvollste Instrument gegen drogenbezogene Todesfälle ist. In Österreich gibt es derzeit rund 25.000 Opiatabhängige. Nur rund ein Drittel davon befinden sich in Behandlung. In Vorarlberg sind rund 900 Personen opiatabhängig. Auch hier befindet sich ein Drittel davon in Behandlung.


Die Veranstaltung wurde vom Journalisten Ronald Barazon moderiert. Es diskutierten vor mehr als sechzig Ärzten und Sozialarbeitern aus Vorarlberg  Univ.-Prof. Dr. Gabriele Fischer, Leiterin der Kommission zur Qualitätssicherung in der Arbeitsgruppe Suchterkrankung des Bundesministeriums für Gesundheit, Familie und Jugend sowie Leiterin der Suchtforschung und Suchttherapie an der Medizinischen Universität Wien, Univ.-Prof. Dr. Christian Haring, ärztlicher Leiter des Primariats B am Psychiatrischen Krankenhaus Hall in Tirol, Jürgen Hartmann und Dr. Herbert Mayrhofer, Stellenleiter und ärztlicher Leiter der H.I.O.B. (Beratungsstelle für Drogenabhängige in Feldkirch) sowie Dr. Franz Riedl, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie in Bregenz. Die Diskussion fand im Bregenzer Hotel Mercure statt und befasste sich mit den Entwicklungen und Zielen in der Therapie von Opiatabhängigen.

Verantwortung und Kompetenzen liegen bei Ärzten

Der Oberste Sanitätsrat wurde erst kürzlich von der Gesundheitsministerin unter der Leitung von Prof. Fischer beauftragt, die Verordnung neuerlich zu evaluieren. Fischer betonte in der Diskussion, es sei unbestritten, dass Ärzte, die in der Drogenbehandlung tätig seien, intensiv aus- und weitergebildet werden müssten. „Es ist allerdings bedenklich, dass vom Staat vorgegeben wird, in welcher Reihenfolge Medikamente zur Behandlung dieser schweren psychiatrischen Erkrankung verschrieben werden dürfen.“ Fischer betonte, auch auf internationaler Ebene sei es ein Anliegen der Ärzte, eine möglichst große Therapievielfalt zur Behandlung von Suchtkranken zur Verfügung zu haben. Jeder Patient reagiere auf Medikamente anders. Es sei daher Aufgabe des behandelnden Arztes, das individuell beste Medikament auszuwählen.

Dr. Franz Riedl aus Bregenz ergänzte, die Verordnung habe eine verstärkte Bürokratisierung und eine Einschränkung der Handlungsfreiheit in der Behandlung der Patienten mit sich gebracht. Es gäbe eine Reihe von drogenabhängigen Patienten, die mittlerweile durch eine Erhaltungstherapie in geordneten sozialen Verhältnissen lebten und stabil gehalten werden könnten. Mit ein Verdienst sei dabei die Verfügbarkeit mehrerer Behandlungsoptionen wie Methadon, Buprenorphin und retardierter Morphine. Letztere Gruppe habe in der Erhaltungstherapie zu einer Reduktion des Beikonsums, zu geringeren körperlichen Beschwerden und zu einer geringeren Depressivität bei den Patienten geführt.  

Primarius Univ.-Prof. Dr. Christian Haring berichtete, viele niedergelassene Ärzte in Tirol hätten die Behandlung von drogenkranken Patienten auf Grund der Verordnung aufgegeben. Damit habe die allgemein gewünschte Erfassung von mehr Patienten in Substitutionstherapien einen schweren Rückschlag erlitten. So müssten nunmehr Drogenabhängige oft viele Kilometer bis zur nächsten Drogenambulanz zurücklegen und würden sich daher nicht behandeln lassen. Den immer wieder vorgebrachten Hinweis auf Missbrauch von in der Substitutionsbehandlung verabreichten Substanzen ließ Haring nicht gelten. "Missbrauch ist unabhängig von der Substanz und als Teil des Krankenheitsbildes zu sehen. Die überwiegende Mehrheit der Drogentoten in Österreich befindet sich in keinem Behandlungsprogramm und besorgt sich die Substanzen auf dem Schwarzmarkt. Das Verbot einer Substanz bringt lediglich eine Verlagerung des Missbrauchs auf andere Substanzen mit sich." Die verstärkte Einbindung von Suchtkranken in Betreuungsprogramme sei der wirksamste Schutz, auf ein gesundheitsschädliches Konsumverhalten einwirken zu können. Um dieses Ziel zu erreichen, seien daher viele behandelnde Ärzte in Österreich froh, ein breites Therapieangebot inklusive retardierter Morphine zu haben.

In eine andere Richtung argumentierte der ärztliche Leiter der H.I.O.B., Dr. Herbert Mayrhofer: „Österreich hat mit der 1998 erfolgten Zulassung von morphinhaltigen Medikamenten in der Substitution einen Irrweg beschritten, mit dem es international isoliert geblieben ist, was eine massive Missbrauchsproblematik zur Folge hatte.“ Mayrhofer fordert ein generelles Verbot vom Morphin Retard in der Suchtverordnung.

Jürgen Hartmann, Stellenleiter bei H.I.O.B., legte die Philosophie von H.I.O.B. dar: „Die Versuche der Klienten, die morphinhaltigen Präparate illegal aus der Abgabestelle hinaus zu bekommen, machten deutlich, dass die alleinige Fixierung auf das Medikament nicht unserem Grundsatz der Behandlung entspricht, in der die intensive, ganzheitliche Betreuung und Begleitung im Mittelpunkt steht.“ Bei H.I.O.B. werden derzeit 36 Patienten im Rahmen eines Substitutionsprogrammes ausschließlich mit Methadon und Burpenorphin betreut. Diese Haltung wurde von etlichen Diskutanten sehr kritisch und problematisch gesehen, zumal andere Versorgungsprogrammen in Vorarlberg die medizinische und psycho-sozialen Betreuung von Opiatabhängigen aus Sicht der täglichen Praxis sehr gut abdecken und den klinischen Erfordernissen entsprechen.

Über Opiatabhängigkeit

Der illegale Opiatkonsum führt zu einer physischen und psychischen Abhängigkeit und hat gesundheitliche, soziale und rechtliche Konsequenzen. Obgleich die Entwöhnung als primäres Ziel für den Patienten gilt, erreichen Ärzte und Psychotherapeuten heute gute Erfolge mit der Substitutionstherapie. Die ärztlich kontrollierte Verabreichung oraler Substitutionsmittel erleichtert den Verzicht auf illegales Heroin. Mehr als 9.000 Opiatabhängige werden in Österreich derzeit in entsprechenden Therapieprogrammen behandelt.

Über www.drogensubstitution.at

www.drogensubstitution.at wurde als Plattform für Experten und Informationspool für Journalisten und Interessierte konzipiert. Sie wurde in Zusammenarbeit mit österreichischen Ärzten erstellt und bietet umfassende Informationen zu Opiatabhängigkeit, Grundlagen der Sucht, Entzug, Substitutionstherapie und Drogenpolitik. Die Website wird kontinuierlich aktualisiert und um Experten-Meinungen erweitert.

 

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Presseaussendung zur Podiumsdiskussion