Drogentherapie: Experten fordern mehr Behandlungsmöglichkeiten für Opiatabhängige – Bundesdrogenkoordinator verteidigt neue Suchtgiftverordnung

Wien, 21. November 2006 – Nur ein Viertel aller Opiatabhängigen in Österreich werden derzeit gegen ihre Drogenerkrankung behandelt. Über die Forderung nach mehr Behandlungsmöglichkeiten für solche Patienten war sich gestern Abend eine hochkarätige Expertenrunde bei einer Podiumsdiskussion in Graz zum Thema „Drogentherapie – Ein emotionales Thema?“ einig. Dass die Erhaltungs- oder Substitutionstherapie mit synthetischen Opioiden (Methadon, Buprenorphin, retardierte Morphine) notwendig und sinnvoll ist, stand außer Frage. Denn: die größte Gefahr für sich und die Gesellschaft stellen unbehandelte PatientInnen dar. Unterschiedliche Standpunkte gab es bezüglich möglicher Einschränkungen, Zugangs- und Missbrauchsmöglichkeiten sowie Kontrollen im Rahmen der Ersatztherapie.

Unter der Leitung des Journalisten Ronald Barazon diskutierten Primarius Dr. Joachim Berthold, Leiter der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen an der Landesnervenklinik Sigmund Freud Graz, der steirische Suchtkoordinator Diplom-Sozialarbeiter (DSA) Klaus Peter Ederer, Univ. Prof. Dr. Gabriele Fischer (leitende Oberärztin der Drogenambulanz Universitätsklinik für Psychiatrie, AKH Wien), der seit mehr als 15 Jahren in der Drogenarbeit tätige Dr. Hans Haltmayer, ärztlicher Leiter des Ambulatoriums Ganslwirt in Wien, der nationale Drogenkoordinator des Gesundheitsministeriums Dr. Franz Pietsch sowie der Grazer Suchtkoordinator Dr. Ulf Zeder. Die Diskussion fand im Grazer Hotel Europa statt und befasste sich mit den Entwicklungen und Zielen in der Therapie von Opiatabhängigen. Auch wenn das Thema in der Steiermark besonders kontrovers diskutiert werde, gäbe es keine andere Situation als in den übrigen Teilen Österreichs. Die Situation in Graz sei entsprechend der Einwohnerzahlen in der steirischen Landeshauptstadt geringer als in Wien, betonte dazu der Suchtkoordinator der Stadt Graz, Dr. Ulf Zeder.

Individuelles Therapie-Angebot und Substanzangebot erweitern

Der Suchtkoordinator des Landes Steiermark, Klaus Peter Ederer, erklärte die Ziele einer Substitutions- bzw. Erhaltungstherapie: „Der Grundgedanke der Substitutionstherapie ist es, die PatientInnen sozial zu (re)-integrieren, Lebensgefahr zu bannen, den Gesundheitszustand zu stabilisieren und Kriminalität und somit Straffälligkeit einzudämmen bzw. zu verhindern.“ Sein Grazer Kollege Dr. Ulf Zeder kritisierte: „Derzeit drehen sich die Diskussionen in der Drogentherapie um Kontrollmechanismen und Medikationswahl und nicht mehr um die verschiedenartigen Bedürfnisse der PatientInnen und mögliche Ansätze in der Therapie.“ Jeder Patient sei individuell und müsse auch individuell behandelt werden. Gemeinsam fordern sie die Angebote und die zeitgemäße Erforschung anderer Applikationsmöglichkeiten (inhalativ, intravenös) sowie die Diskussion über Konsumräume.

Behandlungsengpass prophezeit

In diese Kerbe schlug auch Dr. Hans Haltmayer, ärztlicher Leiter der Drogenberatungsstelle Ganslwirt in Wien: „Der Zugang zur Behandlung muss erleichtert und die Behandlungsqualität verbessert werden, die Behandlungsmöglichkeiten müssen erweitert werden.“ Er forderte: „Wir müssen zusätzliche ÄrztInnen für die Behandlung dieser PatientInnen gewinnen und begeistern“ und sieht in der aktuellen Novelle zur Suchtgiftverordnung einen „Schritt in die entgegengesetzte Richtung.“ Mit ihr drohe ein Behandlungsengpass, insbesondere abseits der Ballungsgebiete.

Stigmatisierung der Substitutionsbehandlung

„Nicht nur die Anstrengungen einer oft langjährigen Erhaltungstherapie belasten die PatientInnen“, erklärte Univ.-Prof. Dr. Gabriele Fischer, Leiterin der Suchtforschung und Suchttherapie an der Medizinischen Universität Wien. Schwerer wiege sogar häufig die negative Wertung seitens der Gesellschaft, mit der sich SuchtpatientInnen häufig konfrontiert sehen. Abhängigkeit werde gemeinhin als selbst verschuldet betrachtet. „Die Behandlungsform selbst, d. h. der Einsatz von Opioiden bei Suchtkrankheiten, werden aufgrund von mangelndem Wissen bzw. Vorurteilen oft kollektiv stigmatisiert“, so Fischer weiter. Vorurteile gegen Suchtpatienten würden häufig auf die PatientInnen, auf die Substitutionsbehandlung und auch auf die behandelten ÄrztInnen übertragen, ergänzte Haltmayer.

Prim. Dr. Berthold, Leiter der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen an der Landesnervenklinik Sigmund Freud Graz, sieht in „Suchtphänomenen Symptome der ‚Erkrankung’ eines Gesellschaftssystems, in welchem exponierte Individuen Symptomträger werden“, und folgerte: „Gegenstrategien bzw. Therapien werden wirkungslos bleiben, solange sie sich auf die ‚Reparatur’ von Individuen beschränken“.

Bundesdrogenkoordinator Pietsch verteidigt  Verordnung

Der Bundesdrogenkoordinator Dr. Franz Pietsch verteidigte die umstrittene Novelle der Suchtgiftverordnung, die mit 1. März 2007 in Kraft treten wird: Mit der neuen Verordnung wolle das Ministerium klare Regeln, sowohl für substituierende Ärzte als auch für Patienten in Therapie schaffen und sicherstellen, dass Qualitätssicherung, Abgabesicherheit und Kontrollen, gemäß den internationalen Standards, gewährleistet werden. Pietsch betonte jedoch: „Es geht nicht um die Substitutionsmittel, sondern um deren kontrollierte Abgabe und gesicherte Handhabung“, und er räumte ein: „Es wird Evaluierungen und etwaige Adaptionen geben.“

Über Opiatabhängigkeit

Der Opiatkonsum führt zu einer physischen und psychischen Abhängigkeit und hat gesundheitliche, soziale und rechtliche Konsequenzen. Neben der Entwöhnung und Abstinenz erreichen Mediziner und Therapeuten heute gute Erfolge mit der Substitutionstherapie. Die ärztlich kontrollierte Verabreichung oraler Substitutionsmittel erleichtert den Verzicht auf illegales Heroin. Mehr als 8.000 Opiatabhängige werden in Österreich derzeit von Ärzten in entsprechenden Therapieprogrammen behandelt.

Über www.drogensubstitution.at

www.drogensubstitution.at wurde als Plattform für Experten und Informationspool für Journalisten und Interessierte konzipiert. Sie wurde in Zusammenarbeit mit österreichischen Ärzten erstellt und bietet umfassende Informationen zu Opiatabhängigkeit, Grundlagen der Sucht, Entzug, Substitutionstherapie und Drogenpolitik. Die Website wird kontinuierlich aktualisiert und um Experten-Meinungen erweitert.

Für Rückfragen

Alpha Affairs Kommunikationsberatung GmbH
DI Andrea Wagner, MAS
Schottenfeldgasse 20, 1070 Wien
E-Mail: andrea.wagner@alphaaffairs.at
Tel: 01 / 37 911-633

  • PA-Substitutionstherapie.docDrogentherapie – Experten fordern mehr Behandlungsmöglichkeiten für Opiatabhängige – Bundesdrogenkoordinator verteidigt neue Suchtgiftverordnung38 K