Podiumsdiskussion Drogentherapien, Graz
20. November 2006

Drogentherapien – Ein emotionales Thema?
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Prim. Dr. Joachim Berthold

Landesnervenklinik Sigmund Freud Graz

»Stellen Sie sich vor, Sie hätten Angina und Ihr Arzt würde versuchen, jede erkrankte Epithelzelle im Halsbereich einzeln zu behandeln! Für Sie wird es selbstverständlich sein, dass nicht nur einzelne Zellen krank sind, sondern der ganze Körper (Fieber, Kopfschmerz, etc.) und nur die exponiertesten Zellen besonders betroffen und Symptomträger sind.

Meine These ist daher: Suchtphänomene sind Symptome der „Erkrankung“ eines Gesellschaftssystems, in welchem exponierte Individuen Symptomträger werden. Gegenstrategien bzw. Therapien werden wirkungslos bleiben, solange sie sich auf die „Reparatur“ von Individuen beschränken.

Suchtphänomene sind somit eine gesellschaftspolitische und weniger eine medizinische Herausforderung.

Was den verbleibenden medizinischen Handlungsbedarf betrifft, so stehen eine Reihe von Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Es sollte aber Rolle des Arztes sein, die Therapie festzulegen. Die Aufgabe der Politik ist es nicht, Therapievorschläge zu machen, sondern die Mittel für suffiziente Gegenstrategien zur Verfügung zu stellen.«

Prim. Dr. Joachim Berthold

Über die Person

Prim. Dr. Joachim Berthold ist Leiter der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen der Landesnervenklinik Sigmund Freud (LSF) in Graz, die 2006 ihr 20jähriges Bestehen feiert. Berthold war Suchtbeauftragter des Landes Steiermark. Nach Abschluss seines Medizinstudiums 1974 absolvierte er die Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Neben der Leitung seiner Abteilung ist Berthold im Vorstand der b.a.s. tätig und engagiert sich ehrenamtlich bei Caritas – Team on und der Freiwilligen Feuerwehr.

Prim. Dr. Berthold wurde 1943 geboren und ist Vater von fünf Kindern.