Podiumsdiskussion Subsititutions-Forum in Mondsee

Gibt es einen freien Willen?
Philosophische und neurobiologische Überlegungen  zum Thema Sucht

Unterschiedliche Zugänge diskutierten namhafte Experten anlässlich einer Podiumsdiskussion zum Thema „Gibt es einen freien Willen?“ beim diesjährigen Subsititutions-Forum in Mondsee. Uneins waren sich die Suchtexperten dabei vor allem über den Einsatz von neueren Untersuchungsmethoden in der Hirnforschung und die Existenz des freien Willens in Zusammenhang mit der Sucht. Besonders die populistische Auslegung der neurobiologischen Modelle in der Öffentlichkeit wurde kritisiert. Einig waren sich alle Diskussionsteilnehmer, dass eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen der neuropsychologischen und neurobiologischer Forschung sinnvoll wäre.

Unter dem Vorsitz von Univ.- Prof. Dr. Alfred Springer, Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Suchtforschung, diskutierten Prof. DDDr. Felix Tretter, Facharzt für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie am Isar-Amper-Klinikum München, Univ.- Prof. Dr. Ludger Tebartz van Elst, Leiter der Sektion für Experimentelle Neuropsychiatrie der Universität Freiburg, Univ.- Prof. Dr. Peter Cohen, Soziologe und Leiter des Instituts für Suchtforschung der Universität Amsterdam und Univ.- Prof. Dr. Gerald Zernig, Facharzt für Psychiatrie und Stv. Leiter der Abteilung für Experimentelle Psychiatrie an der Univ. Klinik für Allgemeine und Sozialpsychiatrie in Innsbruck. Die Diskussion fand im Rahmen des 12. Subsitutions-Forums der ÖGABS (Österreichische Gesellschaft für arzneimittelgestütze Behandlung von Suchtkrankheit) in Mondsee statt.

Die Entwicklung neuester Untersuchungsmethoden in der Hirnforschung und ihre Anwendung in der Suchtforschung haben in der Neurowissenschaft zu neuen Erkenntnissen geführt. Aus Beobachtungen, die mittels bildgebender Verfahren gemacht wurden, werden Schlüsse über die Ursachen von Suchtkrankheiten jeder Art und die überdauernde Auswirkungen des Einflusses von psychoaktiven Substanzen auf Hirnstrukturen abgeleitet. Dabei wird von prominenten Neurowissenschaftlern wiederholt behauptet, dass die Existenz eines freien Willens mit seinen alternativen Handlungsmöglichkeiten aus wissenschaftlicher Sicht nicht zu bestätigen ist.

So spricht zwar Univ- Prof. Dr. Gerald Zernig dem menschlichen Handeln den freien Willen nicht ab, verweist aber darauf, dass bedingt durch die Sucht alternative Handlungsweisen stark eingeschränkt sind. Aus psychologischer Sicht liegt der Sucht ein komplexes Verhaltensmuster zugrunde: Bildgebende Verfahren dienen dazu, diese psychologischen Komplexitäten zu vereinfachen und zu überprüfen. Anhand von Versuchen fand man heraus, dass das Belohnungssystem, in dem die Sucht im Gehirn verankert ist, auf bestimmte Reize vorhersehbar reagiert und auch konditioniert wird. Dementsprechend könnten Medikamente entwickelt werden, die begleitend zur Psychotherapie zum Einsatz kommen und die das Verlangen nach psychoaktiven Substanzen verhindern. In einer Versuchsanordnung zur Einschätzung von Situationen mit geringem Risiko konnte mit bildgebenden Verfahren gezeigt werden, dass im Gegensatz zu Erwachsenen, bei Jugendlichen und Abhängigen bestimmte Hirnareale gleich geringe Aktivität zeigen. Das bedeutet, so Zernig: „Sie machen sich weniger Gedanken und sind riskiofreudiger als gesunde Erwachsene.“

Der Psychologe und Mediziner Felix Tretter kritisiert die Reduktionen und die medientaugliche Vereinfachung der Hirnforschung und merkt an, dass es noch keine ausreichenden Modelle gibt, um die Dynamik der Wechselwirkungen im Gehirn zu erklären. Er plädiert für eine umfassende Philosophie des menschlichen Geistes und weist auf die unterschiedliche Semantik in der Forschung hin. Der nach Selbstdefinition „kritische Sympathisant der Neurobiologie“ ist der Meinung, die Neurobiologie sei ohne Neuropsychologie unzureichend, da die Person dabei außen vorgelassen wird. Laut Tretter gilt es zu bedenken, dass die Überlegungen, die Sucht als Krankheit definieren, auch in Bezug auf strafrechtliche Konsequenzen problematisch sind.

In diese Richtung argumentiert auch Ludgar Tebartz van Elst, der zwar die Vorteile der bildgebenden Verfahren geistiger Phänomene als hilfreich bei der Entstigmatisierung psychiatrischer Erkrankung sieht, jedoch auch darauf verweist, dass die Lokalisation der Auffälligkeiten im Zuge dieser Scans nichts über die Ursächlichkeit aussagt. Auch er meint, dass die verführerischen bildlichen Erkenntnisse der gängigen Untersuchungen zu kurz greifen und dass damit allein die Frage nach der Suchtentstehung nicht ausreichend beantwortet wird. Seiner Meinung nach ist Suchtverhalten dann „nicht normal“, wenn es stereotype Verhaltensweisen aufweist. Und ergänzt, dass der Begriff der Normalität in der Sucht irrelevant ist, solange sich der Betroffene davon nicht unfrei fühlt.

Der Humanwissenschafter Peter Cohen ergänzte die medizinischen Ansätze durch eine völlig andere Seite, indem er die Sucht als kulturelle Expression bezeichnet und auf das menschliche Bedürfnis nach Bindung verweist. Dabei, so meint Cohen, gibt unsere Gesellschaft vor, welche Bindungen erlaubt sind und welche nicht. Seiner Meinung nach könnte die Zukunft der Suchtbehandlung darin liegen, die Bindung der Sucht anders zu strukturieren bzw. Alternativen zur Verfügung zu stellen.

„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“
Dieses Zitat von Ludwig Wittgenstein bringt die Verständigungsprobleme der Gehirn-Geist-Debatte auf dem Punkt. Für die interdisziplinäre Kommunikation wird in dem Bestreben nach allgemeiner Verständlichkeit eine Alltagssprache verwendet, die wegen ungenau formulierter Begriffe zu Missverständnissen führt.

In der Neurowissenschaft gibt es oft nur Ja oder Nein - so „eindeutige“ Aussagen sind jedoch in der Realität oft nicht ausreichend. Daher erscheint aus neuropsychologischer Sicht die verbale Kommunikation, die Auseinandersetzung mit dem Menschen in seiner individuellen biographischen Situation, für jeden, der in der Suchttherapie arbeitet, unersetzbar zu sein.

Einig waren sich alle Diskutanten darüber, dass der Vorteil beider Ansätze (d. Neurobiologie und Neurophilosophie) darin liegt, zu einem für den Patienten verbesserten Ergebnis in der Suchtforschung zu kommen. Eine logische Folgerung daraus ist, dass bereits in der Ausbildung die Fähigkeit der Vermittlung und Kompetenz in der psychosozialen Arbeit erworben werden soll.