Podiumsdiskussion – Viele Kranke, keine Behandlung

Linz. Unter dem Titel „Drogensubstitution: am richtigen Weg oder in der Sackgasse?“ veranstaltete „pro mente OÖ“ im alten Rathaus einen Vortrag mit anschließender Podiumsdiskussion. Ekkehard Madlung, Facharzt in der Station für Drogenbehandlung des Psychiatrischen Krankenhauses Hall, sprach mit Ärzten, Therapeuten, Sozialarbeitern und Interessierten über Ethik in der Suchtarbeit. Anschließend diskutierte ein hochbesetztes Podium über die aktuellen Probleme der Drogensubstitutionsbehandlung.

„Die brennendsten Fragen sind die mit ethischem Hintergrund“

„Gesetzliche Richtlinien gibt es überall“, sagt Ekkehard Madlung, doch alles werde auch durch den Gesetzgeber nicht geregelt. Medizinische Behandlungsmethoden stoßen manchmal an ihre Grenzen – nicht in der Methodik, sondern in der moralischen Art der Anwendung. „Wie Drogen wirken wissen wir, das ist untersucht. Wie man mit Drogenkranken ethisch korrekt umgeht, darum geht es“, erklärt Madlung.

Entweder man versucht, die Gesundheit des Erkrankten zu stabilisieren oder aber den Drogenkonsum mit Abstinenztherapie vollständig zu stoppen. Diese traditionellen Methoden gibt es in der Drogenbehandlung. Beides hätte seine Vor- und Nachteile. Sich nur auf einen Weg einzuschießen führt nicht zum Ziel. Madlung will einen Mittelweg beschreiten.

Schadloses Konsumieren
„Man kann ohne Schaden konsumieren“ – diese gewagte These stellt Ekkehard Madlung während seines Vortrages auf. Dies sei die „normative Bewertung einer empirischen Tatsache“ – mit anderen Worten: Medizinisch stellt es kein Problem dar, Drogen zu konsumieren, ohne dabei mit all den schlimmen Begleiterscheinungen rechnen zu müssen. Außerdem gäbe es viele Drogensüchtige, die vollständig in die Gesellschaft integriert seien und von denen niemand merke, dass sie drogenabhängig sind. Der Facharzt ergänzt: „Eine drogenfreie Gesellschaft war in den letzten 1000 Jahren kein realistisches Ziel und wird es auch in Zukunft nicht sein.“

Das Hauptproblem in der Suchtethik ist die Abgrenzung Gemeinwohl von individuellem Wohl. Die Vorstellung „Drogen sind eine Bereicherung für ein gutes Leben“ steht der These: „Was bedeutet der Drogenkonsum in der Gesellschaft/wie kann Leid in der Gesellschaft verhindert werden?“ gegenüber. Dazu mischt sich die dritte Ebene der medizinischen Ethik: Sucht ist eine Krankheit, es geht um das Wohlergehen des Menschen. Diese Ebenen müssen vereinbart werden. Madlung glaubt außerdem, dass es nicht zielführend ist, einen Drogenerkrankten einzusperren und ihn komplett seiner Entscheidungsfähigkeit zu entheben. Abstinenztherapie in Kombination mit Freiheitsentzug sei für ihn nicht die richtige Behandlungsform.

Von der Gesellschaft ausgegrenzt
Drogenerkrankte haben mit einer negativ-moralisierenden Haltung der Gesellschaft zu kämpfen. „Drogensüchtige sind selber schuld“ – dieser Gedanke ist weit verbreitet in den Köpfen der Menschen. Drogensucht ist eine Krankheit und müsse von der Gesellschaft als solche anerkannt werden, sagt Facharzt Madlung.

Zum Abschluss des Ethikvortrages spricht Madlung noch allgemein über die Situation der Drogenbehandlung. Dabei erklärt er, dass die Basis der Suchtbehandlung immer die Sicherung des Überlebens darstellt. Die höchste Stufe ist die vollständige Abstinenz. Suchttherapie ist (nach wie vor) hauptsächlich Abstinenz-orientiert. „Abstinenzorientierung ist der große Irrtum der Suchttherapie!“, sagt Madlung. Ziel der Suchttherapie sollte die Verbesserung der Lebensqualität und nicht die Abstinenz sein.


Diskussion „Die Situation ist wie ein Kreisverkehr“

Die anschließende Podiumsdiskussion widmete sich dem Thema Drogensubstitution von einer allgemeinen Seite. Die Moderation übernimmt Barbara Rohrhofer, Redakteurin bei den Oberösterreichischen Nachrichten. „Es läuft etwas schief, wenn durch die Substitutionsbehandlung die Situation nicht besser werden sollte“; sagt Ekkehard Madlung im eröffnenden Impulsreferat, „Sucht ist eine chronisch-rezidivierende Krankheit und ist mit den derzeit vorhandenen Mitteln nicht heilbar.“ Substitutionsbehandlung sei die beste Behandlungsmethode einer Drogenerkrankung. Sie reduziert die Sterblichkeitsrate und kann zu Abstinenz führen. Madlung prangert an, dass es in Österreich 20 verschiedene Medikamente gegen hohen Blutdruck gäbe, ebenso 20 unterschiedliche Antidepressiva. Für die Substitutionsbehandlung haben Ärzte hingegen nur drei Mittel zur Auswahl.

Der Drogenerkrankte Peter V. hat – bedingt durch eine 15 Jahre lange Heroinabhängigkeit – alle Höhen und Tiefen einer Drogensucht durchlebt. Die Substitutionstherapie hat ihm das Leben gerettet. Er ist dankbar für diese wirksame Behandlung. Gleichzeitig merkt der Erkrankte aber an, dass die Therapieform sich nicht weiterentwickle: „Wir hatten plötzlich Aids. Dann gab es die Substitutionsbehandlung, um uns von den Spritzen weg zu bekommen. Seit dem hat sich aber nichts mehr geändert.“

Für Sylvia Libiseller, Leiterin des Geschäftsfeldes Sucht von pro mente OÖ, ist Substitution keineswegs eine Sackgasse. Nur das Angebot an Drogenambulanzen und Beratungsstellen zu gering.

Bernhard Lindenbauer, Arzt in der Drogenambulanz der Wagner-Jauregg-Landesnervenheilanstalt, sieht ein großes Problem in der Drogenbehandlung, wie sie momentan von statten geht. Es fehlt generell an Ärzten, die Substitutionsbehandlung durchführen. Im Großraum Linz gäbe es nur fünf bis sechs Ärzte dafür. Das sei eindeutig zu wenig. Ein neuer Patient hat zwei bis acht Wochen Wartezeit bis mit der Behandlung angefangen werden könne.

Auch Siegfried Pichelmann, Allgemeinmediziner aus Linz, betreut Drogenerkrankte mit Substitutionstherapie. Früher hatte er nur 15-20 Patienten. Seit der Gesetzesnovelle müsse er sich um 50 kümmern. Dieser Anstieg überschreitet zwar nicht seine Kapazitäten, trotzdem hat sich die Situation deutlich verschlechtert. Pichelmann spricht sich dafür aus, Drogenerkrankte im hausärztlichen System zu betreuen.

Thomas Schwarzenbrunner, Sucht- und Drogenkoordinator des Landes OÖ, glaubt, dass die Substitutionsbehandlung grundsätzlich der richtige Weg sei. Er denkt aber, dass sie vielleicht ein wenig die Orientierung verloren hat. „Die Situation ist ein bisschen wie ein Kreisverkehr – man fährt ständig im Kreis und kann noch nicht ausbrechen“, sagt er in seinem Statement zu Anfang der Diskussion. Auch Schwarzenbrunner setzt sich für hausärztliche Behandlung ein, verstärkt durch Kompetenzzentren. Ein großer Fehler war aus seiner Sicht die Gesetzesnovelle 2007. In Ober-österreich sind 80 Ärzte befähigt, Substitutionstherapie anzubieten. Ende 2010 läuft die Übergangsfrist aus und die Hälfte der Ärzte verliert damit die Kompetenz, Drogensubstitutionstherapie durchzuführen.

Wie geht es weiter?
Die Zukunft der Substitutionsbehandlung ist ungewiss. Bernhard Lindenbauer spricht warnende Worte: „Wenn nach 2010 keine 40 Ärzte mehr die Substitutionsbehandlung machen, werden die Wartelisten noch länger. Die Suchtkranken sind gezwungen, auf den Schwarzmarkt und in die Beschaffungskriminalität zu gehen.“ Pichelmann kann die Situation der Ärzte nicht nachvollziehen. All jene, die Substitutionstherapie anbieten, bekommen diese separat abgegolten. Am Geld könne es also nicht liegen. Er glaubt, es gehe nur um den Willen und die Mentalität der Ärzte, die Drogenerkrankte einfach nicht behandeln wollen. „Klar ist die Erstbehandlung kompliziert. Man weiß nie, ob man angelogen wird, ob die Dosis stimmt“, erklärt Pichelmann. Aber danach läuft die Behandlung meist problemlos. Ihm zufolge halten sich nur fünf Prozent der Patienten nicht an Termine oder seien im Umgang etwas schwierig. Je besser die Hilfe, desto besser funktioniere das System, ergänzt Pichelmann. Ekkehard Madlung denkt, dass die Ärzte Angst haben könnten. Die allgemeine Atmosphäre sei negativ. Laut Thomas Schwarzenbrunner sind jedoch nicht nur die Ärzte per se schuld. „Das Bundesministerium für Gesundheit hat lange geforscht, und 2007 die falsche Entscheidung getroffen“, sagt er. Es ist also vor allem notwendig, Ärzte zu motivieren, sich fortzubilden. Dann könnten mehr Mediziner die Drogensubstitutionstherapie anwenden, Erkrankte müssten nicht mehr so lange auf ihre Behandlung warten und wären nicht gezwungen, auf den Schwarzmarkt zu gehen.

Drei Fragen an Facharzt Ekkehard Madlung

Opiatabhängigkeit führt zu sekundären Begleiterscheinungen. Womit haben die Abhängigen zu rechnen?

Nicht die Begleiterscheinungen sind das größte Problem, sondern dass Süchtige rückfällig werden. Ihre Körper sind den Konsum nicht mehr gewöhnt. Sie nehmen aber trotzdem die vormals übliche Dosis zu sich, die dann oft zu hoch ist und unter Umständen sogar zum Tode führen kann.

Momentan werden 30 bis 50 Prozent der Opiatabhängigen für eine Behandlung erreicht. Wie will man die Erreichbarkeitsquote erhöhen?

Die Mediziner müssen sich endlich klar darüber werden, was die Süchtigen wirklich brauchen. Das könnte vielleicht mehr stationäre Behandlung sein.

Wie kann man der Stigmatisierung aus der Gesellschaft entgegenwirken?

Die mediale Berichterstattung muss sich umstellen. Das Image eines Süchtigen allein macht ihn krank und führt dazu, dass er in einer dreckigen Subkultur leben muss. Es wird aber sehr schwer sein, diese Angst weg zu bekommen. (Sylvia Libiseller von pro mente ergänzt: Unser Verein arbeitet sehr stark daran. Auch diese Veranstaltung gehört zur Aufklärungsarbeit. Sucht ist eine Krankheit und muss als solche behandelt werden.)

verfasst am 16.06.2010