Rahmenbedingungen der neuen Drogenverordnung

Dr. iur. Franz Pietsch ist nationaler Drogenkoordinator die Republik Österreich und ihm ist als Dienststellenleiter auch die Drogenabteilung des Bundesministeriums für Gesundheit zugeordnet. Er ist weiters Vorsitzender der ressortübergreifenden Bundesdrogenkoordination und des Bundesdrogenforums.

Dr. Franz Pietsch

Mit 1. März 2007 treten im Rahmen des Suchtmittelgesetzes neue Regelungen in Kraft – für substituierende Ärzte und ihre Patienten ebenso wie für die Amtsärzte: Die Novellen zur Suchtgiftverordnung und die neue „Weiterbildungsverordnung orale Substitution“ bringen eine Reihe von Neuerungen in der Verschreibung und Abgabe der Substitutionsmittel, eine verstärkte Kontrollfunktion des Amtsarztes und eine verpflichtende, bundesweit standardisierte Weiterbildung für in der Substitution tätige Ärzte.

Verantwortlich für die neue Drogenverordnung zeichnet der Nationale Drogenkoordinator der Republik Österreich, Dr. iur. Franz Pietsch. Im Gespräch mit www.drogensubstitution.at definiert der Leiter des Bereiches Drogenkoordination und Rechtsfragen in der Sektion Öffentliches Gesundheitswesen die wesentlichen Eckpfeiler der neuen Verordnungen, erklärt die Umsetzung in der Praxis und räumt mit falschen Vorstellungen zur Position des Amtsarztes auf.

 

Was ist das Ziel der beiden neuen Verordnungen im Suchtmittelgesetz?

„In erster Linie geht es um eine Qualitätssicherung und –steigerung in der Substitutionstherapie. Ziel ist es, einerseits den Missbrauch wie den Handel mit suchtmittelhaltigen Arzneimitteln oder Mehrfachbehandlungen durch stärkere Kontrollmechanismen zu verhindern. Andererseits soll aber auch das Konzept der Substitutionsbehandlung insgesamt noch weiter optimiert und an europäische Standards angeglichen werden. Dazu braucht es klare transparente Rahmenbedingungen für alle Beteiligten – für die Patienten ebenso wie für die substituierenden Ärzte und das öffentliche Gesundheitswesen in Form des Amtsarztes, sein ausführendes Organ.“

 

Der umfangreiche Maßnahmenkatalog sieht unter anderem eine verpflichtende und bundesweit standardisierte Ausbildung für die in der Substitution tätigen Ärzte und Amtsärzte vor. Wie soll diese geregelt sein?

„Das von der Österreichischen Ärztekammer in Kooperation mit medizinischen Fachgesellschaften und Universitäten sowie den Landesärztekammern organisierte Curriculum wird medizinische, pharmakologische, psychiatrische und rechtliche Grundlagen der Substitutionstherapie ebenso wie praktische Behandlungsmaßnahmen mit Drogenpatienten umfassen und an mehreren Ausbildungsstellen bundesweit angeboten.“

Zum Weiterlesen – Die „Weiterbildungsverordnung orale Substitution“ im Detail: Drogenkoordinator Franz Pietsch über die wesentlichen Grundsätze der Weiterbildung, die Umsetzung in der Praxis und die Übergangsregelungen für bereits substituierende Ärzte.

Mit der Novellierung der Suchtgiftverordnung nimmt der Amtsarzt eine zentrale Rolle in der Überwachung und Kontrolle der Substitutionstherapie ein. Wie viel Gewalt liegt künftig in dessen Hand?

„Um gleich mit einer falschen Vorstellung aufzuräumen: Der Amtsarzt fungiert weder als Berufsgenehmigungs- und Beurteilungsmaschine  für die substituierenden Ärzte, noch soll er bloß formale Fehler in der Substitutionsbehandlung korrigieren. Er ist auf Basis des  § 12 Abs. 2 SMG vielmehr maßgeblich dafür verantwortlich, dass im Wege der Kontrolle die in der Novelle zur Suchtgiftverordnung vorgegebenen Rahmenbedingungen eingehalten werden und somit kein Raum für Missbrauch geschaffen wird. Schließlich hat der Amtsarzt im Rahmen seiner Letztverantwortung festzustellen, ob die für die Durchführung der Substitutionsbehandlung erforderliche Qualifikation der behandelnden Ärzte im Sinne der „Weiterbildungsverordnung orale Substitution“ gewährleistet ist und ob - im Sinne der Qualitätssicherung in der Substitutionstherapie - Indikationsstellung oder Behandlung selbst verordnungskonform erfolgen.

Dabei kommt ihm in der Zusammenarbeit mit dem substituierenden Arzt, Apotheken, dem Personal von Drogeneinrichtungen und Patienten eine zentrale und beurteilende Rolle hinsichtlich der Qualitätssicherung sowie der Kontrolle der Gebarungssicherheit zu. Deshalb sind auch die Amtsärzte zur Absolvierung der Weiterbildung verpflichtet. Um die Qualitätsstandards zu halten, die das Gesundheitsministerium anstrebt, müssen die Amtsärzte natürlich auf demselben Wissens- und Ausbildungsniveau sein wie die substituierenden Ärzte.

Erleichtert werden soll diese stärkere Kontrollarbeit der Amtsärzte durch ein verbessertes und auf die Länderebene verlagertes Monitoringsystem, das alle Substitutionspatienten zentral registriert und ihre Behandlungsgeschichte erfasst. Künftig muss jeder Patient auch einen so genannten „Substitutionsnachweis“ haben, der die Mindestdaten wie Substitutionsmittel, Dauer der Rezeptgültigkeit, Dosis, Abgabemodus oder Mitgaberegelungen (Signatur) enthält.

Der Amtsarzt kann damit beispielsweise rasch erkennen, ob ein Patient regelmäßig den Arzt wechselt und ob es durch dieses „Doctor Shopping“ zu Mehrfachverschreibungen kommt. Nicht zuletzt deshalb müssen künftig nicht nur Dauerverschreibungen vidiert werden, sondern auch Einzelverschreibungen den Amtsärzten weitergeleitet werden.“

 

Die Letztentscheidung hat der Amtsarzt auch bei der restriktiveren Mitgabe von suchtmittelhaltigen Arzneimitteln. So wird diese künftig von der Dauer einer aufrecht erhaltenen Substitutionsbehandlung und von einem Ausbildungs- oder Beschäftigungsverhältnis abhängig gemacht. Wird damit die Wiedereingliederung eines Patienten nicht massiv gestört?

„Diese Mitgaberegelungen sollen den Patienten keinesfalls in seinem Arbeits-, Wohn- und sozialen Umfeld mehr als notwendig beeinträchtigen. Gleichzeitig verlangt eine längerfristige Mitgabe der Substitutionsmittel vom Patienten jedoch ein hohes Maß an Verantwortlichkeit und Vertrauenswürdigkeit. Hier weiß natürlich der behandelnde Arzt am besten, ob und in wie weit sein Patient dafür stabil genug ist. Deshalb wird der Amtsarzt solche Entscheidungen in Rücksprache mit dem substituierenden Arzt treffen müssen.

Die intensive, kollegiale Kommunikation zwischen Substitutionsarzt und Amtsarzt ist auch Basis für ein neues Fehlermanagementsystem, das wir auf Länderebene einrichten: Hier soll es in schwierigen Fällen – beispielsweise bei strittigen Fragen der Medikation, wo es zu Diskrepanzen zwischen behandelndem und Amtsarzt kommt  – eine medizinisch fachinhaltliche Diskussionsplattform der betroffenen Ärzte sowie Experten und Vertretern der Landessanitätsbehörden geben, um allfällige Problemfälle zu lösen und gemeinsam einen Konsens in Fragen der fortlaufenden Behandlung zu finden.“

Zu den umstrittensten Novellierungen der Suchtgiftverordnung zählt die Einführung von Methadon und Buprenorphin als so genannte „Mittel der ersten Wahl“ in der Substitutionsbehandlung. Darf nun eine Umstellung der Medikation über den Amtsarzt bei bereits mit retardiertem Morphin behandelten Patienten stattfinden?

„Ja, aber ohne ersichtlichen medizinischen Grund wird kein bislang mit retardiertem Morphin substituierter Patient umgestellt. Das wäre widersinnig. Außerdem ist prinzipiell festzuhalten: Es gibt kein Verbot für die Verschreibung von retardiertem Morphin. Ein Abweichen von den Mitteln der ersten Wahl bei einer Neueinstellung oder Neumedikation eines Patienten ist aber an bestimmte Auflagen geknüpft. Grundsätzlich gilt: Nur wenn eine entsprechende Unverträglichkeit gegen die Mittel der ersten Wahl vorliegt – und das ist klar in der Verordnung festgehalten – ist eine ausnahmsweise andere Medikation mit retardiertem Morphin auf Basis der entsprechenden ärztlichen Entscheidung vorgesehen. Und bei der Vergabe von retardiertem Morphin an Jugendliche und Schwangere ist eine zweite Meinung von einem Facharzt einzuholen.“

verfasst am 23.02.2006