Substitution ist ein Menschenrecht

Substitution ist ein Menschenrecht – so postulierte der Schweizer Suchtexperte und Substitutionsarzt Daniel Meili Anfang April 2011 im Rahmen seines Vortrags beim 14. Substitutionsforum in Mondsee. Sein Wiener Kollege Hans Joachim Fuchs – seit 1987 substituierender Arzt – unterstreicht dies und führt im Gespräch mit der Plattform Drogentherapie aus, warum die medizinische Diskriminierung von chronischen Kranken wie Opiat-Abhängigen ein Verstoß gegen das Menschenrecht darstellt, ein hürdenfreier Zugang zur Substitutionstherapie eine Frage der Menschenwürde ist und die Betreuung von Suchtpatienten nach einer ressourcenorientierten Behandlung verlangt.

Ist die medizinische und therapeutische Behandlung suchtkranker Menschen ein Menschenrecht?

Fuchs: Ja, auf jeden Fall. Wenn Sie in der Menschenrechtsdeklaration nachschauen, dann finden Sie das Recht auf gesundheitliche Versorgung. Ich bin fest überzeugt, dass es ein Überleben der Menschheit nur dann geben kann, wenn dieses Recht jedes einzelnen Menschen respektiert wird. Ich halte es für eine ganz zentrale Aufgabe – vor allem auch der Ärzte –, die Würde und das Selbstwertgefühl ihrer Patienten zu stärken.

Die Behandlung von chronischen Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck oder auch psychiatrischen Erkrankungen wird ohne Barrieren und Auflagen angeboten und durchgeführt – ganz im Gegensatz zur Behandlung von Suchterkrankungen. Eine Ungerechtigkeit, ein Verstoß gegen das Menschenrecht?

Fuchs: Ja, natürlich. Aber diese Diskriminierung widerfährt anderen chronisch Erkrankten genauso. Vor allem, wenn sie eben zu jener Gruppe gehören, die „working poor“ sind oder einen schlechten Bildungsstandard haben, denen es an Motivation fehlt oder die schlichtweg depressiv sind. Im Gegensatz dazu werden die, die brav sind und sich schulen lassen, vom Medizinsystem einigermaßen anständig behandelt. Die anderen werden von den Ärzten sehr schikanös behandelt.

 

Was macht das mit den Patienten?

Fuchs: Es beschämt sie. Es gibt einige Orte, wo Menschen in unserer Gesellschaft dieser Beschämung ausgesetzt sind. In Sozialämtern, beim Arbeitsmarktservice, manchmal auch in der Krankenkasse, oftmals in der Pensionsversicherung. Das sind eigentlich Stationen, wo das nicht passieren sollte. Orte, die eigentlich dazu da sind, um Menschen in einer Notlage zu helfen. Leider passiert diese Beschämung auch im Spital und in der Arztpraxis. Das ist ein großer Qualitätsmangel.

Wieder ein Verstoß gegen die Menschenrecht?

Fuchs: Natürlich. Mit diesem Verhalten verletzt man vor allem die Würde des Menschen. Und die bildet das eigentliche Fundament der Grundrechte. Mit der Würde ist der soziale Wert- und Achtungsanspruch verbunden, der einem Menschen allein schon wegen seines Menschseins zukommt. Als absolutes Minimum bringt die Würde mit sich, dass alle Menschen als gleichwertig anerkannt werden und eben auch eine gleichwertige medizinische Versorgung erhalten. Und dazu zählt auch das Recht auf Substitution.

Die Substitutionstherapie ist laut Meili nicht nur ein Menschenrecht, sondern bringt darüber hinaus eine Reihe von wertvollen Effekten: Es hilft, die Mortalitäts- und Morbiditätsrate zu reduzieren, es senkt die Kriminalität und es bringt eindeutig volkswirtschaftliche Vorteile. Geht diese Rechnung auf?

Fuchs: Auf jeden Fall – die persönlichen Erfolge für die Patienten erlebe ich tagtäglich in meiner Praxis. Die Kriminalitätsrate im Drogenmilieu ist auch definitiv zurückgegangen. Was den gesundheitsökonomischen Aspekt betrifft zeigt eine Studie aus dem Jahr 2008 – durchgeführt von Michaela Freudenberger am Institut für Organisation und Materialwirtschaft der Wirtschaftsuniversität Wien im Rahmen ihrer Diplomarbeit –, unter welchen Rahmenbedingungen die Substitutionsbehandlung durch den Hausarzt erfolgreich ist. Demnach haben Faktoren wie Co-Morbidität oder auch Bildung einen großen Einfluss auf den Behandlungserfolg und auch auf die durchschnittlichen Gesamtkosten der Substitutionstherapie. Patienten mit psychischen Begleiterkrankungen der Drogenabhängigkeit benötigen beispielsweise mehr Betreuung durch ihren Arzt als
Personen ohne Co-Morbidität. Patienten mit niedrigem Bildungsniveau haben wenig Zugang zu Informationen und benötigen daher ebenfalls eine intensivere Betreuung. Je besser und gezielter die medizinische Betreuung und Behandlung von Suchtpatienten ist, desto erfolgreicher verläuft die Substitutionstherapie also.

Geht der Suchterkrankung immer eine psychische Erkrankung voraus?

Fuchs: Nein, es kann auch eine Lebenskrise oder eine schlimme soziale Situation sein. Vor allem soziale Probleme sind sehr häufig die primären Auslöser für eine Sucht – beispielsweise Arbeitslosigkeit oder auch Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gegenüber Migranten. Diese sozialen Dilemmata richten unendlich viel Schaden bei den Betroffenen an. Wenn dann jemand mit dem Angebot von Drogen kommt, versuchen sich viele Menschen im Elend damit drüberzuretten. Es fehlen leider auch oftmals die sozialen Strukturen – Familie, Freunde etc. -, die einen in so einer Situation auffangen könnten. Vielfach bleibt dann nur mehr der Arzt. Damit ist die Bindung zum Arzt auch ein wesentliches soziales Element – in der Substitutionstherapie kommt das ganz stark zum Tragen. Wir sind eine soziale Ressource, wenn wir es richtig verstehen. Es ist eine ärztliche Aufgabe, diesen Menschen beizustehen.

Was sind Ihrer Meinung nach die entscheidenden Faktoren für eine langfristig erfolgreiche Substitutionsbehandlung?

Fuchs: Der Patient bekommt einen Arzt. Das ist entscheidend – und derzeit auch keine Selbstverständlichkeit. Damit ist der Betroffene schon mal nicht mehr einer, der im Drogendschungel zu überleben versucht, indem irgendwie das Geld für die Drogen aufstellt. Die große Herausforderung für den Patienten ist dann, die Einsicht zu gewinnen, dass er krank ist. Das ist eine harte Sache.

Wenn der Patient diese Hürde schafft, was kommt dann?

Fuchs: Durch die Substitutionstherapie verliert die Sucht ihre Bedeutung. Das empathisierte Suchtmittel sinkt nach und nach auf den Stellenwert eines Medikaments, das man jeden Tag nehmen muss. Der Patient findet sich dann sukzessive in seine Rolle als Patienten und den damit verbundenen Aufgaben ein. Auch die regelmäßigen Gespräche mit dem Arzt sind wichtig.

Was ist Ihrer Meinung ein wesentlicher Schlüssel zum Therapieerfolg?

Fuchs: Wir haben eine Gesellschaft, die defizitorientiert ist. Auch die Medizin ist defizitorientiert. Man sucht immer nach den Fehlern. Es lohnt sich aber gerade in der Substitutionstherapie, eine ressourcenorientierte Behandlung durchzuführen.

Was könnten die Ressourcen sein?

Fuchs:  Bildung, Intelligenz, Jugend, Liebenswürdigkeit und vieles mehr. Das sind die Ressourcen. Nachdem ich auch systemischer Familientherapeut bin, wende ich oft die positive Konnotation als therapeutische Interventionsmethode an. Das heißt, ich lasse es meinen Patienten wissen, was ich von ihnen halte, wenn ich glaube, dass ihnen das nützlich ist. Und das wirkt. Denn alle Menschen sind ganz wesentlich von „self fullfilling prophecies“ beeinflusst.

Was spricht gegen eine abstinenzorientierte Behandlung?

Fuchs:  Die Süchtigen wünschen sich die Abstinenz am allermeisten. Aber es ist ein unrealistisches Ziel. Wenn man diesen nachhängt, geht das meist nicht gut. Und Suchtpatienten, die sich unrealistische Ziele stecken, haben auch die meisten Rückfälle.

Gibt es einen Zeitpunkt, der eine Abstinenz denkbar macht?

Fuchs: Wenn gut eingestellte, langjährige Patienten keine Medikamente mehr nehmen wollen oder manchmal sogar auf deren Einnahme vergessen, dann ist das ein gutes Zeichen, die Abstinenz probieren. Man kann aber dem Patienten auf keinen Fall etwas aufzwingen – niemals.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

verfasst am 23.05.2011