Substitutionsforum Mondsee – 2013

Die ÖGABS lud zum 16. interdisziplinären Austausch zum Thema Opioidsuchterkrankung

Bereits zum 16. Mal trafen sich auch heuer wieder 200 Experten, wie Internisten, Psychiater, Allgemeinmediziner, Pharmakologen, Therapeuten, Chemiker und Juristen zum kollegialen und informellen, fächerübergreifenden Austausch. Mit dabei waren unter anderem: Bundesdrogenkoordinatorin Dr. Johanna Schopper, stv. Kabinettchefin aus dem Büro des Bundesministers für Gesundheit Mag. Eva Wildfellner, Geschäftsführerin der Fachstelle Suchtprävention und Suchtkoordinatorin in Niederösterreich Dr. Ursula Hörhan sowie Thomas Schwarzenbrunner, 
Drogenkoordinator des Landes Oberösterreich, Dr. Norbert Jachimowicz, Referat der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte (Substitutionsfragen) und Dr. Max Wudy, Leiter der Referats für Abhängigkeitsfragen der NÖ Ärztekammer. Das interdisziplinäre Programm reichte von der Bedeutung des pharmakologischen Einsatzes von Antagonisten in der Drogentherapie, über strafrechtliche Aspekte und Risiken für Ärzte, die opioid-abhängige Patienten betreuen, bis hin zum Stellenwert von Haaranalysen in der Drogenanalytik. Weitere Schwerpunkte lagen auf der problematischen Verschreibung von Benzodiazepinen in der Opioid-Substitution und aktuelle Entwicklungen in der Therapie von begleitenden Erkrankungen, wie Hepatitits C, HIV und Aids.

„Kampfzone Gehirn“ – arzneimittelgestützte Abstinenzbehandlung

Prof. Alfred Springer betrachtet in seinem Vortrag „Kampfzone Gehirn“ aus einem besonderen Blickwinkel die wieder entflammte Diskussion rund um den Einsatz von Medikamenten in der Opioid-Erhaltungstherapie. „Nachdem Jahre der Diskussion um die Substitutionsbehandlung in Österreich vergangen sind und wieder etwas Ruhe eingekehrt ist, ist nun wieder ein Prozess ins Laufen gebracht worden, bei dem das Konzept der Substitutionsbehandlung erneut hinterfragt und durch eine politische Diskussion konterkariert wird. Vor allem medizinische Experten sollten wissen, dass man die sicherheitspolitische Qualität einer medizinische Behandlungsform nicht gegen die medizinische Qualität aufwiegen kann“, kritisiert Springer an der aktuellen Debatte. Bezugnehmend darauf spricht er von den verschiedenen Substanzgruppen in der aktuellen Diskussion um den Medikamenteneinsatz und von einem Paradigmenwechsel, der sich in der Drogensuchtbehandlung abspielt. Einerseits die „Agonist-gestützte“ Opioid-Erhaltungstherapie und auf der anderen Seite die „Antagonist-gestützte“ Abstinenzbehandlung. Beide stehen in einer Interessensverschränkung von ideologischen Vorstellungen, professionellen und akademischen Zugängen sowie wirtschaftlichen Interessen. Der ehem. Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Suchtforschung und 2. Vorsitzender der ÖGABS sowie Autor zahlreicher Publikationen wurde von der Stadt Wien mit der Professor-Dr. Julius Tandler Medaille in Gold ausgezeichnet. Die Auszeichnung wird Personen verliehen, die sich durch ihre uneigennützige und aufopfernde Tätigkeit um das Wohl der Mitmenschen besonders verdient gemacht haben.

Strafbarkeit für Ärzte in der Substitutionsbehandlung

Um juristisches Fehlverhalten seitens Personen, die beruflich mit der Substitution und der Verschreibung von Suchtmittel zu tun haben, zu vermeiden, gab Dr. Hubert Hinterhofer, Prof. für Straf- und Verfahrensrecht an der Universität Salzburg, Einblicke in relevante Strafrechtsbereiche sowie in das Verständnis von Strafjustiz, die sich mit diesen Verfahren auseinandersetzen. Die Substitutionsbehandlung ist bei entsprechender Qualifikation eine ärztlichen Heilbehandlung und Bedarf einer medizinischen Intervention. Die Verabreichung der Medikamente in der Substitutionsbehandlung ist mit der Verabreichung von Suchtgift verbunden (Suchtgiftverordnung), auch die Benzodiazepine - psychotrope Stoffe - unterliegen dem Suchtmittelgesetz (Psychotropen Verordnung). Natürlich liegt es im ärztlichen Ermessen welche und wie viele Medikamente verschrieben werden. Die Strafbarkeit - sogar bei Todesfällen - von Ärzten ist nur dann möglich, wenn vorschriftswidriges Verhalten wie Behandlungsfehler - nicht „lege artis“ durchgeführte Behandlungen - bzw. Fehler bei der Anamnese, vorschriftswidriges Überlassen von Suchtmittel, Fehler bei der Wahl des Medikaments oder Qualifikationsvortäuschung vorliegen. Vorsicht ist geboten bei einer möglichen Überschreitung der gesetzlichen Grenzmengen. Kommt es zur Anklage im Falle einer längerfristigen Behandlung, wird die verschriebene Dosierung aufsummiert, was sich wiederrum auf die Höhe des Strafmaßes auswirkt.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass bei Einhaltung, der in der Substitutionsbehandlung vorgesehenen Vorgaben, keine Strafbarkeit wegen fahrlässiger Körperverletzung oder wegen eigenmächtiger Heilbehandlung besteht. Strafbarkeitsmindernd ist in jedem Fall das Fehlen der Vorsatzwidrigkeit. Um auf Nummer sicher zu gehen, empfiehlt der Rechtsexperte die Behandlung möglichst genau zu dokumentieren und warnt vor unkritischer Verschreibung von Benzodiazepin-Mengen. Wenn aus medizinischen Gründen höhere Mengen notwendig sind, dann sollte diese Dosierung ebenfalls medizinisch begründet und dokumentiert sein. (In Deutschland beispielsweise, so berichtet Dr. Stephan Walcher, gibt es in anderen Medizinbereichen, z.B. vor Operationen ein schlichtes „Tool“: ein Anamnesebogen, auf dem das Erstgespräch dokumentiert und von Arzt und Patient unterschrieben wird.)

In Bezug auf die „Unverträglichkeit“, die manche Mittel in der Opioid-Erhaltungstherapie auslösen können, gibt es leider keine österreichweite einheitliche Definition. So ist gesetzlich nicht klar geregelt, ab wann eine Unverträglichkeit vorliegt, bzw. wie genau diese geprüft werden soll. Hier fordert Hinterhofer auch die zuständigen Stellen im Gesundheitsministerium auf, zu überlegen, wie der medizinisch Ausdruck „Unverträglichkeit“ auszulegen ist.

Therapie statt Strafe – Internationaler Forschungsbericht über Drogenpolitik

Anhand von drei aktuellen Projekten stellte Univ.-Prof. Dr. Richard Soyer in seinem Vortrag Daten von Forschungsprojekten aus Spanien, Polen und Österreich vor und warf einen Blick auf die gesamte internationale Drogenpolitik. Er verglich die Drogenpolitik der drei Länder miteinander und zeigte die jeweiligen Unterschiede auf. Weiters die Entscheidungsfaktoren, wann es zur Anwendung der Exit-Strategie (Therapie statt Strafe §15) im laufenden Verfahren kommt. Darüber hinaus unterstrich er abermals die wichtige Voraussetzung einer übereinstimmenden Definition des Therapieerfolgs zwischen Medizinern und Juristen für das jeweilige Verfahren und bestätigt anhand seiner Studie („Therapie statt Strafe“, Schumann/Soyer 2012) erneut, dass die Substitutionsbehandlung von Opiatabhängigen nicht nur ein medizinischer Erfolg ist, sondern auch eine enorme Kostenersparnis bringt. Der Anteil der Kosten der Substitution in Haft mit durchschnittlich € 3,30 pro Person/Tag ist minimal innerhalb der ca. € 100,- Gesamt-Haftkosten pro Person/Tag.

Von der Qualität der Haar-Analyse im Rahmen von Drogentests

Rainer W. Schmid, Ph. D., MSc. von der Biopharmazeutischen und Toxikologischen Analytik der Medizinischen Universität Wien gab in seinem Vortrag Aufschluss über die vom Innenministerium gewünschten Drogen-Haartests im Rahmen der geforderten neuen Anti-Drogenstrategie. Abgesehen davon, dass diese Analyse weit mehr persönliche Informationen freigibt als den Nachweis illegal konsumierter Suchtmittel und somit auch aus Datenschutzgründen bedenklich ist, hielt der Toxikologe fest, dass die Haaranalyse zwar bei forensischer, toxikologischer Fragestellung oder in bestimmten drogentherapeutischen Situationen wertvolle Informationen bietet, aber kein geeignetes Werkzeug für ein drogenpolitisch begründetes Routine-Screening in der Allgemeinbevölkerung ist. Zudem beinhaltet sie systematische Fehlerquellen aufgrund von genetischen Unterschieden im Haarwachstum, in der Haarbeschaffenheit, der Farbe und der Exposition des Haares und ist sehr kostspielig. Die Kosten pro Analyse liegen bei € 300,-.

Wie bereits in den vergangenen Substitutionsforen, war der zweite Tag vor allem dem medizinischen Schwerpunkten gewidmet; Die neuesten Therapiestandards in der Behandlung von Hepatitis C, Management und Komplikationen im Falle von Leberzirrhosen und aktuelle Entwicklungen in der Therapie von begleiteten Erkrankungen (HIV/Aids) in der Opioid-Erhaltungstherapie. Mehr Informationen dazu, wie auch zu den Vorträgen von Dr. Hans Haltmayer zum ÖGABS Konsensus zur substitutionsgestützten Behandlung von Opiatabhängigen 2013 und zu Problemfelder in der Substitutionstherapie und Benzodiazepin-Verschreibung finden Sie in Kürze auf der ÖGABS Website.