Substitutionsforum Mondsee – 2015

Die interdisziplinäre Tagung widmete sich Fragen der Substitutionstherapie im Spannungsfeld persönlicher Autonomie und gesellschaftlicher Verantwortung

Bereits zum 18. Mal zog das interdisziplinär ausgerichtete Programm der Österreichischen Gesellschaft für arzneimittelgestützte Behandlung von Suchtkranken (ÖGABS) eine Vielzahl namhafter ExpertInnen auf dem Gebiet der Substitutionsbehandlung ins Salzburger Mondsee. Thematisch widmete sich die Fachveranstaltung in diesem Jahr vor allem Fragen der ethischen und rechtlichen Verantwortung von Substituierenden und Substituierten im Spannungsfeld individueller (gesundheitsbezogener) Entscheidungen und gesellschaftlichem Wunsch nach Regulierung. Intensive Betrachtung fanden aber auch weitere Aspekte der Substitutionstherapie wie Behandlungssettings für komorbide PatientInnen, Konsumentwicklungen im Bereich Freizeitdrogen oder Substitutionstherapie in der Schwangerschaft. Univ.-Prof. Dr. Alfred Springer (Vorsitzender ÖGABS) und Dr. Johanna Schopper (Nationale Drogenkoordinatorin, Bundesministerium für Gesundheit) begrüßten die rund 200 TeilnehmerInnen zum intensiven, zweitägigen Austausch von Wissenschaft und Praxis unter Betonung der Partnerschaft zwischen Fachgesellschaft und regulatorischer Ebene.

Arzneimittelsicherheit zwischen technologischer Machbarkeit und ethischen Anforderungen

ÖGABS-Vorsitzender und -Mitbegründer Univ.-Prof. Dr. Alfred Springer skizzierte zum Auftakt des Symposiums aktuelle Entwicklungen in den Vereinigten Staaten, die auch eine intensive Auseinandersetzung mit Fragen zur Arzneimittelsicherheit im Kontext der Substitutionsbehandlung in Europa zur Folge hätten. Dass der therapeutisch verordnete Opioidkonsum zunimmt, habe zur Bewusstseinsstärkung für dieses sensible Thema beigetragen, den Wunsch nach regulativen Lösungen laut werden lassen und die Befassung mit Zubereitungsstrategien, die einen verschreibungswidrigen Gebrauch verhindern, intensiviert. Neben Fragen der technologischen Umsetzbarkeit konfrontiere dieser Diskurs aber auch mit ethischen Implikationen wie etwa der Frage, inwiefern das Auslösen negativer Nebenwirkungen zugunsten erhöhter Arzneimittelsicherheit überhaupt rechtfertigbar sei, so Springer. Auch die mit Substitution befassten Ärztinnen und Ärzte würden durch diese Entwicklungen vor neue Herausforderungen gestellt, die über die klassische Substitutionsbehandlung hinausreichten: In Zukunft müsse etwa die Auseinandersetzung mit dem Thema Zusatz- und Füllstoffe sowie mit neuen Technologien im Arzneimittelbereich im Rahmen einer fächerübergreifenden medizinischen Fortbildung an Bedeutung gewinnen. Durch die Erweiterung des Fokus der Substitutionstherapie auf das gesellschaftliche Gesamtsetting ergäben sich außerdem immer neue ethische Fragen und Spannungsfelder, zu denen es im Dialog von Wissenschaft und Praxis erst Antworten zu finden gelte.

Substitution: Komplexe Problemstellungen verlangen individuell passende Angebote

Dr. Hans Haltmayer erläuterte in seiner Funktion als Beauftragter für Sucht- und Drogenfragen die Entwicklung im Bundesland Wien, wo Substitution vorwiegend im niedergelassenen Bereich und in auf Drogentherapie spezialisierten Einrichtungen erfolgt. In Hinblick auf das Thema Substanzgebrauchsstörungen im Kontext der Substitutionstherapie hielt der Experte fest, dass es grundsätzlich zwischen dem gesetzlich verbotenen Gebrauch mit potentiell fremdschädigender Wirkung und der verschreibungswidrigen Nutzung mit potentiell selbstschädigender Wirkung zu differenzieren gelte. Je nach Sachlage sei darauf mit individuell unterschiedlichen Lösungsansätzen – jenseits einfacher Problemsichten – zu reagieren. In Wien konnte, so Haltmayer, bereits 2008 im Rahmen eines Projekts rund um den Hotspot Karlsplatz ein Modell zur Eindämmung der Weitergabe von Suchtmitteln (gesetzlich verbotener Gebrauch) etabliert werden, das auf enger Kooperation zwischen verschiedenen Behörden, Implementierung einer suchtdiagnostischen Begutachtung, Erfassung der individuellen Bedürfnislage und Bereitstellung von Überbrückungsangeboten an Feiertagen und Wochenenden beruhe. Das inzwischen auf ganz Wien ausgeweitete Projekt sei insofern erfolgreich, als es dazu beigetragen habe, eine stärkere und verbesserte Einbindung von Suchtkranken in das Behandlungssystem sicherzustellen. Was die Problemstellung des potentiell selbstschädigenden Verhaltens durch verschreibungswidrigen Gebrauch (etwa durch Anwendung anderer Applikationsformen als der oralen Einnahme) anbelange, mangle es derzeit noch an Zahlen aus strukturierter Forschung. Feststehe aber, dass es sich um ein komplexes, störungsspezifisches Verhalten handle, auf das therapeutisch und auf Grundlage eines Modells zur Diversifizierung von Settings, angebotenen Substanzen und Applikationsformen reagiert werden sollte. Damit könnte auf die individuelle Bedürfnislage der Betroffenen noch intensiver eingegangen werden, so das Fazit.

Ein Blick über die Ländergrenzen: Die Schweiz als Innovationstreiber

Offenheit für das Beschreiten neuer Wege in der Behandlung von Suchterkrankungen hielt auch OA Dr. Johann Strasser vom Ambulanten Dienst Sucht und Zentrum für Heroingestützte Behandlung der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel für essentiell: In der Schweiz sei es angesichts extrem steigender HIV-Infektionsraten in der Zeit der 1970er bis 1990er Jahre gelungen, das Konzept der „Harm Reduction“ politisch zu festigen und eine heroingestützte Behandlungsform zu etablieren (siehe Interview mit Dr. Strasser). Damit habe die medizinische Kontrolle auch risikobehaftete Konsumformen erreicht und ein passendes Behandlungssetting für polykomorbide PatientInnen etabliert. Im Sinne der Betroffenen gelte es aber weiterhin für Innovation offen zu bleiben und die Suchthandlung per se nicht weiter zu tabuisieren, so der Experte. Strasser plädiert deshalb für eine durchgängige und diversifizierte substitutionsgestützte Behandlung.

Paradigmenwechsel in der Behandlung komorbider PatientInnen

Im Zeichen der Öffnung für neue Ansätze und Perspektiven stand auch der zweite Tag des diesjährigen Substitutions-Forums, der sich insbesondere den Bedürfnissen komorbider PatientInnen widmete. Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Gschwantler (Abteilungsvorstand der 4. Medizinischen Abteilung des Wilhelminenspital Wien) erläuterte vor diesem Hintergrund Wirkungsweise und Chancen der neuen Hepatitis C-Therapien, die größere Heilungschancen in Aussicht stellten als bislang eingesetzte Behandlungsformen. Univ.-Prof. Dr. Henriette Walter von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien skizzierte schließlich den Paradigmenwechsel, der sich in der Behandlung alkoholkranker Menschen vollzogen hat, indem das Verlangen des Betroffenen nach dem Suchtmittel anerkannt und das Ziel der Trinkmengenreduzierung in den Vordergrund gestellt werde. Dadurch seien schwere Entzüge und Komplikationen vermeidbar und eine Unterstützung der Selbstkontrolle sowie des persönlichen Wachstums am Erfolg möglich.

Die Unterlagen zu den einzelnen Fachreferaten des 18. Substitutions-Forums werden auf der Website der Österreichischen Gesellschaft für arzneimittelgestützte Behandlung von Suchtkrankheit (ÖGABS) zur Verfügung gestellt: http://www.oegabs.at/18_substitutionsforum.php