„Therapie ist günstiger als Strafe“

Im Juli 2012 wurde die Studie von Richard Soyer und Stefan Schumann in Buchform mit dem Titel „Therapie statt Strafe“ veröffentlicht. Darin untersuchen Mediziner, Psychologen, Juristen und Gesundheitsökonomen das österreichische Suchtmittelstrafrecht. Es wird der Versuch unternommen, die Kosten der Strafverfolgung den Kosten medizinischer Intervention gegenüberzustellen, um eine effektive Ressourcen-Verteilung zu unterstützen. Dr. Richard Soyer, Strafrechtsexperte und Universitätsprofessor an der Universität Linz, fasst in einem Gespräch mit www.drogensubstitution.at die Schlüsselergebnisse der Untersuchung zusammen.

Herr Dr. Soyer, der  Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegt im Unternehmensstrafrecht. Woher kommt Ihr Interesse an dem Thema Drogensucht – das kann ja nicht nur die Nähe Ihrer Kanzlei zum Karlsplatz sein?

Soyer: Ich habe als junger Kärntner Anwalt in Wien als Strafverteidiger begonnen. Der einzige Bereich, der damals noch nicht voll besetzt war, war die Suchtmittelkriminalität unter Schwarzafrikanern. Viele meiner Kollegen waren sich in den 90er Jahren zu gut, diese Dealer zu verteidigen. Ich habe das sehr engagiert und erfolgreich gemacht.

 

Sie waren der Schrecken der Polizei?

Soyer: Ja (lacht). Das Interesse an dem Thema Drogensucht habe ich mir erhalten – die jungen Konzipienten in meinem Büro etwa machen eine Rechtsberatung im „Ganslwirt“. Ich verteidige jetzt zwar vor Gericht nicht mehr Suchtmittel-Strafsachen, aber das Thema bleibt mir ein großes Anliegen. Daher leite ich auch mehrere Forschungsprojekte auf der Uni in diesem Gebiet.

Im Juli haben Sie die Studie „Therapie statt Strafe“ herausgebracht. In dieser untersuchen Mediziner, Psychologen, Juristen und Gesundheitsökonomen das österreichische Suchtmittelstrafrecht. Wie kam es zu der Studie?

Soyer: Drogenkriminalität ist bei uns  ein hoch emotionales Thema. Man sieht nicht, wenn in Vorstandsetagen Geld veruntreut wird. Aber wenn auf dem Wiener Karlsplatz ausgemergelte Gestalten herumlungern, stört das die Gesellschaft und der Ruf nach Polizei wird schnell laut. Da würde ich mir mehr Gelassenheit wünschen. Denn die Verfolgung der Suchtgiftkriminalität bündelt in Österreich unheimlich viele Ressourcen im Polizei- und Justizapparat. Da kann man sich schon die Frage stellen: Kann man diese Ressourcen nicht anders einsetzen? Und sind Drogendelikte wirklich das Hauptproblem unserer Gesellschaft? Also haben wir in der Studie auch untersucht, wie viel Drogenkranke der Gesellschaft eigentlich kosten.

Was sind die Kernaussagen der Studie?

Soyer: Eine Kernaussage ist, dass wir in Österreich eine sehr hohe Aufklärungsquote haben. Und wenn tatsächlich bestraft wird, wird auch hart bestraft. Aber es gibt zugleich in einer sehr bemerkenswerten Art und Weise die Möglichkeit für eine frühzeitige Diversion, also die Beendigung eines Strafverfahrens ohne formellen Schuldspruch. Diese österreichische Lösung ist international herzeigbar.

Wo orten Sie Defizite?

Soyer: Es gibt dort fundamentale Missverständnisse, wo Medizin und Rechtswissenschaft aufeinanderprallen. Für Mediziner ist Suchtabhängigkeit eine schwere psychiatrische Erkrankung mit chronischem Verlauf. Rückfälle sind Teil des Krankheitsbildes. In der Justiz werden aber gerade Rückfälle als Wiederholungstat häufig streng bestraft. Niemand würde umgekehrt auf die Idee kommen, einen Zuckerkranken dafür zu bestrafen, dass er seine tägliche Medikation einnimmt.

Ist bei Opiatabhängigen eine lebenslange Therapie angemessen?

Soyer: Auch da gibt es unterschiedliche Auffassungen: In Österreich beantworten nahezu 80 Prozent der Ärzte diese Frage mit „Ja“; bei Richtern und Staatsanwälten sind es nur etwas mehr als zehn Prozent. Richter urteilen über drogenkranke Tatverdächtige – dabei ist das nicht eine juristische, sondern auch genuin medizinische Frage!

Sie kritisieren auch, dass sich in Österreich mit Drogenpolitik  leicht politisches Kleingeld machen lässt.

Soyer: Verbrecher müssen ihren Preis zahlen, das ist unbestritten. Tatsache ist aber auch, dass man  bei Drogendelinquenz leicht verurteilen und einsperren und das dann als eine erfolgreiche Bilanz präsentieren kann. Meine Meinung war immer, die Polizei und Justiz soll sich primär um andere Erscheinungsformen von Kriminalität kümmern; diese Form von nicht schwerem abweichenden Verhalten muss eine Gesellschaft aushalten, soweit sie lediglich selbstschädigend wirkt. Tatsächlich machen Drogendelikte nur drei Prozent aller Anzeigen aus;  aber fast ein Viertel aller über 8.000 Gefängnis-Insassen sitzt auch (aber häufig nicht ausschließlich) wegen eines solchen Deliktes. Das zeigt, wie streng verurteilt wird.

Was kosten  Drogenkranke der Gesellschaft?

Soyer: Ein Gefängnisplatz kostet rund 100 Euro pro Tag, also 36.500 Euro im Jahr. Wenn man das auf die 2044 wegen Drogendelikten inhaftierten Personen hochrechnet, zahlt die Justiz jährlich 74 Millionen Euro. Die Behandlung eines opiatabhängigen Patienten (Substitutionstherapie, Anm.) liegt bei 4800 Euro – das entspricht der Behandlung eines depressiven Patienten. Dazu kommen 5200 Euro Spitalskosten für durchschnittlich 20 Tage stationäre Betreuung.

Ihr Resümee?

Soyer: Das Gesundheitssystem ist teuer, aber das Justizsystem ist viel, viel teurer.

Therapie kommt günstiger als Gefängnis.

Soyer: Auf alle Fälle. Jedes Geld, das man in den Gesundheitsbereich steckt, rentiert sich. Weil es den Betroffenen ein lebenswertes Leben möglich macht und weil es auch aus gesellschaftlicher Sicht wirtschaftlich interessant ist.  Denn Therapie vermeidet nicht nur Kriminalität, sondern  auch die sozialen Kosten, die Kriminalität verursacht.

Wie soll eine Gesellschaft mit Drogenkranken umgehen?

Soyer: Ich wünsche mir noch mehr Rationalität, dass Drogensucht eine schwere medizinische Erkrankung ist, die teilweise genetisch begünstigt ist. Es muss uns ein gesellschaftliches Anliegen sein, dass diese Menschen lebens- und arbeitsfähig bleiben, statt sie in den Kreislauf des Einsperrens einzubetonieren. Mehr Liberalität würde dem Land nicht schaden.

Gibt es Vorbildländer?

Soyer: Spanien ist ein sehr liberales Land. Es ist zwar nicht alles erlaubt, aber bloßer Drogenkonsum wird nur als Verwaltungsstrafe behandelt. Russland wiederum hat ein massives Suchtproblem und verbietet gleichzeitig Methadon. Verschreibt ein Arzt Methadon, wird er verurteilt. Man sieht: Beim Thema Drogensucht finden weltweit Glaubenskriege statt.

Vielen Dank für das Gespräch.

verfasst am 10.10.2012