Walkabout – Eine Drogentherapiestation feiert 10-jähriges Bestehen

Interview mit Prim. Dr. Werner Friedl, Ärztlicher Leiter der Therapiestation Walkabout, einer Einrichtung des Krankenhauses Graz der Barmherzigen Brüder, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin sowie Psychotherapeut IGT

©www.christianjungwirth.com
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Walkabout, die Therapiestation für Drogenkranke in Kainbach bei Graz, feiert 2014 ihr 10-jähriges Bestehen. Können Sie uns kurz erzählen, was ausschlaggebend für die Gründung war?

Vor ca. 15 Jahren war es klar, dass eine gemeinsame Behandlung von alkohol- und drogenkranken Menschen innerhalb einer Einrichtung nicht zielführend ist. Die Unterschiede waren zu groß. Die Landesregierung unter dem damaligen LR Dörflinger entschied, dass eine spezifische Einrichtung zu gründen sei. Die Konzepterstellung erfolgte in Zusammenarbeit mit der Suchtabteilung LSF und der extramuralen Einrichtung B.A.S. (W. Friedl und M. Geishofer). Die Trägerschaft übernahmen die Barmherzigen Brüder aus Überzeugung und im Einklang mit der Charta der Hospitalität 2000, in der drogenabhängige Menschen als Zielgruppe genannt werden. Die Vorarbeiten dauerten 6 Jahre. Am 1. Oktober 2004 wurde die Drogentherapiestation Walkabout, als dislozierte Abteilung des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder Eggenberg, in Kainbach bei Graz eröffnet.

Wie würden Sie das Konzept von Walkabout beschreiben und an wen richtet sich das Angebot?

Nach internationalen Recherchen entschieden wir uns von der Form her für eine sogenannte Kompakttherapie. Das bedeutet für unser Haus Entzug und Entwöhnung unter einem Dach, dazu eine ambulante Vor- und Nachbetreuung im Stadtzentrum von Graz, die im ständigen Austausch mit der Drogentherapiestation in Kainbach steht. Damit ist eine weitreichende Behandlung gewährleistet. Die Inhalte der Therapie orientieren sich am Krankheitsmodell Sucht als einer zur Chronifizierung neigenden Erkrankung mit einem weitreichenden Genesungspotenzial von 30% Lebenszeitprävalenz. Unser Konzept ist phasenorientiert und berücksichtigt die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten unabhängig vom Abstinenzparadigma. Das Ziel dabei ist, Substitution, abstinenzgestützte Therapie und abstinenzorientierte Ausrichtung wertgleich nebeneinander anzubieten. Betroffene werden in der Substitution unterstützt wenn ein chaotischer Konsum einsetzt und Krisen zu bewältigen sind. Wir verwenden dabei Begriffe wie: Stabilisierungsaufenthalte und Teilentzüge. Unter abstinenzgestützter Therapie verstehen wir die Auffassung, die Abstinenz als Methode zu verwenden und nicht als zwingendes Ziel. Es geht dabei um Aktivierung von Ressourcen, das Gewichten von Möglichkeiten und das Erproben - nicht nur in der Therapiestation, sondern auch in der Lebenswelt (frühzeitige therapeutische Ausgänge). Rückfälle werden in den therapeutischen Prozess eingebunden und dienen als Erfahrungen für weitere Entscheidungen. Diese Vorgangsweise ist zieloffen in Richtung Abstinenz, kontrolliertem Konsum (soweit möglich) und Wiedereinstellung in die Substitution. Die Themen des kontrollierten Konsums sind auch als Methode zu sehen, um die Patientinnen und Patienten an ihre Grenzen und Möglichkeiten heranzuführen. Abstinenzorientierte Therapie unterstützt die Betroffenen unter Stärkung der Säulen der Identität (H. Petzold) und der Behandlung der Begleiterkrankungen (Komorbidität). Ressourcen unseres Hauses sind dabei die Behandlung von traumatisierten Menschen, Menschen mit Essstörungen sowie Patientinnen und Patienten mit emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen.

Wir sehen diese Angebote aber auch diese Haltung als integratives Modell, angepasst an die Bedürfnisse der Menschen. Übergeordnetes Ziel bleibt immer die Verbesserung des Gesundheitszustandes.

Worauf wird es in der Suchttherapie in den nächsten 10 Jahren ankommen? Welche Ziele verfolgt Walkabout in Zukunft?

Auf die weitere Differenzierung der Therapieangebote unter dem Aspekt eines individualisierten Angebotes. Es bedarf des Coachings der PatientInnen um ihre Möglichkeiten auszuloten und auch behandlungsbereit zu bleiben. Wir werden auch unsere Reha-Angebote bündeln und gegebenenfalls vervollständigen, um als definierte Reha-Klinik wahrgenommen zu werden. Darüber hinaus soll es weitere Vernetzung mit dem Johannes von Gott-Pflegezentrum in Kainbach geben, um Praktikumsplätze aber auch Arbeitsplätze anbieten zu können. Ebenso sind Rückmeldungen an die Behörden mit dem Ziel einer punktuellen Liberalisierung der Substitution angedacht, um die Teilhabe der Patientinnen und Patienten zu verbessern.

Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums präsentierte Walkabout ein eigenes Comic. Was hat Sie dazu veranlasst und worum geht es?

Der Satz „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ hat im Zeitalter der „Informationsflut“ besonderen Stellenwert. Für Walkabout ist damit verbunden, dass das Medium Comic eine Chance bietet, die autobiografische Geschichte eines unserer Patienten (seinen Weg in und aus der Sucht) kreativ in eindrucksvollen Bildern und sehr persönlichen Texten abzubilden.

Das Comic gibt so Einblick in die Auswirkungen der Suchtkrankheit und ermöglicht viele Berührungspunkte mit jungen Menschen, die die Auseinandersetzung mit diesem Thema wünschen (zB. Schulen in Graz).

 

Kontaktadresse:

WALKABOUT, Therapiestation für Drogenkranke
Postadresse: Johannes von Gott-Straße 12
Standort: Pirkenhofenweg 10
A-8047 Kainbach bei Graz
Tel.: +43 (0) 316 30 10 81 – 500
Fax: +43 (0) 0316 30 10 81 – 530
Email: sekretariat@bbwalkabout.at
Internet: www.bbwalkabout.at

Zum Steckbrief der Therapiestation für Drogenkranke „Walkabout”

verfasst am 19.12.2014