Zuviel Kontrolle der Eltern ist bei Jugendlichen in der Drogentherapie kontraproduktiv

Interview mit Dr. Hans Haltmayer
Wien, Juni 2007

Dr. Haltmayer ist Arzt für Allgemeinmedizin, ärztlicher Leiter des Ambulatoriums Ganslwirt und Vizepräsident der Österreischischen Gesellschaft für arzneimittelgestütze Behandlung von Suchtkrankeit (ÖGABS). Er ist auch als Psychotherapeut tätig und betreibt als niedergelassener Allgemeinmediziner eine Wahlarztpraxis mit Schwerpunkt Suchterkrankungen im zweiten Wiener Gemeindebezirk.

Dr. Hans Haltmayer

Viele Eltern opiatabhängiger Jugendlicher sind oftmals unsicher, wie sie mit der Sucht ihrer Kinder umgehen sollen und welche Therapie unter welchen Umständen sinnvoll ist. Immer wieder wird auch die Kritik laut, dass es für Angehörige zu wenig Unterstützung durch öffentliche Institutionen gibt. Hans Haltmayer, ärztlicher Leiter des „Ganslwirt“, beantwortet offene Fragen und äußert sich zu den Vorwürfen mangelhafter Betreuung.

Im aktuellen „Drogenreport Österreich“ kritisieren Eltern von opiatabhängigen Kindern eine mangelhafte Unterstützung und Betreuung von Angehörigen durch die Institutionen. Entspricht das der Realität?

Ich kenne diesen Vorwurf nicht und kann dazu konkret nichts sagen. Aber es gibt für betroffene Eltern bundesweit eine Reihe von Beratungsstellen, die Information und Unterstützung bieten – sowohl Drogeneinrichtungen als auch spezielle Organisationen wie Elternvereine, die spezielle Informationsgruppen für Betroffene oder auch Einzelgespräche anbieten.

Ein weiterer Vorwurf ist, dass Eltern nicht in die Substitutionstherapie des Kindes miteingebunden werden.

Sinnvollerweise – und ich würde mich sehr wundern, wenn das irgendwer anders handhabt – werden immer wieder Gespräche zwischen jugendlichen Drogenabhängigen, Mitarbeitern von Drogeneinrichtungen und den Eltern gemeinsam geführt, wo alle miteinander reden, was die Probleme, die nächsten Schritte und die Ziele sind. Die Behandlung eines Jugendlichen funktioniert ja nur dann, wenn die Eltern miteinbezogen sind. Denn nur gemeinsam – also mit der Integration der Eltern in die Behandlung – bestehen Chancen auf Verbesserung und Erfolg. Das heißt aber natürlich nicht, dass die Eltern immer und in jedem Moment der Betreuung anwesend sind. Und üblicherweise wird auch nicht jeder Therapieinhalt an die Eltern weitergegeben. Das wäre für das Arzt-Patienten-Verhältnis kontraproduktiv und würde die Vertrauensbasis zu dem Jugendlichen stören.

Aber ist es nicht verständlich, dass Eltern die Kontrolle über Inhalt und Ablauf der Behandlung ihres Kindes haben wollen?

Jein. Natürlich machen sich die Eltern Sorgen um ihr Kind – das ist das natürlichste auf der Welt. Auf der anderen Seite ist es aber für den Erfolg einer Behandlung entscheidend, dass der Jugendliche ein Vertrauen zum Arzt gewinnen und entwickeln kann. Und dazu muss man eine gewisse Intimsphäre des Jugendlichen wahren beziehungsweise anvertraute Informationen auch vertrauensvoll behandeln.

Wenn Eltern ein hohes Maß an Kontrollbedürfnis zeigen und jeden Schritt des Kindes kontrollieren wollen, dann zeigt sich darin ein massives Problem in der Eltern-Kind-Beziehung, mit dem man therapeutisch umgehen muss und das man den Eltern kommunizieren muss. Schwierig ist es auch, wenn das Problem „Drogenabhängigkeit“ isoliert auf den Jugendlichen projiziert wird. Es muss den Eltern klar werden, dass in so einem Fall meist auch sie selbst therapeutische Unterstützung brauchen.

Welche Ratschläge können Sie betroffenen Eltern von opiatabhängigen Kindern und Jugendlichen geben, wie sie mit der Situation umgehen sollten?

Ganz wichtig ist es, das Kind so früh wie möglich darauf anzusprechen, auch wenn man vielleicht nur einen Verdacht hegt. Das  Gespräch sollte möglichst nicht in einem kontrollierend-strengen Ton erfolgen, sondern immer unter dem Gefühlsaspekt, dass man sich Sorgen macht. Vorwürfe oder Drohungen sind dabei immer nur kontraproduktiv. Es gilt viel mehr, das Signal zu setzen, dass man sich sorgt und seinem Kind Unterstützung anbieten möchte. Wenn man versucht, dem Problem überwiegend mit Kontrolle und Repression zu begegnen, besteht die große Gefahr, dass das Kind sein Problem noch mehr versteckt und damit ist die Gesprächsbasis weg. Das Problem schwelt unter der Oberfläche weiter.

Umso wichtiger ist es, dass sich Eltern Hilfe von außen holen und selbst informieren – beispielsweise bei einer Drogenberatungsstelle oder bei einem niedergelassenen Arzt, der auf das Thema spezialisiert ist.

Weitere Informationen

Ambulatorium Ganslwirt: www.vws.or.at/ganslwirt
Dialog 10: www.dialog-on.at/article_204.html

verfasst am 12.06.2007