Podiumsdiskussion Drogentherapien, Graz
20. November 2006

Drogentherapien – Ein emotionales Thema?
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Dr. Hans Haltmayer

Ambulatorium Ganslwirt, Wien

»Die arzneimittelgestützte Behandlung (oder Substitutionsbehandlung) von Opiatabhängigen hat deren soziale (Re-)Integration zum Ziel. ÄrztInnen, SozialarbeiterInnen und PsychologInnen arbeiten gemeinsam mit den PatientInnen darauf hin. In Österreich ist aber bestenfalls ein Drittel der betroffenen PatientInnen in arzneimittelgestützter Behandlung.

Der Zugang zur Behandlung muss erleichtert und die Behandlungsqualität verbessert werden, die Behandlungsmöglichkeiten müssen erweitert werden. Schwerkranke PatientInnen, die eine intensive multidisziplinäre Betreuung erfordern, sollen in Drogen-Spezialeinrichtungen, weniger schwer Kranke können bei niedergelassenen ÄrztInnen behandelt werden. Wir müssen zusätzliche ÄrztInnen für die Behandlung dieser PatientInnen gewinnen und begeistern.

Die aktuelle Novelle zur Suchtgiftverordnung (SGV) ist ein Schritt in die entgegengesetzte Richtung. Mit ihr droht ein Behandlungsengpass, insbesondere abseits der Ballungsgebiete. Was wir brauchen ist eine Adaptierung der gesetzlichen Grundlagen zur Optimierung der Behandlungsmöglichkeiten: Intravenöse/Inhalative arzneimittelgestützte Behandlung, Heroinprogramme, Konsum-/Injektionsräume müssen diskutiert werden. Wir haben bereits eines der strengsten Suchtmittelgesetzte Europas. Wir benötigen keine zusätzlichen Verbote und Einschränkungen.

Stigmatisierung, Ausgrenzung und ein überzogenes Kontrollbedürfnis gefährden das individuell und gesellschaftlich wichtige therapeutische Ziel der sozialen (Re-)Integration. Mittels Informations- und Imagekampagnen muss gegen die Stigmatisierung von Suchtkranken und deren BehandlerInnen angekämpft werden. Der „Missbrauch“ von Arzneimitteln ist ein Symptom der Suchterkrankung. Symptome lassen sich nicht verbieten, aber man kann sie behandeln!«

Dr. Hans Haltmayer

Über die Person

Dr. Hans Haltmayer ist ärztlicher Leiter des Ambulatoriums Ganslwirt und des Vereins Wiener Sozialprojekte und seit mehr als 15 Jahren in der Drogenarbeit tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in Harm Reduction und Risk Reduction, Drogen- und Konsumassoziierten Erkrankungen und Substitutionsbehandlung.
Haltmayer ist Vizepräsident und Gründungsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für arzneimittelgestützte Behandlung von Suchtkrankheit (ÖGABS) und als niedergelassener Arzt in einer freien ärztlichen und psychotherapeutischen Praxis mit Schwerpunkt Suchterkrankungen in Wien tätig. Dr. Haltmayer ist Allgemeinmediziner, Arzt für psychosoziale, psychosomatische und psychotherapeutische Medizin und Psychotherapeut. Er ist auch publizistisch tätig (Artikel, Studien, Buchbeiträge) und Herausgeber eines Fachbuches zum Thema Opiatabhängigkeit (Springer Verlag, 2. Auflage).