35 Jahre Substitutionsbehandlung in Österreich

Rückblick und Perspektiven

Vor 35 Jahren wurden in Österreich erste Versuche, Ansätze und Konzepte zur arzneimittelgestützten Behandlung von Suchtkranken unternommen. Die Pioniere der Vorstöße in Richtung Substitutionsbehandlung bewegten sich damals noch im illegalen Bereich – erst mit dem Methadon Erlass des Bundeskanzleramts 1987 wurde der „oralen Substitutionsbehandlung von i.v.-Drogenabhängigen“ eine rechtliche Legitimation verliehen. War damals die Behandlung mit Substitutionsmittel allerdings noch sogenannte „ultima ratio“ , also die letzte Wahl aller möglichen Therapieoptionen, so ist sie heute die erfolgreichste Therapie bei Opiatabhängigkeit. Erst mit der Ausbreitung der medikamentengestützten Behandlung und weiteren Maßnahmen wie z.B Spritzentauschprogrammen, gelang es die HIV-Infektionsrate unter Drogenkonsumenten stabil niedrig zu halten.

Anlässlich des 35-jährigen Jubiläums, veranstaltete die ÖGABS (Österreichische Gesellschaft für arzneimittelgestützte Behandlung von Suchtkrankheit) eine wissenschaftliche Tagung, bei der auf die Geschichte und Erfolge der Substitutionsbehandlung sowohl in Österreich als auch Weltweit und im Rahmen einer prominent besetzten Podiumsrunde ein Blick in die Zukunft geworfen und diskutiert wurde. Dr. Otto Presslich, Pionier der Substitutionsbehandlung in Österreich wurde anschließend an die Podiumsdiskussion besonders geehrt und mit der Ehren-Urkunde der ÖGABS für besondere Verdienste um die substitutionsgestützte Behandlung von Suchtkrankheit ausgezeichnet.

Im Zuge der Eröffnungsansprachen der ÖGABS Vorsitzenden Dr. Hans Haltmayer und Univ.-Prof. Dr. Alfred Springer bezog auch die Bundesdrogenbeauftragte Johanna Schopper Position und sprach sich ganz klar für die Substitutionsbehandlung in Österreich aus und bestätigte, dass aus gesundheitspolitischer Sicht die Substitutionstherapie im Sinne des Gesundheitsschutzes der Bevölkerung ganz klar zu befürworten ist. Schopper sieht als zentrales Ziel, die Zugangsbarrieren der Substitutionsbehandlung so gering zu halten, dass möglichst viele Patienten behandelt werden können. Dies soll vor allem durch die stärkere Kommunikation der Drogensucht als Krankheit forciert werden.

Prof. Springer ging in seinem Fachvortrag auf die Geschichte der Substitutionstherapie ein und sieht ihren Ursprung in der Codein Erhaltungstherapie nach 1945. Die sogenannten „Weltkriegsmorphinisten“, zurückgekehrte Soldaten, wurden schon damals illegaler Weise von Ärzten behandelt. In den 70er Jahren kam das „neue Drogenproblem“ auf, welches die gesamte Bevölkerung betraf, so dass die Diskussionen um die medizinischen Behandlung der Suchtkranken auch vermehrt auftraten. Das Anton-Proksch Institut stellte 1979 erstmals im Rahmen von Arbeitstagungen den „arzneimittelgestützten Entzug“ vor, ein Jahr später wurde die Drogenambulanz als eigenständiger Bereich eingerichtet und das Suchtmittelgesetz novelliert. 1980 war ein wichtiges Jahr, auch mit vielen harten Diskussionen verbunden – vor allem in Deutschland, das sich gegen die Substitutionsbehandlung aussprach. Die Schweiz hingegen und international die USA zählten damals als Vorbilder und Vorreiter dieser neuen Bewegung in der arzneimittelgestützten Behandlung bei Suchtkranken. Stigmatisierende Instanzen traten auch damals schon auf, neben den Medien und öffentlichen Stellen waren dies auch Mythen und Vorurteile der Bevölkerung. 1986 erschien die Wiener Zeitschrift für Suchtforschung (Herausgeber Anton-Proksch Institut) mit einer „Methadonnummer“, in der unterschiedliche Meinungen zum Methadonprogramm veröffentlicht wurde. In Verbindung mit dem verstärkten Auftreten der Immunkrankheit AIDS Mitte der 80er Jahre war der Methadon Erlass 1987 ein dringend notwendiger Schritt. Die späten 80er und frühen 90er waren geprägt von neuen Entwicklungen des Behandlungsauftrages sowie kontinentalen Auseinandersetzungen – auch die ideologischen Aspekte standen stark im Fokus. 1990 wurden die Wiener Sozialprojekte gegründet und mit dem Wiener Drogenkonzept neun Jahre später ein Zeichen gesetzt, dass die Substitutionsbehandlung als „Therapie der ersten Wahl" bei Opiatabhängigkeit gesehen wird. Schließlich wurde 2006 die ÖGABS als eine Art Kontrollinstanz gegründet.

Video Beitrag von Dr. Heino Stöver:

Dr. Heino Stöver, Institut für Suchtforschung der Fachhochschule Frankfurt am Main (ISFF), konnte aus gesundheitlichen Gründen leider nicht zur ÖGABS Veranstaltung kommen. Er ließ sich mit einem Youtube Video vertreten, in dem er seine Einstellung zur Kriminalisierung von Suchtkranken äußerte – das Ziel sollte die Entkriminalisierung der Drogen in Strafanstalten sein, um den drogenabhängigen Insassen moderne Behandlungsmethoden zu gewährleisten. Alles andere verstößt Stövers Meinung nach gegen die Menschenrechtskonventionen.

Das Video zur Thematik Drogenpolitik finden Sie auf Youtube unter folgendem Link:
http://www.youtube.com/watch?v=bhPjpQx5FYM&playnext=1&list=PL3CF46FDA34F726F9&feature=results_main

Bei der anschließenden Podiumsrunde waren neben den Vortragenden noch Dr. Otto Presslich, Dr. Kurt Blaas, Silvia Franke, Dr. Erwin Rasinger und Dr.  Harald Spirig  beteiligt und stellten ihre Arbeit im Rahmen der Substitutionsbehandlung in Österreich vor. Interessant waren hier unter anderem neue Erkenntnisse bezüglich der Substituierung mit Cannabis, auch als sogenannte „Ausstiegsdroge“ betitelt, zu der Dr. Blaas seine Erfahrungswerte als auch neue Studien-Ergebnisse mitteilte. Die Diskussion zeigte außerdem, dass vor allem in den Bereichen Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Therapeuten, Substitution in Strafanstalten sowie Stigmatisierung der substituierenden Ärzte, Handlungs- und Verbesserungsbedarf notwendig sei. Für die Zukunft der arzneimittelgestützten Behandlung von Suchtkranken in Österreich sei neben den genannten Punkten auch der politische Diskurs wichtig – die Gesetzgebung darf ebenso wie die Wissenschaft nicht still stehen!

Das detaillierte Programm und die Anwesenheitsliste der Vortragenden können Sie diesem Link
http://www.oegabs.at/oegabs_programm_2012_web.pdf entnehmen.