Europäischer Drogenbericht 2015: Stabile Trends & neue Herausforderungen

Von langfristig stabilen Mustern und Trends, aber auch von neuen Problemstellungen weiß der aktuelle Report der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) zu berichten: Standen einst vor allem Heroin und HIV-Infektionen im Vordergrund, finden heute insbesondere die Konsumentwicklung von Cannabis, Zunahmen bei neuen psychoaktiven Substanzen und medizinisch-therapeutische Herausforderungen im Kontext der Alterung von Hochrisiko-OpioidkonsumentInnen Beachtung.

Zum mittlerweile zwanzigsten Mal legte die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) Anfang Juni ihre Analyse zur Drogensituation in Europa vor. Das Fazit: Bereits bekannte langfristige Muster und Trends, wie etwa die Stabilisierung der Nachfrage nach Heroin und der Rückgang heroinbedingter Schädigungen, setzen sich fort. Jüngere Entwicklungen – etwa im Bereich neue psychoaktive Substanzen und in Hinblick auf die Altersstruktur der Suchtkranken – werfen jedoch Fragen auf, die ebenfalls nach evidenzbasierten Antworten verlangen.

Cannabis: Wachsende Bedeutung in den europäischen Suchthilfesystemen

Behandlungen von im Zusammenhang mit Cannabiskonsum auftretenden Problemen werden zunehmend nachgefragt. Das Spektrum reicht von Kurzinterventionen per Online-Sitzung bis hin zu stationärer Pflege bei cannabisbedingten Erkrankungen. Der Anstieg ist laut Bericht im Zusammenhang mit Dienstleistungs- und Überweisungspraxis der einzelnen europäischen Staaten zu betrachten: In einigen Ländern entfalle ein hoher Anteil der PatientInnen, die sich in eine solche Therapie begeben, auf fremdmotivierte Überweisungen aus dem Strafjustizsystem.

Tatsächlich kommt Cannabis in Statistiken über Drogenkriminalität eine zentrale Rolle zu: Etwa acht von zehn Sicherstellungen und rund 60 % aller in Europa gemeldeten Drogendelikte entfallen aktuell auf Konsum oder Besitz von Cannabis, dessen Konsumprävalenz etwa fünf Mal höher liegt als jene anderer illegaler Substanzen. Cannabis ist damit die über alle Altersgruppen hinweg am häufigsten konsumierte Droge, wenngleich nur eine Minderheit der NutzerInnen einen intensiven Konsumstil (im Sinne eines täglichen oder fast täglichen Konsums) pflegt.

Dabei zeichnet sich, wie bei allen häufig konsumierten Drogen in Europa, eine mittel- bis langfristige Zunahme des Reinheitsgrads bzw. Wirkstoffgehalts ab: Vor dem Hintergrund der größeren Verfügbarkeit starker Cannabisprodukte, die vor allem auf geänderte Herstellungsverfahren zurückzuführen sein dürfte, empfiehlt der Bericht deshalb Verbesserungen bei der Überwachung akuter Gesundheitsprobleme im Zusammenhang mit dem Konsum der Droge. Beachtenswert sei überdies das jüngste Auftreten von synthetischen Cannabinoidprodukten, die dem Markt eine neue Dimension hinzufügen, heißt es.

Heroin: Stagnierende Nachfrage, alternde Hochrisiko-KonsumentInnen

In Hinblick auf Heroin, das am weitesten verbreitete Opioid auf dem europäischen Drogenmarkt, weist der Bericht auf die Fortsetzung positiver Tendenzen hin: Nach knapp einem Jahrzehnt relativer Stabilität sei seit 2010 in Europa ein deutlicher Rückgang bei der Sicherstellung dieser Droge zu verzeichnen. Sowohl die Zahl der Sicherstellungen als auch die sichergestellten Mengen, die man 2013 verbuchte, gehörten zu den niedrigsten gemeldeten Werten des letzten Jahrzehnts. Positiv vermerkt werden überdies die stagnierende Nachfrage nach Heroin, Rückgänge bei den Neueinstiegen und die hohe In-Treatment-Rate (die schätzungsweise bei mindestens 50 % der 2013 rund 1,3 Mio. problematischen OpioidkonsumentInnen lag).

Probleme im Zusammenhang mit Heroin sorgen aber immer noch für einen unverhältnismäßig hohen Anteil an den drogenbezogenen Gesundheits- und Sozialkosten in Europa. Die Entwicklung wirksamer Maßnahmen zur Reduktion der Todesfälle durch Überdosierung bleibe daher – insbesondere auch im Kontext des Beikonsums von Benzodiazepinen – eine politische Herausforderung, heißt es. Anlass zur Besorgnis geben außerdem einige globale Marktindikatoren wie die Zunahme der Opiumproduktion in Afghanistan und Schätzungen, die auf einen Anstieg des Reinheitsgrads von Heroin in Europa hindeuten.

Als neue Herausforderung im Kontext der Drogentherapie benennt der Bericht das steigende Durchschnittsalter von Hochrisiko-OpioidkonsumentInnen: Zwischen 2006 und 2013 nahm dieses bei PatientInnen, die sich wegen Problemen in Zusammenhang mit Opioidkonsum in Behandlung begaben, um fünf Jahre (von 33 auf 37 Jahre) zu. Ein bedeutender Anteil der problematischen KonsumentInnen in Europa befindet sich mittlerweile sogar im vierten oder fünften Lebensjahrzehnt und ist – bedingt durch die langjährigen Auswirkungen von Mehrfachkonsum, Überdosierung und Infektionen – mit schwerwiegenden chronischen Gesundheitsproblemen konfrontiert. Dennoch melden bislang nur wenige europäische Staaten die Verfügbarkeit zielgerichteter Programme für ältere DrogenkonsumentInnen: Üblicherweise erfolgt eine Integration in die Regelversorgung, die auf die Bedürfnisse dieser Zielgruppe nicht entsprechend abgestimmt ist.

Kokain: Konstante Zahl an Sicherstellungen, aber höherer Reinheitsgrad

Kokain, das in Europa am häufigsten konsumierte illegale Stimulans, wurde im Berichtszeitraum mehr als doppelt so oft sichergestellt wie Amphetamine oder Heroin. Das Niveau der Sicherstellungen bleibt seit 2010 jedoch relativ stabil. Erhöht hat sich laut Bericht aber der Reinheitsgrad der Droge, während die Preise vergleichsweise konstant blieben.

Amphetamin: Mehr Sicherstellungen und besorgniserregende Konsummuster

2013 wurden von den Mitgliedsstaaten rund 34.000 Sicherstellungen von Amphetamin gemeldet, was nach einer Zeit der relativen Stabilität einem erneuten Anstieg gleichkommt. Die Hälfte der sichergestellten Gesamtmenge entfiel dabei alleine auf die EU-Mitgliedsstaaten Deutschland, Niederlande und das Vereinigte Königreich. Grund zur Besorgnis gebe in Hinblick auf diese Substanz auch das Auftreten neuer Konsummuster im Rahmen sogenannter „Slamming Parties“, die risikoreichen Drogenkonsum mit risikoreichem Sexualverhalten kombinieren.

Drogentherapien: Vorwiegend ambulante Betreuung, Fokus auf Substitution

Die meisten Drogenbehandlungen in Europa erfolgen ambulant in speziellen Behandlungseinrichtungen. Dabei befanden sich 2013 europaweit schätzungsweise 1,6 Mio. Menschen wegen Konsums illegaler Drogen in Therapie: Cannabis- und KokainkonsumentInnen stellten nach OpioidkonsumentInnen, die den größten Anteil an den vorhandenen Behandlungsressourcen nutzen, die zweit- bzw. drittgrößte Patientengruppe.

Die Opioidsubstitutionstherapie ist dementsprechend auch der am häufigsten eingeschlagene Behandlungsweg: 2013 befanden sich europaweit rund 700.000 OpioidkonsumentInnen in einem solchen therapeutischen Setting. Dass die Zahl der SubstitutionspatientInnen seit 2011 leicht rückläufig ist, führt der Bericht vor allem auf die starken relativen Rückgänge in der Tschechischen Republik, in Zypern sowie in Rumänien zurück.

Internet & Apps: Niederschwelliges Präventionsangebot & Entstehung eines virtuellen Drogenmarkts

Analog zu Entwicklungen in anderen gesellschaftlichen Bereichen zeichnet sich auch bei Präventionsprogrammen und aufsuchenden Diensten eine (teilweise) Verlagerung vom physischen Raum in Richtung virtuelle Umgebungen ab. Damit habe sich, so der Bericht, die Erreichbarkeit sowohl für neue als auch für bestehende Zielgruppen verbessert.

Gleichzeitig komme dem Internet aber auch eine zunehmend einflussreichere Rolle in Hinblick auf Handel und Vermarktung illegaler Substanzen zu. Das nicht über Suchmaschinen zugängliche Deep Web und mit Verschlüsselungssoftware arbeitende Kryptomärkte gewährleisten für derartige Transaktionen ein hohes Maß an Anonymität – Entwicklungen, die Strafverfolgung und Drogenkontrollpolitik laut Bericht vor große Herausforderungen stellten. Gerade in Hinblick auf die Verbreitung neuer psychoaktiver Substanzen (wie Legal Highs), von denen die EU-Mitgliedsstaaten dem Frühwarnsystem im Jahr 2014 insgesamt 101 meldeten, kommt dem Internet die Rolle eines bedeutenden Marktplatzes zu, heißt es.

Alle Informationen zum Europäischen Drogenbericht sind unter http://www.emcdda.europa.eu/publications/edr/trends-developments/2015 zugänglich. Die jährliche Analyse der EMCDDA gibt einen Überblick über die Drogenthematik in Europa sowie drogenpolitische Maßnahmen und stützt sich auf Informationen, die der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht von den EU-Mitgliedsstaaten, der Türkei und Norwegen in Form eines nationalen Berichts zur Verfügung gestellt werden. Die statistischen Daten des aktuellen Berichts beziehen sich auf das Jahr 2013 bzw. auf das jeweils letzte verfügbare Jahr.