Substitutions-Forum Mondsee, 9. und 10. April 2011

Zum 14. Mal trafen sich heuer wieder Experten und Expertinnen aus Wissenschaft und Praxis zum fachlichen Austausch im Rahmen des jährlichen Substitutionsforums der ÖGABS. Die europäische Situation der multidimensionalen Diversifikation, Substitution als Menschenrecht und die kritische Lage der Therapie-Zugänge in den einzelnen Bundesländern standen dabei auf dem Programm.

Die Multidimensionale Diversifikation und ihre Stellung in Europa

Nach der Begrüßung durch die beiden Vorsitzenden Prof. Alfred Springer und Dr. Hans Haltmayer, erläuterte Springer in seinem Vortrag die unterschiedlichen Situationen in Bezug auf die Zulassung der Substitutionsmittel, der Einnahmediversifikationen und der allgemeinen Strukturen in den einzelnen europäischen Ländern. Dabei betonte er den Bedarf an unterschiedlichen Therapieformen und die große Bedeutung eines breiten Substanz-Spektrums, damit dem Patienten in seiner Individualität bestmöglich geholfen werden kann. Während eine Diversifikation hinsichtlich der Substanzen schon in vielen Ländern fortschrittlich ist, bleibt die Diversifikation hinsichtlich der Einnahmeform laut Springer hingegen immer noch ein Tabuthema. Einzig in der Schweiz und teilweise in Deutschland ist die injizierende Substitution Teil des regulären Angebots, beinhaltet zugleich aber auch exzessive Kontrollen sowie spezielle Lizenzen, wie Alfred Springer hinzufügte. Auch wenn die orale Verordnung weiter als first line treatment definiert wird, muss der Zugang für jene Patienten eröffnet werden, die sich diesem Programm nicht anpassen können, fordert Springer und regt an, den Diskurs über cannabisgestützte Substitution zu eröffnen, da beispielsweise auch in der Schmerztherapie der Einsatz von Cannabinoiden positive Ergebnisse erzielt.

Das Recht auf Substitution – Ein Menschenrecht

»Der Besitz des best möglichen Gesundheitszustandes bildet eines der Grundrechte jedes menschlichen Wesens, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der politischen Anschauung und der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung.«
(WHO - 1946)

Anhand der von WHO und der UNO definierten Konventionen zu den grundlegenden Menschenrechten belegte Dr. med. Daniel Meili, Vorsitzender der Schweizer Gesellschaft für Suchtmedizin, das eindeutige Recht opioidabhängiger Menschen auf substitutionsgestützte Behandlungen. Die Hauptwirkung der Substitution, die Reduktion der Mortalität, rechtfertig allein schon das Behandlungsrecht, was Meili anhand des Hippokratischen Eids nochmals untermauerte: „Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein...und ich werde selbst unter Bedrohung meine ärztliche Kunst nicht in Widerspruch zu den Geboten der Menschlichkeit anwenden.“ Somit dürfen weder Politiker noch Suchtfachleute, sei es aus moralischen oder ideologischen Beweggründen, die den Menschenrechten und damit der aktuell geltenden medizinischen Ethik widersprechen, Opioidabhängigen eine Substitutionsgestützte Behandlung vorenthalten. Meili äußerte Kritik daran, dass die Substitutionsgestützte Behandlung, seiner Meinung nach, noch dem Begriff der Harm Reduction zugeordnet wird, was eine Verharmlosung deren Wirkung ist. Er setzt sich dafür ein, dass Substitution nicht als Notlösung gesehen werden darf, da die Opioid-Substitution eine sehr effektive Behandlungsmethode einer schweren chronischen Erkrankung darstellt und zudem die sozioökonomischen Kosten für die Allgemeinbevölkerung, durch weniger Kriminalität, deutlich reduziert.
Die Schweiz ist in diesem Punkt Vorreiter: Seit 2008 ist die Heroinverschreibung, als Teil der Substitutionsbehandlung, zugelassen und auch in Deutschland führte der Versuch, der iv-Abgabe von Diamorphin in einzelnen Bundesländern zu deutlichen Erfolgen.

siehe: Substitution ist ein Menschenrecht – der Schweizer Suchtexperte und Substitutionsarzt Daniel Meili Anfang April 2011 im Rahmen seines Vortrags beim 14. Substitutionsforum in Mondsee

Zur Lage in den einzelnen Bundesländern

Dr. Hans Haltmayer, ärztlicher Leiter des Ganslwirts machte in seinem Vortrag deutlich, dass es weiterhin große Barrieren im Zugang zur ärztlichen Substitutionsbehandlung in Österreich gibt. Weite Anfahrtswege, geringe Verfügbarkeit, strafrechtliche Exposition und Stigmatisierung der Ärzte, Behandlungsauflagen und medikamentöse Restriktionen sind Barrieren, die auch die Experten der einzelnen Länder im Rahmen der Podiumsdiskussion beklagten. Die Diskussionsrunde brachte zum Vorschein, dass in den meisten Ländern immer noch eine Versorgungsnotlage, durch eine zu geringe Verfügbarkeit an substituierenden Ärzten, besteht. So werden Morphine und Benzodiazepine in Tirol nur von Allgemeinärzten verschrieben, weshalb es dort zu einer Überbelastung kommt.In Oberösterreich stieg die Zahl im Jahr 2010 auf 1250 Patienten, was zwar eine gestiegene Akzeptanz, trotz Novelle, bedeutet, aber auch eine Angebots- und legistische Krise mit sich bringt. In Niederösterreich ist die Situation besonders besorgniserregend. Kommen dort auf 2000 PatientInnen doch nur 50 Ärzte, so dass Wiener Ärzte einen Großteil abfangen müssen. Dafür ist vor allem das unterschiedliche Honorarsystem der einzelnen Bundesländer verantwortlich: Ist beispielsweise in Wien die Substitutionsbehandlung durch die Krankenkasse gedeckt, so können Ärzte in Niederösterreich und der Steiermark diese Angebot nicht weiterverrechnen. In beiden Ländern werden mehr Ambulanzen benötigt, um eine ausreichende Versorgung zu gewährleisten. Abgesehen von der großen Flut an PatientInnen aus NÖ, gibt es noch große Defizite bei der Psychosozialen Betreuung. Unter allen Beteiligten herrschte Konsens darüber, dass Substitution in jeder psychiatrischen Ambulanz stattfinden sollte, da moderne Drogentherapien weit über eine rein medikamentöse Behandlung hinausgehen und die Suchterkrankung auch in den psychiatrischen Bereich gehört.