25 Jahre Substitutionsbehandlung in Deutschland: Erfahrungen und Veränderungsbedarf

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Univ.-Prof. Dr.rer.pol. Heino Stöver
Bremer Institut für Drogenforschung, Universität Bremen

Ausgangslage der Substitutionsbehandlung in Deutschland

Im Drogen- und Suchtbericht 2005 stellte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung u.a. fest: „In den letzten Jahren ist es gelungen, die Qualität der Substitution weiter zu verbessern und den Zugang zu erleichtern…“ Dieser Feststellung ist grundsätzlich zuzustimmen. Die  Substitutionsbehandlung hat in den letzten 20 und vor allem in den letzten acht Jahren einen enormen Schub erfahren (vgl. aktuelle Übersicht in Gerlach/Stöver 2005). Rückblickend lässt sich diese enorme Steigerung in der Zahl der Substitutionsbehandlungen und eine weitgehende Akzeptanz dieser Behandlungsform in Deutschland durch mehrere Faktoren erklären: durch den Erfolg und die Evidenz-Basierung dieser Therapieform, die die Akzeptanz sowohl unter Politikern, Fachleuten, Ärzten erhöht haben; durch die Erweiterung der Indikation und der Zielgruppen; durch die Diversifizierung der Substitutionssubstanzen; und durch eine Entbürokratisierung der Behandlung.

Trotz dieser Erfolge wird nach Expertenauffassung das gesamte Potenzial dieser Behandlungsform nicht oder nicht genügend schnell ausgeschöpft. Einige Kernpunkte für diese Feststellung sind:

  • Stagnation der Zahl der substituierenden Ärzte seit einiger Zeit (Diskrepanz zwischen denjenigen, die den Fachkundenachweis erworben haben und denen, die dann auch tatsächlich verschreiben), was bei steigenden Zahlen von Substituierten auf eine höhere Belastung weniger Ärzte und Ärztinnen hinweist.
  • großes Stadt-Land-Gefälle in der Versorgung, mangelnde Strukturen, fehlende Unterstützung in unterversorgten Gebieten.
  • Erhebliche Schnittstellenprobleme in der Substitutionsbehandlung beim Übertritt des Patienten von einem Setting in ein anderes (z.B. Gemeinde – Polizeigewahrsam / Strafvollzug / Therapie – Gemeinde).
  • Heterogene Organisation, Gestaltung, Finanzierung und rechtliche Bewertung der psychosozialen Betreuung (PSB).
  • Rechtliche Unsicherheiten vieler Ärzte.
  • Bürokratische Erschwernisse.

Veränderungsbedarfe

Trotz aller beachtenswerter Fortschritte in der Substitutionsbehandlung von einer Behandlung mit Experimentierstatus zur Regelversorgung sind wir in Deutschland von einer normalen Krankenbehandlung Opioidabhängiger jedoch noch weit entfernt. Neben den hier skizzierten Behandlungs- und Praxisproblemen werden auch Bedarfe weiterer rechtlicher Klärung, administrativ-bürokratischer Vereinfachungen und organisatorisch-technischer Verbesserungen in mehreren Bereichen deutlich. Die Adressaten dieser Veränderungen sind in unterschiedlichen Disziplinen, Professionen, Organisationen und Systemen tätig (Ärzte, Bundes-/Landesministerien, Praktiker in psychosozialen und Gesundheitsberufen etc.). Zusätzlich könnte ein stärkeres Ineinandergreifen verschiedener Interventionsangebote, eine verbesserte Kommunikation und Kooperation auf lokaler/regionaler Ebene Synergieeffekte verschiedener Hilfeangebote und – träger (stärker) nutzen.