Was sind eigentlich Drogenopfer?

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Dr. phil. Alfred Uhl
Ludwig Boltzmann Institut für Suchtforschung, Wien

In der öffentlichen Diskussion über die Schädlichkeit und Gefährlichkeit von Drogen spielt die Zahl der Drogenopfer eine herausragende Rolle. Der Umstand, dass diese Zahl jährlich vom österreichischen Gesundheitsministerium veröffentlicht wird, macht deren Bedeutung für die Öffentlichkeit offensichtlich. Nimmt die Zahl der Drogenopfer im Vergleich zum Vorjahr zu, so wird dies meist unmittelbar als Zunahme des „Drogenproblems“ interpretiert und dementsprechend Handlungsbedarf geäußert. Nimmt diese Zahl hingegen ab, gilt die praktizierte Drogenpolitik als erfolgreich, deren erklärtes Ziel ja die Reduktion des illegalen Drogenkonsums und der damit verbundenen negativen Folgen ist. Leider stehen bei der Präsentation dieser Daten zur drogenbedingten Mortalität oft mediale und politische Aspekte im Vordergrund. Wollte man aus diesen Angaben tatsächlich auch einen Erkenntnisgewinn ziehen, müsste man sie differenzierter analysieren und auch die Fülle von gravierenden Problemen einbeziehen, die in Zusammenhang mit der Interpretation dieser Zahlen auftreten:

In den Medien werden beim Vergleich der aktuellen Drogenopferzahl mit den Vorjahreszahlen primär Zufallsschwankungen interpretiert.

Da Ereignisse wie Todesfälle in Zusammenhang mit Drogenkonsum, ähnlich wie auch Straßenverkehrsunfälle, nicht nur von relevanten Rahmenbedingungen, sondern auch von vielen Zufallsfaktoren abhängig sind, ist es nicht sinnvoll, Jahresschwankungen inhaltlich zu interpretieren. Erst konstante Trends über mehrere Jahre hinweg sind inhaltlich sinnvoll interpretierbar.

Ein Anstieg der Drogenopfer ist keinesfalls mit einem Versagen der Drogenpolitik gleichzusetzen

Solange eine Drogenwelle im Ansteigen ist, kommen jährlich zu den bereits Süchtigen neue Süchtige hinzu. Da vor allem junge Menschen in den problematischen Drogenkonsum einsteigen, wird eine konstante Anzahl an Süchtigen erst nach vielen Jahrzehnten erreicht, dann nämlich, wenn die Zahl der altersbedingt, krankheitsbedingt oder an Überdosierungen sterbenden Süchtigen der Zahl der Neueinsteiger ausgleicht. Da bei konstantem Sterberisiko pro Süchtigem und Jahr mehr Drogenopfer zu erwarten sind, wenn es insgesamt mehr Süchtige gibt, muss die Zahl der Drogenopfer über viele Jahrzehnte hinweg kontinuierlich steigen, selbst wenn die Zahl der Neueinsteiger nicht ansteigt. Sogar, wenn eine erfolgreiche Drogenpolitik die Zahl der Neueinsteiger und/oder das Sterberisiko von Süchtigen deutlich reduziert, ist zu erwarten, dass die Zahl der Drogentoten infolge des beschriebenen dynamischen Prozesses über viele Jahre hinweg dennoch kontinuierlich zunimmt.

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