Heroinmythologie – zwischen Prohibition und heroingestützter Behandlung

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Univ.-Prof. Dr. med. Alfred Springer
Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Suchtforschung Wien

Seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts laufen in einigen Europäischen Ländern Projekte, in denen opiatabhängigen Personen Heroin medizinisch kontrolliert zugänglich gemacht wird. Diese Therapieversuche starteten in der Schweiz und wurden später auch in den Niederlanden, in Spanien und in Deutschland durchgeführt. Sie dienen vor allem dem Ziel, Klientele, die von anderen Therapieangeboten nicht erreicht wurden, ins Behandlungsnetz zu bringen und damit sowohl den PatientInnen zu helfen, als auch die Belastung zu reduzieren, die der Gemeinschaft aus der steigenden Anzahl von Personen erwächst, die entweder durch gebräuchliche Angebote nicht erreicht werden konnten oder von ihnen nicht profitierten.

Das Angebot ist demnach als Erweiterung der diversifizierten Behandlung der Opiatabhängigkeit zu verstehen und gilt für eine gut definierte Zielgruppe. Die Verabreichung des Heroins erfolgt stets unter äußerst kontrollierten Bedingungen, wobei in den verschiedenen Ländern auch verschiedene Designs entwickelt wurden. In allen Fällen ist jedoch das Design darauf aufgebaut, dass Heroin zugänglich gemacht wird und dass es in einer Form gebraucht werden kann, die von der Mehrheit der Abhängigen bevorzugt wird. Dementsprechend handelt es sich in der Schweiz und in Deutschland um Programme, in denen injiziert wird, während in den Niederlanden andere Gebrauchsformen zugänglich gemacht wurden. Die Programme sind als klinische Versuche definiert und folgen in ihrem Design dem Prinzip der kontrollierten (randomisierten) klinischen Anwendungs- und Vergleichsstudien. Nachdem in der Schweiz der Weg einer mehr naturalistischen Studie gewählt wurde und dies zu Kritik von Seiten der WHO führte, fühlten sich die Gestalter der Studien in den anderen Ländern dazu verpflichtet, einen quasi experimentellen Ansatz zu verfolgen, in dem die einzelnen Komponenten der Behandlung klar voneinander abgegrenzt werden und in ihrer Wirksamkeit beobachtet werden können.

Aus allen Ländern werden gute Erfolge berichtet. Die Methode weist gute Haltekraft auf und trägt zu einer Verbesserung der Lebensqualität der schwierigen und hoch belasteten KlientInnen bei. Dass der Beigebrauch von Opiaten sinkt ist trivial, da die PatientInnen ja ohnehin die von ihnen gewünschte Substanz erhalten; ebenso ist eine missbräuchliche Konsumation dadurch ausgeschlossen, dass die Substanz injiziert wird. Hinsichtlich des Beigebrauches anderer psychoaktiver Stoffe hingegen konnte die deutsche Vergleichsstudie keine signifikanten Unterschiede zwischen der Heroin- und der Methadongruppe erheben. Besonders deutliche Verbesserungen ergeben sich allgemein hinsichtlich der Delinquenzbelastung.

Ein besonderes Problem ist die Situation, dass die Heroinversorgung lediglich für die Laufzeit der Projekte garantiert ist. Ein Ergebnis der Niederländischen Studie war es, dass Personen, die unter Heroinbehandlung einen günstigen Verlauf erkennen ließen, rasch wieder in ihr altes Verhalten zurückfielen, wenn sie kein Heroin mehr auf dem medizinischen Verordnungsweg bekamen. Aus diesem Grund wurde in den Niederlanden kürzlich die Heroinbehandlung gesetzlich verankert. In der Schweiz ist sie ebenfalls verankert und weist bereits Charakteristika einer Routinebehandlung - allerdings unter maximalen Kontrollbedingungen - auf. Die Heroinverschreibung in England, die traditionell stattfindet und zu der zumindest bislang keine neuen Vergleichsstudien durchgeführt wurden, wird ebenfalls als Teil der diversifizierten Behandlungsangebote weitergeführt.