Adipositas ähnelt Suchtverhalten – im Gehirn

 

Der Anteil adipöser Patienten, die Nahrungsmittel aus ähnlichen Motiven konsumieren wie Suchterkrankte die präferierte Substanz, wird – je nach Studie – auf 15 bis 50 Prozent geschätzt. Außerdem lassen sich bei ihnen Hirnveränderungen feststellen, die in ähnlicher Weise bei substanzabhängigen Patienten existieren. Darauf weisen Forschungsarbeiten hin, die Experten in der Fachzeitschrift „Suchttherapie“ im Rahmen einer Übersichtsarbeit vorstellten. Die herangezogenen Studien legen nahe, Suchtaspekte bei der Behandlung der Adipositas stärker als bisher zu beachten.

Auch in Österreich ist Adipositas bekanntlich ein ständig wachsendes Problem. Begründet wird diese Entwicklung laut dem Studienautor Jan Malte Bumb zum einen durch den hohen Anteil an Zucker, Fett, Salz und Geschmacksverstärkern in Fertigprodukten. Viele Menschen nehmen so mehr Kalorien zu sich als sie benötigen. „Zum anderen weisen Studien darauf hin, dass die Werbung und die Neigung, Stress durch Nahrungsaufnahme zu kompensieren, zusätzlich zu einem unkontrollierten Essverhalten beitragen. Nahrungsmittel werden so nicht zur Aufrechterhaltung des Energiehaushalts, sondern aus ‚mit abhängigen Verhaltensweisen vergleichbaren‘ Aspekten konsumiert“, erklärt der Mediziner von der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit im deutschen Mannheim.

Bumb und Kollegen sehen in einer Subgruppe vulnerabler, übergewichtiger und adipöser Patienten mehrere Kriterien einer Abhängigkeitserkrankung laut WHO-Kriterien als erfüllt an. In dieser Gruppe zeigte sich ein besonderer Hang zum „Craving“. Das äußert sich durch einen zwanghaften Wunsch nach Nahrungsmitteln mit einem hohen Anteil an Kohlenhydraten und Fetten. Des Weiteren zeige sich eine eingeschränkte Kontrollfähigkeit in Bezug auf die konsumierte Nahrungsmenge. Zudem müssen die Betroffenen mit der Zeit immer größere Mengen essen, bis das Sättigungsgefühl einsetzt.

„Wie von Suchterkrankten bekannt, könnte auch bei adipösen Patienten eine Toleranzentwicklung in Bezug auf Sättigung durch Nahrungsaufnahme vorliegen“, fasst der Wissenschaftler zusammen. Das liege zum einen an der Vergrößerung des Magens, zum anderen an der nachlassenden Wirkung des Sättigungshormons Leptin. Die Betroffenen vernachlässigen meist auch andere Interessen und können den Nahrungsmittelkonsum trotz der bekannten nachteiligen Konsequenzen nicht einschränken. Diese Aspekte treten auch bei  „klassisch“ substanzabhängigen Menschen auf.

Mittels funktioneller Magnetresonanztherapie (fMRT) konnte zudem die Aktivität einzelner Hirnareale sowohl von adipösen als auch von substanzabhängigen Patienten sichtbar gemacht werden. In beiden Gruppen zeigten sich sehr ähnliche Auffälligkeiten in Bereichen, die für Selbstkontrolle, Entscheidungsfindung und Handlungshemmnisse mitverantwortlich sind. „Hirnforscher gehen davon aus, dass dort der Grund für die Impulsivität und Zwanghaftigkeit zu finden ist, die sowohl den Konsum abhängigkeitserzeugender Substanzen als auch die wiederkehrenden Heißhungeranfälle und die Größe der eingenommenen Mahlzeit bei adipösen Patienten kennzeichnen“, erklärt Bumb.

Kritiker dieser Suchthypothese meinen, dass der Mensch zum Überleben Nahrungsmittel braucht und diese damit per se nicht mit klassischen abhängigkeitserzeugenden Substanzen vergleichbar sind. Dennoch deuten die Ergebnisse der Metastudie laut den Studienautoren daraufhin, Suchtmechanismen bei der Behandlung der Adipositas verstärkt in den Fokus zu nehmen.

 

Quelle:  https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/abstract/10.1055/a-0765-8510